Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J.Kucek

11. Oktober 2017 / Barbara Steiner

Ein wieder verwendbares Ausstellungssystem für das Kunsthaus

Kunsthaus Graz

Immer wieder werde ich darauf angesprochen, dass man im Kunsthaus wegen seiner Architektur eigentlich keine Ausstellungen machen könne. Diese Meinung teile ich nicht.
Und die beiden jetzigen Ausstellungen sind auch dazu gedacht, den Gegenbeweis anzutreten. Setzt man allerdings den weißen Ausstellungsraum als Maßstab, so wird man von den Innenräumen des Kunsthauses enttäuscht sein. Arbeitet man hingegen mit der Architektur, so lassen sich überzeugende Lösungen finden.

Wände und Hängepunkte

Rainer Stadlbauer entwickelte im Rahmen von Graz Architektur ein wiederverwendbares Ausstellungssystem für das Kunsthaus. Dieses ist einerseits aus der konstruktiven Logik des Gebäudes abgeleitet (konkret aus den orthogonal angeordneten Hängepunkten des Space02) und bezieht sich andererseits auf historische Hängedisplays des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus wurden auch Überlegungen von Cook und Fournier aufgegriffen und fortgeschrieben. Die britischen Architekten hatten von Anfang an Hängepunkte für Displayflächen eingeplant, um die Aufstellung von weißen Wänden zu vermeiden.

Horizontale und Vertikale

In der Ausstellung Graz Architektur werden die Projekte jeweils auf einzelnen Elementen – vertikal oder horizontal – gezeigt. Diese strukturieren den Space02; sie fungieren dabei als räumliche und visuelle Trennung wie auch Verbindung zwischen den Positionen der Architekten. Das Alulochblech wirkt in der Nahsicht kompakter und damit flächiger, aus einer gewissen Entfernung betrachtet, erscheint es geradezu durchlässig. Auf diese Weise erhalten die Projekte ihren eigenen Raum, sie treten jedoch auch in Verbindung mit den benachbarten Positionen. Für Graz Architektur hat die Gestalterin Anna Lena von Helldorff mit Stadlbauer zusammengearbeitet. Sie greift das Modulprinzip der Aluflächen auf und überträgt es auf den Einsatz von farbigem Acrylglas. Dieses sorgt für Orientierung im Raum und wird auch als Träger der Objektinformation eingesetzt. Frei im Raum hängende Knotentexte markieren und vernetzen die ausgestellten Werke. Indem man über den Travelator in den Space01 gleitet, ergeben sich fantastische Einblicke in die Raumgestaltung – auch von oben.

Sponsoring und Expertise

Aluminiumrahmen, Aluminium- und Lochblech wurden von der Firma Zultner gesponsert. Wolfgang Krenn (Metallbau Leicht) und Markus Katschner (Wilfling Reklamebau) unterstützten das Projekt mit ihrer Expertise und verzichteten auf ihre Gewinnmargen. Im Laufe der Vorbereitungen wurde der Prototyp mehrfach auf- und abgebaut, um die visuelle Qualität des Materials, die Kombination von Plexiglas und Alulochblech, Montage, Präsentationsoptionen von Kunstwerken, aber auch Gewichtsbelastungen zu testen.

Vorder- und Rückseiten

Die modulare Ausführung bringt mehrere Vorteile mit sich: Sämtliche Verbindungen sind reversibel; der modulare Aufbau ermöglicht unterschiedlichste Anwendungen und Szenarien für kommende Ausstellungen. Unterschiedliche Ausbauelemente können einfach getauscht oder auch modifiziert werden. Besonders freuen wir uns auf die Ausstellung mit kongolesischer Malerei im Herbst 2018. Denn die Rückseiten der Bilder sind häufig besonders interessant: Sackleinen, mit denen Nahrungsmittel transportiert wurden, oder buntgemusterte Textilien. Mit dem Einsatz unserer Displays, die immer eine Vorder- und auch Rückansicht bieten, können wir Einblicke geben, die in einem konventionellen Ausstellungsraum mit weißen Wänden nur schwer möglich wären.

Lesen Sie mehr zum Thema:

Peter Cook, Colin Fournier und das Kunsthaus

Auf ins Ungewisse: Fünf Fragen an Barbara Steiner

 

Der Kongo und die Steiermark

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Kategorie: Kunsthaus Graz
Schlagworte: Logbuch Barbara Steiner


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