26. März 2018 / Barbara Steiner

VIP`s Union von Haegue Yang

Kunsthaus Graz

Die Ausstellung VIP’s Union – Phase II, Surrender schließt am kommenden Sonntag. Damit endet ein insgesamt neunmonatiges künstlerisches Projekt.

Während Phase I zog eine Atmosphäre der Häuslichkeit in das Kunsthaus ein. Die Möbel steirischer Leihgeber/innen ersetzten dabei das standardisierte institutionelle Mobiliar und konnten vom Publikum genutzt werden. Wir erhielten kühne Ensembles und gewagte Kombis.

In Phase II kam es zu einer Statusveränderung: Die im Space02 ausgestellten Möbel verloren ihre Funktion und wurden zu Skulpturen.

Die Vorgeschichte

VIP’s Union begann 2001 auf dem Artforum in Berlin, weitere Umsetzungen folgten bei Arnolfini, Bristol, im MuHKA Antwerpen, im Bonner Kunstverein und im Leeum, Samsung Museum of Art, Seoul. 2017 adaptierte die Künstlerin die Arbeit für Graz.

Ausgangspunkt für VIP’s Union ist, „very important persons“ aus Stadt und Land um einen Stuhl oder Tisch ihrer Wahl zu bitten um damit einen Raum/mehrere Räume auszustatten. Das Kunsthaus Graz entschied sich, Personen aus der Steiermark einzuladen, die wichtig für die Institution sind.

Unter den Leihgaben befinden sich Bauernmöbel, Bürostühle, Tische und Stühle der Jahrhundertwende, Massenware, modernes und zeitgenössisches Design; selbst Gebautes und eigenhändig Restauriertes. Einige Gegenstände sind in ihrer Funktion nicht eindeutig zuordenbar, andere Gaben – wie der Katzenbaum – setzen sich über die ursprüngliche Anfrage um Tisch oder Stuhl hinweg.

 

Phase I

Phase I: Von Anfang an waren die privaten Möbel einer starken Beanspruchung durch die vielen Besucher/innen ausgesetzt. Dies bedeutete eine große Herausforderung – auch kommunikativer Natur – und mündete in die Frage: Was ist den Möbeln zumutbar? Was ist Leihgeberinnen, Leihgebern und Publikum zumutbar?

Man könnte auch sagen: Die Gemeinschaft, die sich über die Ensembles formte, wurde bereits damals sehr strapaziert.

Phase II

Die Möbel kündigen ihren Dienst auf, verweigern sich einer Inbetriebnahme. Gekippt, gedreht und auf den Kopf gestellt verlieren sie ihre Standfestigkeit, Vertrautheit, Funktion, ihren Nutzwert. Sie geben Details preis, die man vorher nicht sehen konnte: ihre Konstruktion, Beschriftungen auf der Unterseite und überraschende handwerkliche Details. Wer hätte gedacht, dass Möbelunterseiten so spannend sein können?

In der Ausstellung werden die Möbel von Gerüchen begleitet – wie Knoblauch, Marihuana, verbranntem Gummi, ungeklärtes Abwasser, Schwefel; Gerüche, die nicht unbedingt angenehm, zumindest ambivalent sind, die Sinne herausfordern und vielleicht auch vernebeln. Unterstützt wird dieses Gefühl der Instabilität auch durch eine spezielle Lichtregie, die den Raum einmal heller und dann wieder dunkler werden lässt.

Einzeln angeordnet kündigen die Möbel nun jene Gemeinschaft restlos auf, die vorher schon brüchig war. Das mag nachdenklich stimmen, innehalten lassen und zur Frage führen, wie es sich mit Gemeinschaft heute verhält – auch an einem Ort wie dem Kunsthaus.

Können wir, kann das Kunsthaus Gemeinschaft stiften? Wie lange braucht ein solcher Prozess, wenn man sich nicht in Rhetorik flüchtet.

Haegue Yang wollte die in Phase I erzeugte Gemeinschaft in Zweifel ziehen, deren automatisch positive Bedeutung verwerfen und eine gewisse Unsicherheit erzeugen, um ein Innehalten und Überprüfen (Haegue Yang bevorzugt den Begriff „Verlernen“) von Vorstellungen einer Gemeinschaft zu ermöglichten, die reibungslos funktioniert.  In jedem Fall hat die Künstlerin erreicht, dass die Ausstellung stark diskutiert wurde.

Ein Videoarchiv

Unter dem Titel „Verwandte“ zeigt ein Videoarchiv Arbeiten von Haegue Yang, die bestimmte Merkmale mit der jetzigen Präsentation von VIP´s Union teilen, sei es das Interesse der Künstlerin an Möbeln, Nutzungsspuren und Gemeinschaft bildenden Aspekten, am (buchstäblichen oder metaphorischen) Kippen, am Erzeugen prekärer Momente. Personen, die mit den Arbeiten vertraut sind, wie etwa die Galeristin Barbara Wien, der Antwerpener Kurator Nav Haq, wir Kuratorinnen des Kunsthauses, äußern sich zu den „Verwandten“.

>> Zum Nachhören:

Wir hätten uns gewünscht, dass das Archiv schneller wächst, nun wird es an anderen Orten fortgesetzt. Die Fortsetzung liegt auch in VIP´s Union begründet: Es wird weitere Varianten geben, das nächste Mal schon bald, und zwar in Köln anlässlich der Einzelausstellung von Haegue Yang im Museum Ludwig, die am 17. April eröffnet wird.

Das Kunsthaus Graz gibt eine umfängliche Publikation heraus, die der gesamten Werkserie gewidmet ist. Diese ist von Manuel Raeder aus Berlin gestaltet und wird vom Verlag Bom Dia herausgegeben.

 

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VIP´s Union

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Kategorie: Kunsthaus Graz
Schlagworte: Logbuch Barbara Steiner


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