Abbildung 5: Geschlossenes Stickstoffzelt. Foto: UMJ

9. Oktober 2013 / Stefanie Gössler

Hochwirksam ohne Pestizide: Stickstoff befreit Kunstwerke von Schädlingen

Konservieren & Restaurieren

Im Studien- und Sammlungszentrum in Andritz wurde im vergangenen Sommer eine sechswöchige Stickstoffbehandlung durchgeführt. Dieses ungiftige Verfahren dient zur Bekämpfung von Schadinsekten ohne Pestizide und kann besonders für Kunstobjekte äußerst schonend eingesetzt werden.

Es verbleiben anschließend keine für Museumsmitarbeiter/innen oder Besucher/innen gesundheitsgefährdenden Rückstände auf den Objekten, welche auf lange Sicht nicht nur für den Menschen schädlich sind, sondern auch zu einem schnelleren Verfall der Objekte beitragen können.

Aus verschiedenen Sammlungen des Universalmuseums Joanneum wurden Objekte behandelt, die hauptsächlich vom Holzwurm oder von Motten befallen waren. Diese können ebenso beträchtliche Schäden an Kunstwerken anrichten wie andere Insekten mit so kuriosen Namen wie Teppich- oder Pelzkäfer, Silberfischchen, Buchläuse, Speckkäfer und Brotkäfer  – vor allem, wenn sie gehäuft auftreten. Diesmal wurden neben Gemälden der Alten und Neuen Galerie auch Tierpräparate aus Schloss Trautenfels behandelt.

Besonders dann, wenn Objekte neu in eine Sammlung aufgenommen werden, besteht Handlungsbedarf: Jedes Stück ist genau zu begutachten und präventiv zu entwesen, bevor es eingelagert wird. Auf diese Weise verringert man die Gefahr, dass Schädlinge in die Depots eingeschleppt werden. Diese Prozedur durchliefen heuer zum Beispiel neu erworbene historische Möbel und Textilien der Kulturhistorischen Sammlung (Abb. 1) sowie wertvolle Jagdtrophäen, die ein privater Spender der zoologischen Tierpräparate-Sammlung zur Verfügung stellte (siehe Abb. 2).

 

Abbildung 1: Aufnahme während des Aufbaus des Stickstoffzeltes mit eingebrachten Objekten der Kulturhistorischen Sammlung; Foto: UMJ

Abbildung 1: Aufnahme während des Aufbaus des Stickstoffzeltes mit eingebrachten Objekten der Kulturhistorischen Sammlung; Foto: UMJ

Abbildung 2: Aufnahme der eingebrachten Tierpräparate. Die Hörner wurden zum Schutz mit einem Vlies umwickelt. Foto: UMJ

Abbildung 2: Aufnahme der eingebrachten Tierpräparate. Die Hörner wurden zum Schutz mit einem Vlies umwickelt. Foto: UMJ

Abbildung 3: Gemälde, Zierrahmen, Bärenpräparate … unterschiedlichste Materialen wurden behandelt. Foto: UMJ

Abbildung 3: Gemälde, Zierrahmen, Bärenpräparate … unterschiedlichste Materialen wurden behandelt.
Foto: UMJ

Für die Durchführung der Stickstoffbehandlung wurde die Wiener Firma Singer beauftragt. Dazu wurde zunächst ein gasdichtes Zelt aus einer Spezialfolie aufgebaut, in welchem aufgrund der heterogenen Materialien ein konstantes Mischklima um 20˚C und 55 % relativer Luftfeuchtigkeit eingehalten wurde. Nach und nach spülte man das Zelt mit Stickstoff, bis der Sauerstoffgehalt unter 0,4 % abgesunken war. Die Dauer einer solchen Behandlung ist abhängig von der Temperatur, der relativen Luftfeuchtigkeit sowie der Insektenart:  Bei niedrigen Temperaturen unter 20˚C verlängert sich die Behandlungsdauer, da z. B. Holzwürmer einen niedrigen Sauerstofflevel tolerieren und bei höheren Temperaturen das Absterben der Insekten durch Austrocknen begünstigt wird. Bei einer Behandlungsdauer von bis zu sechs Wochen werden alle Entwicklungsstadien des Insekts, auch die Eier, abgetötet.

Die Objekte wurden im Zelt so angeordnet, dass die Folie nicht durch Spitzen oder Kanten beschädigt werden konnte. Luftpolsterfolie, das am häufigsten verwendete Verpackungsmaterial, kann sich wegen der mit Luft gefüllten Bläschen negativ auf die Behandlung auswirken und wurde komplett entfernt. Anschließend wurde e die Folie ringsum mit einem Heißsiegelgerät zu einem Zelt verschweißt. Nach einigen Tagen war der benötigte niedrige Sauerstoffwert erreicht und die Stickstoffbehandlung konnte nach sechs Wochen erfolgreich abgeschlossen werden.

 

Abbildung 4: Aufnahme vor dem Zusammenschweißen der Folien des Stickstoffzeltes. Foto: UMJ

Abbildung 4: Aufnahme vor dem Zusammenschweißen der Folien des Stickstoffzeltes.
Foto: UMJ

Abbildung 5: Geschlossenes Stickstoffzelt. Foto: UMJ

Abbildung 5: Geschlossenes Stickstoffzelt.
Foto: UMJ

Kategorie: Konservieren & Restaurieren
Schlagworte: Sammlungsobjekte


Folgende Beiträge sind für dich interessant:

  • Wertvolles Original und meisterhafte Kopie Eine tolle Idee, und daher war es für uns selbstverständlich, nach 2012 auch heuer wieder an der Blogparade teilzunehmen. Inhaltlich befasen wir uns einmal mehr mit dem Strettweger Kultwagen und rücken jenen Mann in den Mittelpunkt, der bereits 1974 mit dem kostbaren Objekt zu tun hatte: […]
  • Forschen und Bewahren im Studien- und Sammlungszentrum Im Studien- und Sammlungszentrum des Universalmuseums Joanneum befinden sich auf 3.796 m² rund eine Millionen Tierobjekte. Der Tierpräparator Martin Unruh hütet diese naturkundlichen Schätze, von denen viele Seltenheitswert haben. Ausgestorbene Tiere wie der Riesenalk und seltene […]
  • Picassos aus dem Tierreich Eine Werkstatt im Norden von Graz. In einer Wanne stehen Schilfgräser, dahinter lehnen Baumäste im Eck. Es gibt Kühlschränke, Messer, Scheren und Skalpelle in allen Größen und viele Pattex-Dosen auf dem raumbestimmenden Arbeitstisch. Am schmalen Regal daneben: ein Tupperware-Behälter. […]
  • Das Totenbildnis Kaiser Maximilians I.: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse  Totenbildnis Kaiser Maximilians I., Anonymer Meister (Monogrammist A. A. ?), datiert 1519, Tempera auf Papier, 43 cm x 28,4 cm, Vermächtnis Richard Knabl, Graz 1874 Foto: © NTK 2012 Univ.Prof. DI Dr. M. Schreiner, Normallicht Es vermittelt auf ergreifende Weise das […]
  • Wieder vereint: Die Grazer „Engelspietà“ in der Alten Galerie erhält ihren Originalrahmen zurück Für den Altar der neuen Hofkapelle im 1854 niedergelegten Westflügel der Grazer Burg schuf der venezianische Maler Giulio Licinio (1527–1591) eine Engelspietà, die schon im Jahr 1820 im Inventar der Landesbildergalerie aufscheint. Dieses für Graz bedeutende Kunstwerk – bestehend aus dem […]
  • Neue Fundstücke im Rosegger-Museum Krieglach zu sehen! Zwei alte Reisetruhen, die wir auf dem Dachboden des Rosegger-Museums entdeckt haben, inspirierten uns dazu, die bestehende Ausstellung thematisch zu erweitern: Die offensichtlich intensiv genutzten Truhen erinnern an die rege Reisetätigkeit Roseggers, auf die nun in einem eigenen Raum […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>