J. Kuss, Aposteltafel im Hotel Feichtegger – In der Mitte der „Brotherrgott“, li. Frau Feichtegger, 1916/04/20, Sammlung Manfed Feischl

26. März 2018 / Walter Feldbacher

Landesaufnahme(n): Der „Herrgottsbäck“ und der „brotsegnende Heiland“ – eine österliche (Wirtschafts-)geschichte aus Mariazell

Museum für Geschichte

Auf der Suche nach medienhistorischen Artfakten zu nicht mehr bestehenden Traditionsbetrieben im Rahmen der „Landesaufnahme – Steirische Wirtschaftsgeschichte in Foto-, Film- und Tondokumenten“ stießen die Multimedialen Sammlungen auch auf fotografische Aufnahmen zur ehemaligen Bäckerei Feischl in Mariazell, auch „Herrgottsbäck“ genannt.

Manfred Feischl, ein Nachfahre dieser einstigen Bäckerdynastie, hat uns freundlicherweise nicht nur Fotografien für das Projekt zur Verfügung gestellt, sondern weiß auch eine ganz besondere Geschichte zu erzählen. Der folgende Beitrag knüpft an eine fotografische Aufnahme (Titelbild) von Josef Kuss aus dem Jahre 1916 an. Sie zeigt die sogenannte „Aposteltafel“ am Gründonnerstag des Jahres 1916 im Hotel Feichtegger in Mariazell.

Doch ehe wir uns auf volkskundliches Terrain wagen, um dieses Foto in seiner Fülle „lesen“ zu können, werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Besitzgeschichte des alten Bäckerhauses „auf dem Bergl“ hinter der Wallfahrtsbasilika Mariazell.

Der Schlussstein des granitenen Torbogens trägt die Initialen „17 JHP 39“, sie stehen für „Josef Hofbauer Pöck (Bäcker) anno 1739“. In diesem Jahr dürfte Josef Hofbauer dieses Haus erworben oder umgebaut haben. In der Allerheiligennacht 1827 kamen der damalige Besitzer, Franz Xaver Ott, welcher in die Bäckerfamilie eingeheiratet hatte, seine Angehörigen sowie die Bediensteten bei einem Brand des Betriebes ums Leben. Die Brandruine ersteigerte schließlich der Bäcker Michael Feischl aus Scheibbs mit der Auflage, das Haus möglichst bald wiederaufzubauen und den Bäckerstand alsbald wiederherzustellen. Die Bäckerei wurde Anfang der 1980er-Jahre mangels geeigneter Nachfolge geschlossen und das gesamte Anwesen 1991 veräußert. Heute präsentiert sich das Objekt als Mehr-Parteien-Haus mit einem Optiker-Geschäft an der Straßenfront.

Der „brotsegnende Heiland“

Im Jahre 1843 schnitzte ein Sohn des Bäckermeisters Michael Feischl, nämlich Peregrin Feischl, eine lebensgroße Christusfigur, die nach altem Brauch nach der Gründonnerstagsliturgie in der Apostelrunde beim Abendmahl ihren Platz einnimmt. Nach der Familienüberlieferung habe dieser Peregrin Feischl zeit seines Lebens nur diese eine Figur – nach einem aus Brotteig angefertigten Modell – geschnitzt. Aus Holz gefertigt sind das Haupt, die Füße, die segnende rechte und die linke Hand, die das Brotlaibchen hält. Alljährlich wird diese Figur für den Gründonnerstagabend neu eingekleidet. Der Holzkörper der Gliederfigur wird zunächst in das weiße Arbeitsgewand eines Bäckers gekleidet, darüber wird ein weites, langes Hemd gezogen. Wie die priesterliche Alba wird es mit einer roten Kordel umgürtet und ein roter, blau gefütterter und mit Goldborten eingefasster Umhang wird umgelegt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten sich vor allem die mit dem steirischen Gnadenort eng verbundenen ungarischen Pilger um die Ausstattung der Christusfigur gekümmert, nach 1945 fertigte Sr. Gertrudis von den Barmherzigen Schwestern in Mariazell dem brotsegnenden Heiland ein neues Hemd, damit er wieder ansehnlich am Tisch der Apostel Platz nehmen könne.

Fußwaschung und Abendmahl

In Mariazell hat sich bis heute am Gründonnerstag der Brauch der Fußwaschung und des Abendmahls erhalten. Die Reihenfolge des Geschehens ist aber, entgegen dem Johannes-Evangelium (nur hier wird von der Fußwaschung berichtet!) umgedreht. Nach der Fußwaschung nämlich ziehen zwölf betagte, als „Apostel“ ausgewählte Männer aus Mariazell und Umgebung zu einer Festtafel, jedes Jahr von einem anderen Gasthaus oder Hotelbetrieb ausgerichtet. Dabei wird jeder „Apostel“ von einem „Apostelführer“ – aus dem Kreis der Gewerbetreibenden aus dem Gnadenort – begleitet. Diese entrichten nach einem gemeinsamen Gebet auch den obligaten Obulus (Silbermünzen), wohl in Anlehnung an die 30 Silberlinge, für die Judas bereit war, den Herrn zu verraten.

Litho-AK (Selbstverlag), Hotel Feichtegger, 1915, Sammlung Manfred Feischl

In der Mitte der Runde sitzt die lebensgroße Figur des „brotsegnenden Heilands“ umgeben von den zwölf „Aposteln“ und als Vierzehnter am Tisch der Pater Superior des Benediktinerklosters Mariazell. Vor dem Gedeck der Christusfigur liegt das Lamm auf dem Buch der „sieben Siegel“. In der kurzen Zeitspanne, in der die „Apostel“ auf das eigentliche Essen warten, hält jeder von ihnen ein „Herrgottslaiberl“ Brot in den Händen, alle sind gleich groß, nur jenes, das die Christusfigur in der linken Hand hält, ist größer. Der Höhepunkt dieses „frommen Schauspiels“, in Erinnerung an die Einsetzung der „Allerheiligsten Eucharistie“.

J. Kuss, Aposteltafel im Hotel Feichtegger – In der Mitte der „Brotherrgott“, li. Frau Feichtegger, 1916/04/20, Sammlung Manfed Feischl

Dieses Brauchtum wird nach wie vor unverändert und mit großer Begeisterung aller Beteiligten in Mariazell gelebt. Einst wurde die Figur des „brotsegnenden Heilands“ über das Jahr in einer kleinen Hauskapelle – dem „Herrgottskammerl“ im Haus des „Herrgottsbäcks“ am Pater-Heinrich-Abel-Platz 2 – aufbewahrt und immer wieder von Pilgergruppen aufgesucht. „ Als ,Brotsegnerʻ verehrt und hoch in Ehren gehalten, fragen noch heute immer wieder Besucher von Mariazell nach dieser Christusfigur, die sie vor vielen Jahren mit ihren Eltern oder Großeltern im Haus des ,Herrgottsbäckʻ besucht haben“, erzählt Manfred Feischl. Einige Pilger nahmen dabei natürlich auch gerne ihr Osterbrot von der Bäckerei Feischl mit nach Hause.

Foto Manfred Feischl, „Brotsegnender Heiland“ in Mariazell, 2017, Sammlung Manfred Feischl

Der „Herrgottsbäck“ in einem Satiremagazin

Im „Hans Jörgel“, einer humoristisch-satirischen Wochenschrift, anno 1895, heißt es dazu:

„(…) In Strömen pilgern die Wallfahrer zu dem angeblich’n Brotsegner, legen ihre Semmeln zum Segner auf d’Hand, weil dem, der so ein g’segnet’s Herrgottlaberl in sein Kast’n lieg‘n hat, ‚s Brot niemals ausgeh’n soll (…) G’opfert wird ebenfalls beim Brotsegner, – für welche Zwecke, weiß man net; – g’flennt auch, obschon Niemand weiß, warum? Mir scheint, die beste Auskunft kann ich da d’rüber geb’n; Alles g’schieht zu Nutz und Frommen des Herrgottsbäck’n, der mit sein’ Brotsegner ein viel besseres G’schäft macht, als mit seiner ganzen Bäckerei, weil er net nur eine Unmasse sog’nannter Herggottlaberln, sondern auch Beschreibungen, auf denen ein von der Frau Herrgottsbäckin verfaßtes Gebet (muß schön sein!), druckt is, dann Photographien vom Brotsegner verkauft, obschon er weder zur Schaustellung noch zum Verkauf von Preßsach’n befugt is.“

Das Geschäft mit der Wallfahrt – eine Frage, die sich schon seit der Vertreibung der Händler aus dem Tempel stellt (Evangelien nach Matthäus 21,12 ff. EU; Markus 11,15 ff. EU; Lukas 19,45 ff. EU; Johannes 2,13–16 EU). Doch Geschäftssinn ist auch eine Gnade, und das nicht nur am berühmtesten Gnadenort der Steiermark.

Quellen:
Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, Bd 68, (1965), S.107 ff.
Sepp Walter, Steirische Bräuche im Lauf des Jahres, 1997, S. 141 f.
Paul Ernst Rattelmüller, Bairisches Brauchtum im Jahreslauf, 1985, S. 114 f.
Vereinszeitschrift der Freunde und Förderer des Heimathauses Mariazell, Ausgabe 1 / 2006, Bericht Osterbrauchtum, Josef Grießl
Beschreibung des „Brothergotts“, E. Feischl, Selbstverlag, Privatbesitz Manfred Feischl
Karl Gündorf in Hans-Jörgel (Komische Briefe des Hans-Jörgel von Gumpoldskirchen an seinen Schwager Maxel in Feselau), 64. Jahrgang, 1895, S. 6 f.

Kategorie: Museum für Geschichte
Schlagworte: Brauchtum | Landesaufnahme | Multimediale Sammlungen | Ostern


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