Unità Cellulare

Giuseppe Uncini, 1967/2008

Der Raum zwischen Objekt und Umwelt ist stets ein Teil von Uncinis Skulpturen. Die Realität eines Objekts wird durch ein orange lackiertes Stahlrohr abgebildet. Ein zusätzlicher Raum ist durch die Schatten angedeutet, welche in Form von flachgeklopften grauen Metallstäben Bestandteil der Skulpturen sind. Der aus Cortenstahl gefertigte Boden verändert sich unter dem Einfluss von Klima und Witterung. Er verdeutlicht Uncinis Interesse an der selbstständigen Umwandlung der Materialien und integriert somit auch den Zeitfaktor.

Ein Raum aus runden Metallrohren, in dem Wände und Gegenstände nur Umrissen sind. Die Schattenlinien werden durch eckige Stahlrohre ergänzt. Uncinis Werk steht im Berggarten des Skulpturenparks. Ein Raum aus runden Metallrohren, in dem Wände und Gegenstände nur Umrissen sind. Die Schattenlinien werden durch eckige Stahlrohre ergänzt. Uncinis Werk steht im Berggarten des Skulpturenparks.

Bildinformationen

Autor*in

Elisabeth Fiedler und Peter Weibel, Kurztext adaptiert von Lisa Schantl und Lukas Sperlich  

Planübersicht

Besitzer*in

Österreichischer Skulpturenpark am Universalmuseum Joanneum

Künstler*innenbiografie

Giuseppe Uncini

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Zum Werk

Die italienische Kunst der 1950er-Jahre ist charakterisiert durch unterschiedlichste künstlerische Ausdrucksformen, von traditionellen realistischen Tendenzen bis zu abstrakten, ungegenständlich konkreten oder informellen Ausformulierungen. Heftige Kontroversen zwischen zahlreichen Künstlergruppen und ideologische Auseinandersetzungen sind bezeichnend für diese Zeit.

Giuseppe Uncini, 1929 in Fabriano geboren, studiert von 1947 bis 1948 am Istituto d`Arte in Urbino und kommt 1953 nach Rom, in diejenige Stadt, die damals neben Mailand das wichtigste italienische Kunstzentrum in Auseinandersetzung mit internationalen Tendenzen darstellt und in der er die führenden Vertreter des italienischen Informel kennenlernt. Uncini schließt sich aber weder dieser Bewegung an noch findet er seine Intentionen in der Minimal Art wieder.

So gründet er 1962 in Rom gemeinsam mit Gastone Biggi, Nicola Carrino, Achille Pace und Pasquale Santoro die Gruppo Uno mit dem Ziel, das Informel durch geometrische Formen und objekthafte Werkkonzepte zu überwinden. Das besondere Interesse der Gruppe gilt der Beziehung zwischen Kunst und Wissenschaft, wobei neben traditionellen Materialien auch mit optischen Effekten experimentiert wird. In den letzten Jahren ihrer Zusammenarbeit konzentrieren sich die Untersuchungen der Künstler auf die Beziehung zwischen Raum und Umgebung. Ihr letzter bedeutender Auftritt findet auf der Biennale von Venedig im Jahr 1966 statt, bevor sie sich 1977 als Gruppe auflösen.

Innerhalb der Veränderung von der Repräsentation als Abbild des Realen zur Autonomie der Farben und Gegenstände seit den Konstruktivisten, dem sukzessiven Ausstieg aus dem Bild, der in den 1960er-Jahren, unter anderem durch die Beeinflussung Lucio Fontanas, aber auch der Aktionskunst, der Happenings und der Beteiligung des Publikums stattfand, entwickelt Giuseppe Uncini ein gänzlich eigenständiges und neuartiges Werk. Er, der stets an der Schnittstelle von Zeichnung, Malerei, Skulptur und Architektur arbeitet, will seine Arbeit von der Materialschwere ebenso befreien wie von jeder genuinen Individualität.

Unter Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse, der Bedeutung des Lichts, der Beachtung des Schattens und der Entdeckung der Leere als Bestandteil von Skulptur oder Architektur stellt er ein Bewusstsein über das Zusammenspiel von Möglichem und Unmöglichem her. Da die Wissenschaft unsere Wahrnehmungsfähigkeit nicht regeln kann, lassen sich die Räume Uncinis sowohl physisch als auch konzeptuell definieren.

Grundsätzlich will er keine Ideen darstellen oder vermitteln, sondern konstruierte Werke schaffen, die keine Bedeutung außerhalb ihrer reinen Erscheinung und Präsenz haben. In seiner Überwindung der Grenzen von Zeichnung, Malerei und Skulptur benutzt er 1958 zum ersten Mal Zement und Eisenstäbe. Es handelte sich dabei nicht nur um gewöhnliches, unkompliziertes Material, die Materialien arbeiteten bereits hier für sich selbst weiter. Mit diesen Cementi Armati schuf er aus Materialmalerei eine dreidimensionale Plastik, die aus Fläche und Struktur erzeugt wurde.

Uncini ist der erste Bildhauer, der das Problem des Schattens als skulpturales Problem behandelt. Der Schatten wird bei ihm zum Zeichen eines Raumes, der existiert und nicht existiert, zu einem Scheinraum, zu einem virtuellen Raum, den er nur sichtbar machen kann, indem er ihn materialisiert. Davon angeregt erkennt Uncini, dass eine Skulptur nicht nur Raum einnimmt, sondern zwischen sich und der Umwelt einen neuen Raum errichtet, nämlich einen Zwischenraum, der ebenfalls Teil der Skulptur ist. Auch dieser Zwischenraum wird bei ihm bildhauerisch materialisiert. So entsteht eine Skulptur, die aus positivem und negativem Volumen besteht, aus Raum und Zwischenraum, aus Material und Immaterialität.

1967 nimmt Uncini an der Biennale trigon 67 in Graz teil, wobei er vor dem Künstlerhaus eine Metallskulptur unter dem Titel Unità Cellulare installiert, die wie in einer Umrisszeichnung die Konturen eines möblierten Innenraumes und dessen Schattenwirkung wiedergibt. Nahezu in einer durchgehenden Linie gezeichnet, erscheint dabei das als Realität Vorgegebene in orange lackiertem Stahlrohr, die jeweiligen Schatten sind flachgeklopfte graue Metallstäbe.

Der dem Menschen zugewiesene und größenmäßig entsprechende Raum erreicht hier eine Durchlässigkeit, die neben der Befragung nach öffentlichem und privatem Raum den natürlichen Begleiter jedes Menschen, den Schatten, sich ständig verändernd mitzeichnen lässt, denn ohne Schatten verfällt der Mensch in Melancholie und Wahnsinn, wie wir seit der Literatur in der Romantik wissen.

Die Greifbarkeit von Realem und Imaginärem, zwischen exakter Konstruktion und unbeeinflussbaren äußeren Erscheinungen wird hier ebenso deutlich, wie Uncinis Interesse an der selbsttätigen Veränderung der Materialien. Der Boden nämlich ist aus Cortonstahl gefertigt, einem Material, das sich bzw. unter Einflussnahme von Klima und Witterung weiterentwickelt, bis es zu einem bestimmten Grad zu rosten beginnt und somit den zeitlichen Faktor auf einer zweiten Ebene integriert. Darüber hinaus werden wir in eine Ambivalenz von Fülle und Leere, von An- und Abwesenheit geführt, deren Bestandteil wir selber werden.