Wolfgang Becksteiner

Wertverschiebung, 2010

Das ambivalente Paar Verunsicherung und Heilsversprechung, das einer Grundsehnsucht des Menschen nach Sicherheit entspricht, ist Thema der Skulptur. Wenn Religion ins Jenseits verweist und die Wirtschaft auf Gold als ewig haltbares und sicherndes Material der Stabilisierung, so ist es Kunst, die statt Antworten Fragen definiert. Becksteiner verändert die originalgroßen Goldbarren der Skulptur, indem er sie aus feinstem Beton gegossen und mit Werktitel, Serien- und Auflagennummer versehen hat. So liegt das Werk in Form von 999 Barren als Stapelware auf einer Palette und wird durch Vergitterung vor dem Zugriff geschützt.

 

 

In rasanter technischer, wirtschaftlicher, industrieller und sowohl Zeit als auch Weg außer Acht setzender Entwicklung globaler Systeme und Kommunikationsstrukturen geht es immer weniger um reale und rational nachvollziehbare Gegebenheiten, sondern zunehmend um virtuelle Strukturen und Spekulationen.

Glaubte man während der Aufklärung noch an Erkenntnis, Logik, Rationalität, Machbarkeit und Effizienz, so kehrten sich die Parameter Berechenbarkeit und Kalkül danach im Idealismus, in der Romantik, im Symbolismus in diejenigen des Abgründigen und Absurden, des Un- und Unterbewussten unter Auslotung des Gefühls, der Liebe und der Wahrnehmung des Einzelnen.

 

Heute wird der Versuch unternommen, nicht nur regionale, nationale oder internationale Bedingungen und Schwierigkeiten nach pragmatisch-logischen Grundlinien zu erklären und zu klären, es wird, auch im Hinblick auf schwankende Aktienkurse, zunehmend standardisiert, vereinheitlicht und konstruiert, gleichzeitig führen sich wirtschaftliche und strukturelle Bemühungen aber selbst ad absurdum.

Weltwirtschafts-, europaweite oder nationale Krisen scheinen immer irrationaler und die Welt in ihren Systemen immer instabiler. Milliardenbeträge werden imaginär verschoben, über Länder, Banken oder Firmen undurchschaubare Schutzschirme gespannt, Werte verunklärt.

 

Auch für den Bereich der Kunst werden deren Investmentwert sowie Rentabilität zunehmend gefordert, mit ihrer Werterhaltung und -steigerung wird weltweit spekuliert, die prekäre Situation vieler Künstlerinnen und Künstler dabei oft außer Acht gelassen.

 

Grundsätzlich gilt das ambivalente Paar Verunsicherung und Heilsversprechen der menschlichen Ausgeliefertheit und seiner Grundsehnsucht nach Aufgehoben Sein und Geborgenheit. Wenn Religion ins Jenseits verweist und die Wirtschaft Gold als ewig haltbares und sicheres Material der Stabilitätsgarantie hoch hält, so ist es Kunst, die statt Antworten Fragen definiert:

 

Becksteiners Barren entsprechen bewusst nicht der exakten Originalgröße genormter Goldbarren, denn sie sollen nicht nachbilden, sondern erinnern, er verändert neben der Größe auch deren Materialität in feinsten Beton, gießt und versieht ihn mit Werktitel, Serien- und Auflagennummer.

Schriftform, Text und Information als mediales Trägermaterial sind ihm dabei ebenso wichtig, wie die Transformation eines flüssigen Gemischs aus österreichischem Sand und Zement in langsamer Trockenphase bis zu granitharter Substanz, die überall, also auch im Freien lagern kann. Diesen Parallelitäten zum Gold entspricht das konsequente Belassen des Materials in seiner  Naturfarbe. Nicht die Täuschung, nicht Camouflage oder Fake interessieren Becksteiner, sondern die Untersuchung bis zur Grammgenauigkeit der Bestandteile von Beton, die er gleich einem Alchimisten auf technisch-physikalischer Basis erkundet. Physisch erfassbar funktioniert der Barren in seiner Form als Archetyp, der sofort von Jedem als solcher erkannt wird.

Neben höchstmöglicher Qualität und Ästhetik ist es also die Haptik, die Becksteiners Arbeit inhärent ist. Jeder der Barren hat eine handhabbare Größe, die einen besonderen Reiz ausübt. Zur Erhöhung dieses Reizes und des Wertes wird als sichtbares Zeichen ein Gitter um die Palette von Barren montiert, sodass die geballte Form der Einzelteile wirksam werden kann und an die staatliche Unterstützung von Banken und Bauindustrie als vermeintliche Antwort auf Wirtschaftskrisen hinweist.

 

Gleichzeitig erinnert uns die Verdichtung der einzelnen Teile an Spielfilme, in denen Goldbarren in großen Mengen in Taschen aus Banken gestohlen werden und verdeutlicht die Miss-Interpretation von leicht verfügbarer und transportabler Sicherheit.

So müssen Bewahrer der Reichtümer darauf achten, dass sie nicht unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen. In Realiter beschäftigt der Goldboom in der Wirtschaftskrise die Finanzbranche auch, wie folgt: „“Wir bekommen langsam ein Platzproblem“, sagt ein Sprecher der Zürcher Kantonalbank (ZKB) dem SPIEGEL. Bei dem Institut sind die Goldbestände so enorm gewachsen, dass jetzt sogar die Statik des Hauses überprüft werden musste…Zwecks Platzbeschaffung würden die Goldbarren nun nicht mehr in einfachen, sondern in zwei oder drei Schichten auf Euro-Paletten gestapelt, hieß es.“ (SPIEGELONLINE, 21.3.2009). Und auch aus der österreichischen Kathrein Bank wurde verlautet: „“Wir mussten vor der letzten Lieferung von Goldbarren mit einem Statiker klären, ob der Boden das Gewicht aushält“, erzählt Christoph Kraus von der Kathrein Bank.“ (Die Presse online, 11.4.2009). Heute konstatiert Nikolaus Jilch: “Wie viel Gold tatsächlich in physischer Form vorhanden ist – und wie viel nur als Forderung an eine Gegenpartei -, ist völlig unbekannt.“ (Nikolaus Jilch in: Die Presse, 10. April 2012, S.1)

 

999 Barren liegen als Hinweis auf den größtmöglichen Feinheitsgehalt von Gold auf der Palette, gleichzeitig verweist diese Menge auf die serielle Arbeitsmethode des Künstlers, der hier Gold als Stapelware und Kunst als Konzentrat thematisiert. Dabei überfrachtet er das Material Beton ebenso mit Bedeutung, wie die Form des Barrens bei gleichzeitiger Entleerung vorgegebener Wertmaßstäbe durch materielle Transformation.

Jeder der Barren bleibt ein Einzelstück, die Ambivalenz von Individualität und Anonymität in gestapelter, rein funktionaler Form bleibt. In Becksteiners Verweigerung der ursprünglichen Benutzbarkeit entlarvt er nicht nur deren angeblichen nominalen Wert, er ordnet den Inhalt neu und setzt vorgegebene Sicherheit in ein neues Schwingungsverhältnis von Sein und Schein.

Dies erinnert, besonders im Zusammenhang mit Park und der Schönheit und Vielfalt von Pflanzen an die erste gut dokumentierte Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte, der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert:

Lag das Zentrum der Artenvielfalt der Tulpen im südöstlichen Mittelmeerraum, so übernahmen die Türken die Kultivierung der Tulpen im 15. Jahrhundert von den Persern. Vom osmanischen Reich aus gelangten sie um 1560 über Konstantinopel nach Wien, wo der flämische Botaniker Carolus Clusius, seit 1573 Präfekt des kaiserlichen Heilkräutergartens in Wien, ebendort ab ca. 1574 die Tulpenzucht in großem Stil weiter entwickelte.

Die Einführung der Tulpe leitet in der Geschichte der Gartenbaukunst, und dies ist besonders schön auch in diesem Park nachzuvollziehen, weil vom Landschaftsarchitekten Dieter Kienast zitiert, die sogenannte orientalische Periode ein, in der neben Tulpen auch Hyazinthen und Narzissen in die westeuropäische Gartenkultur Eingang fanden.

Tulpenknollen fanden auch Eingang in die Wunderkammern, die seit dem 14. Jahrhundert als Vorläufer von Museen in Europa entstanden und befanden sich damit in engem Kontakt zu anderen Besonderheiten, zu Gold oder Literatur über Alchimie und Kunst. Die Explosion des Tulpenpreises im 17. Jahrhundert wiederum führte nicht nur zu einer Wirtschaftskrise, sie wurde auch von der Kunst, z.B. in Kupferstichen von Crispin van der Passe d.J. oder in Gemälden von Hendrick Gerritsz bearbeitet.

 

So schließt sich der Bogen von Kunst, Natur und Wirtschaft über die Jahrhunderte und wir finden heute den Stapel aus betonierten Barren im Österreichischen Skulpturenpark, der als schützender und geschützter Safe, als Speicher für Kunst fungiert. Als bankenunabhängige Wertanlage ist der Stapel an jenem vom Künstler ausgewählten Standort positioniert, der zwar nahe genug zur Betrachtung, aber doch nur mit Mühe erreichbar bleibt und damit dem Spiel von Anziehung und Zurückweisung entspricht.

Die Strategie einer Edition ist eine Option für Wolfgang Becksteiner, die derzeitige Krise zu bewältigen und hoch gehandelte Aktienwerte von Kunst formvollendet zu übersetzen und zu sublimieren.

Bezeichnender Weise als Geschenk des Künstlerpaares Günter und Anni Brus liegt das Werk 1/10 als becksteinersche Wertverschiebung im Park. So investiert Kunst in Kunst, die schließlich in Antwort auf irrationale Wertverschiebungen der Öffentlichkeit frei zugänglich gemacht wird.


 



Autor: Langtext: Elisabeth Fiedler, Kurztexte adaptiert von Lisa Schantl und Lukas Sperlich 
Planübersicht: Position 65
Besitzer: [Universalmuseum Joanneum]

Biografie: Wolfgang Becksteiner
 

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