Bienenstock Bunker

Chris Burden, 2003

Eingeladen, am Concrete Art-Projekt im Rahmen von Graz Kulturhauptstadt Europas 2003 teilzunehmen, entwickelte er den etwa 4 Meter im Durchmesser und 3,5 Meter hohen Bienenstock Bunker. In seiner für einen Bunker ungewöhnlichen Form, die an einen aus der Erde ragenden Sprengkopf gleichermaßen erinnert wie an einen Zuckerhut oder an einen Bienenkorb, spiegeln sich diskrepante Bedeutungsebenen, mit denen Chris Burden bewusst agiert, um die Absurdität jeglicher Kriegsführung zu verdeutlichen. Damit spiegelt er provokant die vom Menschen produzierte Ausgesetztheit und kriegerische Aggression in physischer Grenzerfahrung. Gleichzeitig wird die Hilflosigkeit wehrloser Zivilist*innen in Form dieser Skulptur als einprägsame Signatur und markante Einschreibung in seine Umgebung verdeutlicht.

Ein Betonbunker in Form eines Bienenkorbs oder Sprengkopfes mit drei senkrechten Öffnungen. Diese ähneln Schießscharten. Oben befindet sich eine Luke aus Metall. Ein Betonbunker in Form eines Bienenkorbs oder Sprengkopfes mit drei senkrechten Öffnungen. Diese ähneln Schießscharten. Oben befindet sich eine Luke aus Metall.

Bildinformationen

Autor*in

Elisabeth Fiedler, Kurztext adaptiert von Peter Gspandl-Pataki

Planübersicht

Besitzer*in

Graz-Köflacher Bahn u. Busbetrieb GmbH (GKB); Stadtgemeinde Deutschlandsberg

Künstler*innenbiografie

Chris Burden

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Zum Werk

Der US-amerikanische Performancekünstler und Bildhauer Chris Burden (1946–2015) war einer der wichtigsten Impulsgeber für und radikaler Akteur der Body-Art, mit der er in den 1970er-Jahren, auch in Reaktion auf den nicht enden wollenden Vietnamkrieg, begann. Dabei agierte er als Provokateur der Subkultur, der die Wurt der Punks vorwegnahm und setzte sich selbst oft extremen bis nahezu selbstzerstörerischen Situationen aus. So schloss er sich bereits in seiner Studien-Abschlussarbeit 1971 unter dem Titel Five-Day Locker Piece fünf Tage lang lediglich mit einer Trinkwasser- und einer Urinflasche in einen Spind ein. Im selben Jahr entstand die schockierende Videoarbeit Shot, in der sich Burden in einer Galerie von einem Freund in den Arm schießen ließ.

In der Performance Trans-Fixed (1974) ließ er sich kreuzförmig auf die Motorhaube eines VW-Käfers nageln. Nach seiner Arbeit Doomed (1975), in der er sich im MCA (Museum of Contemporary Art Chicago) unter eine schwere Glasplatte legte und angegeben hatte, dort so lange zu verharren, bis das Museumspersonal ihn in dieser Aktion unterbrechen würde, was trotz seiner körperlichen Bedrängnis erst nach 45 Stunden geschah, wandte er sich zunehmend von der Body- und Performancearbeit ab. Seine Fokussierung auf soziologische, politische und gesellschaftsrelevante Probleme und Fragestellungen, in denen er sich maßgeblich mit Ästhetik und Ethik der Macht auseinandersetzte, entwickelte er in Skulpturen und konzeptuellen Installationen weiter.

Kriegsgerätschaft wie Panzer, U-Boote, Kriegsschiffe, Waffen sind Bestandteile seines künstlerischen Vokabulars, das real und zum Teil abgewandelt kritisch eingesetzt wird.

Eingeladen, am Concrete Art-Projekt im Rahmen von Graz Kulturhauptstadt Europas 2003 teilzunehmen, entwickelte er den etwa 4 Meter im Durchmesser und 3,5 Meter hohen Bienenstock Bunker. In seiner für einen Bunker ungewöhnlichen Form, die an einen aus der Erde ragenden Sprengkopf gleichermaßen erinnert wie an einen Zuckerhut oder an einen Bienenkorb, spiegeln sich diskrepante Bedeutungsebenen, mit denen Chris Burden bewusst agiert, um die Absurdität jeglicher Kriegsführung zu verdeutlichen. Er selbst schreibt zur Arbeit: „Ich entwarf einen kleinen Drei-Personen-Bunker, den ich wegen seiner Form Bienenstock Bunker nannte. […] Der Bienenstock Bunker ist als ungeheuer billiges Verteidigungselement gedacht. Die Kombattanten würden durch eine Öffnung von oben einsteigen und dann von innen einen Metallriegel vorschieben und versperren. Wie alte Burgen ist der Bienenstock Bunker mit drei vertikalen Schießscharten versehen, durch welche die Besetzer ihre Waffen abfeuern können. Der Bienenstock Bunker würde die Kombattanten in seinem Inneren auch vor kleinen Feuerwaffen schützen. [...] ich plante ihn, weil er im aktuellen Kampfszenario wirklich nützlich sein könnte, viele Bienenstock Bunker wären notwendig, um eine umfassende Achse der Macht zu bilden. Ich glaube, dass Bienenstock Bunker wegen ihrer einfachen konischen Form schwerer zu zerstören wären als rechteckige Bauten. Sie bieten der Schusslinie der Projektile im Wesentlichen immer eine gekrümmte Fläche dar. Zu der funktionellen Komponente kommt noch das Ästhetisch Ansprechende dieses Baus, der ironischerweise die Form eines Geschosses hat.“1

Damit spiegelt er provokant die vom Menschen produzierte Ausgesetztheit und kriegerische Aggression in physischer Grenzerfahrung. Bei genauer Betrachtung erkennen wir an der ringförmig aufgebauten Skulptur drei Schießscharten und eine Einstiegshilfe, die allerdings zu hoch für eine Besteigung angebracht ist. Die Ambivalenz von geballter Kraft als Machtdemonstration und schutzgebender Hülle, von Repräsentanz und Verbergung bestätigt die Mehrdeutigkeit als bewusste In-Frage-Stellung menschlicher Kommunikation, Konfrontation und Isolation. Dabei wird die Hypertrophie männlichen Besetzungs- und Dominanzgebarens und Gewalt ebenso sichtbar wie die Sinnlosigkeit erhobener Macht- und Besitzansprüche.

Gleichzeitig wird die Hilflosigkeit wehrloser Zivilist*innen in Form dieser Skulptur als einprägsame Signatur und markante Einschreibung in seine Umgebung verdeutlicht. In dieser deutlichen Symbolüberhöhung, die schonungslos auf Vernichtung und Selbstvernichtung, den tatsächlichen Zynismus verweist, erklärt Chris Burden Form und Funktion eines Bunkers für drei Personen. Dabei gibt er sich einerseits als schlauer Berater von Kriegsstrategen aus, indem er auf die geringe Angriffsfläche durch die Vermeidung rechter Winkel in ästhetischer Form verweist, andererseits gibt er der Skulptur in der Titelgebung eine euphemistische Zuschreibung von Bunker als Bienenkorb. Dies ist die Antwort der Kunst als herausfordernde Frage auf den Perfektionsanspruch von Kriegsgeräten nach dem System „form follows function“.

1 Chris Burden in: Concrete Art. Ein Projekt von Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas in Kooperation mit der Bauwirtschaft Steiermark und Werkstatt Kollerschlag, Graz 2003, S. 12.