Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J.Kucek

12. Oktober 2017 / Barbara Steiner

Diskurs? Diskurs!

Kunsthaus Graz | Kuratieren

Ausstellungen werden grundsätzlich verschieden gelesen und bewertet. Mitunter können die Einschätzungen jedoch sehr weit auseinanderliegen – so zurzeit auch bei den im Kunsthaus gezeigten Ausstellungen Auf ins Ungewisse und Graz Architektur.

Zur Rezeption

Die beiden Architekturausstellungen erzeugen höchst unterschiedliche, geradezu konträre Einschätzungen. Werden sie einerseits für die klare und übersichtliche Art und Weise des Zeigens von vielen Materialien und Informationen gelobt, so werden andererseits der breite Überblick und eine mangelnde Fokussierung beklagt. Das Lob einer kritischen, vielstimmigen Aufbereitung steht dem Vorwurf gegenüber, kritische Bezüge auszublenden. Und wie bereits in meinem vorletzten Blogbeitrag angemerkt, gehen die Meinungen über die Notwendigkeit einer Beteiligung von Künstlerinnen und Künstlern an einer Architekturausstellung grundsätzlich auseinander.

Doch sind es Architekturausstellungen?

Ja und nein. Ja, denn die Ausstellungen zeigen mehrheitlich Projekte und Werke aus dem Bereich der Architektur. Nein, denn die Art und Weise, auf Architektur zu schauen – ein Beziehungsgefüge in den Mittelpunkt der Ausstellungen zu stellen und dieses durch Exponate, Aussagen der Beteiligten und Werkkonstellationen  zu vermitteln – verdankt sich Erfahrungen mit der bildenden Kunst und zeitgenössischem Kuratieren. Der ununterbrochene Perspektivenwechsel – nicht aus einer Perspektive zu sprechen, sondern sehr unterschiedliche, auch widersprüchliche Sichtweisen auf den Bau des Kunsthauses oder die Graz Architektur zuzulassen – hat sehr viel mit aktuellen Diskursen ums Ausstellen zu tun.

Was mich kuratorisch interessiert

Auch Ausstellungen, die ich an anderen Orten kuratierte, entwickelten sich stets auf mehreren Ebenen: Raum, Display, Exponate und Text sind in einem Wechselverhältnis aufeinander bezogen. So ist das jetzt auch im Kunsthaus.

Der erste Raumeindruck soll emotional packen und dazu motivieren, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben. Die Dichte in der Ausstellung Graz Architektur ist beabsichtigt. Es werden insgesamt nur sieben Positionen, aber 56 Projekte gezeigt – um einen Eindruck von der Reichhaltigkeit und Vielfalt der vergangenen, aber auch gegenwärtigen Tätigkeiten der Protagonisten (und einer Protagonistin) zu bekommen. Es ist möglich, sich dort zu vertiefen, wo man möchte. Will man dies nicht, kann man sich auch entlang einzelner Objekte – gleichsam stichprobenartig – durch die Ausstellung bewegen. Die Textebene ist eigenständig und in Beziehung zu den Objekten gleichermaßen angelegt. Mit den Exponaten zusammengelesen hält der Text kontextuelle Informationen bereit, die im übertragenen Sinn ein- oder ausgeblendet werden können. Der Text wird darüber hinaus als visuell und räumlich strukturierendes Element eingesetzt.

Die Textkategorien selbst sind unterschiedlich: Neben den O-Tönen der Beteiligten finden sich Projekttexte, die von den Protagonisten zusammen mit uns Kuratorinnen oder anderen Autorinnen verfasst wurden, die mit dem Werk vertraut sind. Dazu kommen von mir geschriebene Texte, die meine Sicht auf die Zusammenhänge zwischen den Grazer Architekten und/oder deren Werken zeigen.

Die Ausstellung als ein Gefüge an Beziehungen

Die Ausstellungen sind wesentlich räumlicher und materieller Ausdruck eines Beziehungsgefüges: sowohl zwischen Peter Cook/Colin Fournier und den am Bau des Kunsthaus Beteiligten als auch zwischen Peter Cook/Colin Fournier und den Protagonisten der Graz Architektur und nicht zuletzt zwischen den Grazer Architekten selbst. Deshalb setzen sich auch beide Ausstellungen über Etagengrenzen hinweg und verbinden sich konzeptuell und visuell.

Ich schrieb und äußerte wiederholt, dass ich davon überzeugt bin, dass wechselseitige Anregungen und kollegialer Austausch über mehrere Jahrzehnte, ja auch durchaus die Verweigerung eines Miteinander-Sprechens und das Übereinander-Sprechen oder -Schreiben Auswirkungen auf die architektonische Praxis hatten und haben. Diese Auseinandersetzungen speisten eine bestimmte Generation und erzeugten Wirk- und Strahlkraft. Dies zu zeigen, darum geht es in beiden Ausstellungen – und zwar nicht über einen 1 : 1-Werkvergleich, sondern über die Konstellation von Werken und Sichtweisen gleichermaßen.

Kategorie: Kunsthaus Graz | Kuratieren
Schlagworte: Logbuch Barbara Steiner


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