Die beiden Finger stammen von Erzherzogin Maria Anna von Bayern (1574–1616), Cousine und erste Ehefrau Kaiser Ferdinands II., die nach ihrem Tod 1616 als Erste im Grazer Mausoleum bestattet wurde. Foto: Diözesanmuseum Graz, Bettina Hutzl

14. Mai 2018 / Barbara Steiner

Zwillinge – Last & Inspiration und Glaube Liebe Hoffnung

Kunsthaus Graz

Auch wenn es sich um zwei Ausstellungen handelt, um Last & Inspiration am Standort „Stadtkrone“ mit Diözesanmuseum, Priesterseminar , QL-Galerie, Mausoleum und um Glaube Liebe Hoffnung im Kulturzentrum bei den Minoriten und im Kunsthaus, handelt es sich eigentlich um „Zwillinge“.

Dies ist nicht nur der verbindenden Kraft der Gestaltung durch das buero bauer, den Inhalten oder künstlerischen Positionen geschuldet, sondern auch den Kuratorinnen und Kuratoren. Die Ausstellungen ergänzen und befruchten sich in vielerlei Hinsicht. Allerdings fordern die drei Standorte die Besucherinnen und Besucher aufgrund der Reichhaltigkeit des Gezeigten auch heraus. Ein mehrmaliger Besuch empfiehlt sich.

Planung & Umsetzung

Die ersten Gespräche zum 800-Jahr-Jubiläum der Diözese Graz-Seckau fanden bereits im Oktober 2016 statt. Hermann Glettler, damals Bischofsvikar, heute Bischof von Innsbruck, Johannes Rauchenberger, Leiter des Kulturzentrums bei den Minoriten, Alois Kölbl, Grazer Hochschulseelsorger und Leiter der QL-Galerie, Heimo Kaindl, Direktor des Diözesanmuseums, meine Kollegin Katrin Bucher Trantow und ich entwickelten gemeinsam eine Ausstellung in mehreren Teilen und an verschiedenen Standorten.

In dieser Gruppe wurde die Gesamtkonzeption erarbeitet, künstlerische Positionen wurden diskutiert und grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Kunst und Kirche gestellt.

Erst als die Umsetzungsphase näher rückte, teilte sich die Gruppe auf: Kaindl, Kölbl, Rauchenberger setzten Last & Inspiration am Standort Diözesanmuseum und Priesterseminar um, Rauchenberger, Bucher Trantow und ich Glaube Liebe Hoffnung im KULTUM und im Kunsthaus. Hermann Glettler wurde während der Vorbereitungszeit Bischof von Innsbruck.

 

Für mich war erfreulich zu sehen, wie sehr die Ausstellungen inhaltlich und künstlerisch ineinandergreifen, auch wenn dies zunächst überraschend scheinen mag, handelt es sich doch bei Glaube Liebe Hoffnung auf den ersten Blick um eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst und bei Last & Inspiration um eine kulturhistorische Schau, die sich der mehr als 800-jährigen Sakralkunst des Landes widmet.

Doch beide räumen der Kunst der Gegenwart, theologischen Reflexionen und der Historie einen hohen Stellenwert ein – auch wenn die Gewichtungen durchaus verschieden ausfallen. Und in beiden Fällen wird auf in Graz befindliche Sammlungen zurückgegriffen: auf die Bestände des Diözesanmuseums und des Universalmuseums Joanneum.

Von einigen Künstlerinnen und Künstlern gibt es in beiden Ausstellungen Werke zu sehen, etwa von Adrian Paci, Franz Kapfer, Muntean + Rosenblum, Zlatko Kopljar, Markus Wilfling.

Last & Inspiration

Mich hat in der Ausstellung Last & Inspiration vieles fasziniert: die kostbaren Kleidchen der Madonna von Mariazell aus der Zeit nach Kaiser Joseph II., der im Zuge von Reformen die Vorgängerkleider allesamt vernichtet hatte, die große Malerei im Speisesaal des Priesterseminars oder auch die Koppelung des josephinischen Klappsargs mit einem berührenden Video von Zlatko Kopljar.

Doch besonders beeindruckt war ich von einem Reliquiar, den Fingern der Maria Anna von Bayern:

Die beiden Finger stammen von Erzherzogin Maria Anna von Bayern (1574–1616), Cousine und erste Ehefrau Kaiser Ferdinands II., die nach ihrem Tod 1616 als Erste im Grazer Mausoleum bestattet wurde. Die Finger allerdings gelangten zunächst in das Grazer Klarissenkloster Im Paradeis, das ihre Schwiegermutter selben Namens errichten ließ, und nach Aufhebung des Klarissenklosters 1782 in die „Herzerlgruft“, eine Nische im Mausoleum, wo sich auch die Herzen ihrer Verwandten befanden. Auch der Sarkophag ihrer Schwiegermutter Maria Anna wurde vom Kloster ins Mausoleum gebracht. Diese mehrfache Verschränkung der katholischen Herrscherhäuser Habsburg und Wittelsbach sind „Demonstrationen habsburgischer Macht- und Familienpolitik zur Wiederherstellung des katholischen Glaubens“ – wie auf dem Schild im Diözesanmuseum zu lesen ist. Später wurden die Finger aus dem Mausoleum gestohlen, doch später wieder dem Bischof übergeben.

Die zwei Finger, aufbewahrt in einem kleinen Messing-Kästchen, sind mumifiziert. Einige Besucher/innen hörte ich wiederholt spekulieren, ob diese wohl „echt“ seien. Ja. Mich faszinierte nicht nur das Objekt und seine Geschichte an sich, sondern auch der Transfer vom Kirchen- in den Museumskontext.

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Kategorie: Kunsthaus Graz
Schlagworte: Logbuch Barbara Steiner


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