Placement (Giardini)

Manfred Wakolbinger

In den späten 1960ern und 1970ern dominierten das wirtschaftliche und wissenschaftliche Wachstum, die Erdumrundung, der erste Blick auf unseren Planeten, die Mondlandung und der Computer die Welt. In dieser Zeit sozialisiert, entwickelt Wakolbinger Skulpturen aus der Maschine, die eigene Gesetzmäßigkeiten und Algorithmen vorgibt. Handschrift wird dabei zur vernachlässigbaren Kategorie. Gleichzeitig erinnert die Skulptur an das mystische Wesen eines Göttervogels, der die Erde berührt, an das Festhalten des Augenblicks, des Durchzugs oder Weiterflugs. Der schwebende Sockel verdeutlicht das Spiel von Leichtigkeit und Schwere.

Ursprünglich computergenerierte Skulptur, die aus Metall gefertigt wurde. Sie abgerundet geformt und liegt auf einem Sockel aus Beton, der aus einem abfallenden Hang hervorsteht. Ursprünglich computergenerierte Skulptur, die aus Metall gefertigt wurde. Sie abgerundet geformt und liegt auf einem Sockel aus Beton, der aus einem abfallenden Hang hervorsteht.

Bildinformationen

Autor*in

Elisabeth Fiedler, Kurztext adaptiert von Lisa Schantl und Lukas Sperlich

Planübersicht

Besitzer*in

Österreichischer Skulpturenpark Privatstiftung

Künstler*innenbiografie

Manfred Wakolbinger

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Zum Werk

Geboren 1952 erfolgte Manfred Wakolbingers Sozialisation in der Zeit der Hippies und des Rock`n‘Roll, der bewusstseinserweiternden, psycho- und körperanalytischen Reflexion, der kosmologischen Raumerweiterung in Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft bei gleichzeitiger Erkenntnis menschlichen und politischen Unvermögens in der Welt, ungelöster finanzieller, politischer, sozialer und emotionaler Konflikte.

Auseinandersetzung mit dem Innen und Außen von Körper und Psyche, mit dem Wirkungsbereich und dem Scheitern menschlicher Erneuerungen im technischen und sozialen Bereich sind prägend für Wakolbingers Arbeit. Der Flug von Sputnik über Österreich als erstem Erdsatelliten russischer Bauart im Jahr 1957 war und ist für ihn ebenso faszinierend wie die Tatsache, dass Voyager 2 trotz ihres Austritts aus unserem Sonnensystem im Jahr 2000 immer noch Fotos zur Erde sendet.

Joseph Beuys, Chaim Soutine, Filme von Dennis Hopper, Alejandre Jodorowsky, David Cronenberg, Musik von Jimi Hendrix, besonders sein Entschweben in „electric skies“, Arbeiten von Richard Deacon, Anish Kapoor oder Vito Acconci sind wichtig für das Denken von Manfred Wakolbinger.

Werkzeugbau, Metallbearbeitung, Industriemontage, Konstruktion und Schmuckdesign bilden seine handwerklich-technische Basis, auf der er seine skulpturale sowie Film- und Fotoarbeit entwickeln konnte, die international bei der Biennale in Venedig und der documenta gezeigt wurde und wird. Kupfer, Spachtelputz, Beton und Glas in ihren unterschiedlichen und kontrastierenden Stärken, Reaktionen, Reflexionen und Transparenzen sind jene Materialien, mit denen Wakolbinger in unterschiedlicher Bearbeitung seinen Werken eine dem menschlichen Körper, der Architektur, dem virtuellen oder realen Raum angemessene Form gibt.

Nicht die Expression interessiert ihn dabei, er untersucht vielmehr die Zusammenhänge von Körper, Maschine, Raum und Zeit, Expansion und Inversion, Ausdehnung und Begrenzung. Anstatt monumentaler Einschreibungen in die Welt ist es unaufdringliche Leichtigkeit und eine Art von Schwerelosigkeit, die seine Skulpturen trotz dichten Materials vermitteln, auf ihre unmittelbare Umgebung reagieren, diese verändern und unsere Wahrnehmung immer neu herausfordern.

So verhält es sich auch mit der Arbeit Giardini (Placement) im Österreichischen Skulpturenpark. Sie entstammt einer Serie computergenerierter Formate, die allansichtig gerendert das schwerelose Entheben von oben, unten, rechts und links ermöglichen. Entworfen mittels eines 3D-Programmes entledigen sich die Placements des Charakters der Handschriftlichkeit und werden vom Künstler virtuell als riesige Monumente in obskure Orte und Landschaften platziert. Eines der real umgesetzten Exponate wurde für den Skulpturenpark adaptiert.

Ähnlich dem Erleben beim Tauchen oder der Kosmonautik verlieren Wakolbingers Arbeiten eine bestimmte Gerichtetheit oder Absicht, formal weisen sie auf Organisches wie Blumen oder Teile von Bäumen oder Körpern, aber auch an den eingefrorenen Momentzustand mechanischer Durchgangssituationen. Erinnernd an einen zu spät geschlüpften Göttervogel, wie ihn Peter Sloterdijk beschreibt, der hier die Erde berührt, erscheint die Skulptur wie das Festhalten des Augenblicks des Durchzugs oder Weiterfluges. Göttervögel, die ausschließlich in den Lüften leben und die auch im Flug schlüpfen, um sofort ihre Flügel auszubreiten und zu fliegen, sind mythische Wesen, die sich ebenfalls der Schwerkraft zu entziehen scheinen.

Die Ambivalenz der Arbeit von Schwere und Leichtigkeit, von biomorph und technoid, von Präsenz und Entschwinden verdeutlicht sich zusätzlich durch ihre Verbindung zum schwebenden Sockel. Der Zusammenhang von Skulptur und Sockel, der für Wakolbinger stets von großer Bedeutung ist und eine besondere Herausforderung darstellt, deutet hier in der einheitlichen Erscheinung und der Wahl der Materialien Edelstahl für die Skulptur und Beton für den Sockel einerseits die Verschmelzung beider Elemente an, andererseits scheint die Skulptur abzuheben bzw. in großer Leichtigkeit auf dem Sockelbrett zu schweben.

In der Titelgebung Giardini spielt Wakolbinger bewusst auf das Umfeld an, in dem sich seine Arbeit jetzt befindet. Bedeutungsdualitäten von Form und Material, Organischem und Technischem, Ausstülpung und Inversion, Leichtigkeit und Schwere, Innen und Außen, die Wakolbinger so wichtig sind, übertragen sich auf unsere Reflexion. Besondere Bedeutung kommt nämlich dem Betrachter zu, dessen Wahrnehmung von der jeweiligen Umgebung geprägt wird bzw. mit dieser korreliert. Aus Wakolbingers Überzeugung davon, dass Gedanken abhängig sind von den Orten, an denen man sich befindet, treten wir hier in einen ganz spezifischen Dialog mit seiner Arbeit.

Rückverweisend auf den „negativen Horizont“ von Paul Virilio, mit dem die Form jenes Raumes gemeint ist, den die Luft einnimmt, also jenem, der zwischen Dingen und Personen steht, entfaltet sich die Skulptur als ein der Zeit und dem Raum ausgesetztes und diese gleichzeitig beeinflussendes Gebilde und tritt mit uns in Kontakt. So können wir in sie eintauchen, werden von ihr angezogen, um von ihrem Schwebezustand beeinflusst zu reagieren, um im Einlassen auf die Form ein verborgenes Universum von innen zu öffnen, um Assoziationsketten zwischen Erinnerung und Vergessen, Entfaltung und Absorption, Entstehung und Verschwinden zuzulassen.

Gesetzt als Verwandlungszustand, als Prozess der Transformation löst sich die Skulptur von jeder Schwergewichtigkeit, entzieht sie sich einer Festsetzung und schreibt sich gleichzeitig als offenes Zeichen in unser Bewusstsein oder Unterbewusstsein ein, um daraus wieder Neues entstehen zu lassen.