Ausstellungsansicht „Ablaufdatum. Wenn aus Lebensmitteln Müll wird“, © NHM Wien / A. Schumacher

16. August 2021 / Annette Loeseke

Klima. Aktivismus. Museum. Kulturelle Dimensionen der Klimakrise

Museumsakademie | Museumseinblicke

"Klima. Aktivismus. Museum" ist der Titel eines Workshops, der die kulturellen Dimensionen der Klimakrise in den Blick nahm und von der Museumsakademie Joanneum im Juni 2021 in Wien veranstaltet wurde. An zwei Tagen haben wir mit Vertreter*innen verschiedener Wiener Museen diskutiert, welches klimaaktivistische Potenzial gerade auch in kunst- und kulturhistorisch ausgerichteten Museen steckt.

Geleitet wurde unser Interesse vor allem von zwei Beobachtungen: Erstens haben die bereits jetzt extremen Auswirkungen der Klimakrise und der andauernde vehemente Protest von jungen Aktivist*innen wie Fridays for Future die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren alarmiert wie wohl nie zuvor. Das Thema ist in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Und zweitens sind zunehmend mehr Menschen bereit zu akzeptieren, dass die Klimakrise keine Naturkatastrophe, sondern selbstverschuldet ist. Das Ausmaß der Klimakatastrophe hängt damit von unserem gegenwärtigen und zukünftigen Handeln ab. Unser Handeln ist aber bekanntlich nicht (nur) rational, sondern kulturell geprägt und von Emotionen und Wertvorstellungen getragen. Normen, ideologische Überzeugungen, Werte, Wünsche und Erwartungen formen unsere Art(en) zu leben, unsere Lebensstile und -entwürfe, Gesetze, Regeln und Institutionen ebenso wie (historische) kulturell geprägte Wissenssysteme, spirituelle und indigene Kontexte, religiöse Überzeugungen etc.

Klimakulturelle Themen aus den Sammlungen heraus – und in die Sammlungen hinein – entwickeln

Die Veranstaltung griff diese Punkte auf, um die Klimakrise nicht, wie häufig, aus naturwissenschaftlicher Sicht, sondern in ihren kulturellen und soziopolitischen Dimensionen zu erkunden. Gemeinsam mit unseren Wiener Kooperationspartner*innen haben wir diskutiert, wie insbesondere kulturwissenschaftlich und kulturhistorisch ausgerichtete Museen klimakulturelle Themen aus ihren jeweiligen Sammlungen heraus – und in ihre jeweiligen Sammlungen hinein – entwickeln, selbst nachhaltiger arbeiten und andere zum Handeln motivieren können.

Zentrale Fragen waren: Welche Rolle könnten Kunst- und Designmuseen, anthropologische oder (kultur)historische Museen in der Klimakrise spielen? Welchen Beitrag leisten kulturwissenschaftliche Museen zu einer Reflexion von Konsumverhalten und Lebensstilen? Wie können sie sich mit kulturellen Fragen etwa zur Klimagerechtigkeit in post-/dekolonialen Kontexten, zur zunehmend klimainduzierten globalen Migration oder zu indigenem Wissen über nachhaltige Lebensweisen befassen? Und welche Ausstellungs- und Vermittlungsformate braucht es, wenn es darum geht, Besucher*innen zum Handeln zu motivieren?

Ausstellungsansicht „Fragile Schöpfung“, © Dom Museum Wien, Foto: Annette Löseke

Ideologische Kämpfe um Klimapolitik

Auf Exkursionen zu sechs Wiener Museen haben wir aktuelle Ansätze des Weltmuseums Wien, des Architekturzentrums Wien, des Naturhistorischen Museums Wien, des Dom Museums Wien, des MAK ‒ Museums für angewandte Kunst und des Kunst Hauses Wien | Museum Hundertwasser erkundet. Wir haben erörtert, wie Museen klimaaktiv werden können, welche Ziele sie sich setzen und wen sie erreichen wollen. Der breiten Öffentlichkeit dürfte, nicht zuletzt angesichts der Covid-19-Pandemie, klar geworden sein, dass es höchste Zeit ist zu handeln. Einige lassen sich von Fakten jedoch augenscheinlich nicht überzeugen und leugnen, dass die Klimakrise durch den Menschen verursacht wurde und wird. Manche erkennen die derzeitigen Auswirkungen der Klimakatastrophe zwar an, weigern sich jedoch, Konsequenzen zu ziehen. Es zeichnet sich bereits ab, welche Versuche etwa im anlaufenden Bundestagswahlkampf in Deutschland unternommen werden, um die Klimakatastrophe ideologisch zu deuten und identitätspolitisch zu besetzen. Ideologische Debatten werden in naher Zukunft vermutlich auch entlang von Klimapolitik verlaufen.

Ausstellungsansicht „Ablaufdatum. Wenn aus Lebensmitteln Müll wird“, © NHM Wien / A. Schumacher

Wie werden Museen klimaaktiv? Was sind unsere Ziele? Wen wollen wir erreichen?

Wie könnten sich Museen hier positionieren? Welche Erwartungen an Museen haben diejenigen, die handeln und klimaaktiv werden wollen? Wie sind diejenigen zu erreichen, die sich weigern, Fakten zu akzeptieren oder ihr Verhalten zu ändern? Diskutiert haben wir also, welchen kulturellen Beitrag Museen leisten könnten, um die Kluft zwischen dem Verständnis von Fakten einerseits und der (emotionalen) Akzeptanz der notwendigen Konsequenzen andererseits zu schließen. Welche Möglichkeiten können Museen imaginieren und welche konkreten Handlungsoptionen können sie aufzeigen? Mehr noch: Wie kann individuelles Verhalten in gemeinsames Handeln überführt werden und welche Rolle könnten Museen dabei spielen?

Wie werden Museen klimaaktiv?

An den zwei Workshoptagen haben wir erfahren, auf welch unterschiedliche Weise Museen klima-aktiv werden können. Wir haben erkundet, welche Ausstellungsmodelle und Vermittlungsformate Museen aktuell erproben, ob und wie sie untereinander bzw. international oder auf europäischer Ebene kooperieren oder ob sie mit NGOs oder Klima-Aktivist*innen zusammenarbeiten. Da eine der Teilnehmenden in der öffentlichen Kulturverwaltung arbeitet, konnten wir auch die Perspektive der Kulturpolitik aus erster Hand einbeziehen. Zur Debatte stand schließlich auch, wie Museen nachhaltig operieren und ihren ökologischen Fußabdruck minimieren können und welche Auswirkungen das auf ihr Ausstellungs- und Vermittlungsprogramm haben könnte.

Was sind die Ziele von Museen?

Ein zentrales Thema des Workshops war zudem die Frage, was denn eigentlich die klimapolitischen Ziele verschiedener Museen sein könnten. Geht es darum, Fakten zur Klimakrise zu erläutern und evidenzbasiertes Wissen zu vermitteln? Oder sollten Klima-, Industrie- und Landwirtschaftspolitik, Lobby-Organisationen oder Verbraucher*innen kritisiert werden? Wollen Museen ihre Besucher*innen zum Umdenken anregen oder gar zum Handeln animieren? Setzen Museen sich das Ziel, andere zu vernetzen und aktiv gegen die Klimakatastrophe vorzugehen?

Wen wollen Museen erreichen?

Ebenso zentral diskutiert wurde die Frage, wen Museen erreichen wollen: Wer sind die möglicherweise sehr verschiedenen Zielgruppen von klimaaktiven Museen, etwa von Besucher*innen, Nicht-Besucher*innen und Neu-Besucher*innen zu Lobbyist*innen und Politiker*innen? Welche Segmentierungskriterien sind sinnvoll? Bräuchte es neue demografische, lifestylezentrierte oder wertebasierte Segmentierungsmodelle, die den sich wandelnden Motivationen und Erwartungshaltungen verschiedenster Zielgruppen angesichts der Klimakrise Rechnung tragen? Wie gehen die besuchten Museen mit dieser Frage um? Welche unterschiedlichen Zielgruppen werden von den besuchten Museen angesprochen und erreicht? Wie finden Museen heraus, was ihre Besucher*innen motiviert, wie sie sich zur Klimakrise verhalten und was sie klimapolitisch von Museen erwarten? Und inwiefern sollte sich das Museum als ein Forum verstehen, das Raum für Auseinandersetzung schafft?

Aktivierende Ausstellungsmodelle

Schließlich diskutierten wir auch die Frage, inwiefern Ausstellungen im Sinn eines aktivierenden Modells gedacht werden können. Ausgehend von der Beobachtung, dass die Präsentation von Fakten im Zusammenhang mit der Klimakrise nicht reicht, diskutierten wir anhand der vom Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe kuratierten Ausstellung Fast Fashion den dort zum Einsatz gekommenen ‚Dreischritt‘ aus 1. einer Darstellung der problematischen Faktenlage, 2. dem Aufzeigen von Alternativen und Handlungsoptionen und 3. einem ‚Labor‘ im Sinn eines konkreten Aktiv-Werdens. So wurden im Rahmen von Fast Fashion zunächst die Schattenseiten der Modeindustrie skizziert, dann Möglichkeiten im Sinn einer ,Slow Fashion‘ aufgezeigt und schließlich ein Mitmach-Programm geboten, das konkrete erste Schritte für ein persönliches Aktiv-Werden beinhaltete.

Mit dieser Bündelung von Fragestellungen – insbesondere nach den Potenzialen eines Arbeitens aus den eigenen Sammlungen heraus und einer aktivierenden Involvierung von Besucher*innen – starteten wir in unser eigentliches ‚Exkursionsprogramm‘.

Weltmuseum Wien

Die erste Station des Workshops bildete das Weltmuseum Wien, das sich zum Ziel gesetzt hat, sich kritisch mit der eigenen Forschungs- und Sammlungsgeschichte auseinanderzusetzen und sich, nach eigenen Angaben, als Forum möglichst vieler Akteur*innen versteht.

Nach einer Einführung durch Dr. Claudia Augustat, Projektleiterin und Kuratorin am Weltmuseum Wien, widmeten wir uns dem EU-finanzierten Verbundprojekt Taking Care, das maßgeblich vom Research Center for Material Culture (RCMC), Leiden entwickelt wurde und vom Weltmuseum Wien geleitet wird.

Webseite Weltmuseum Wien, Screenshot, https://www.weltmuseumwien.at/wissenschaft-forschung/taking-care

Taking Care wird in Kooperation mit 14 Museen und kooperierenden Einrichtungen in Europa durchgeführt, etwa mit dem niederländischen Nationalmuseumsverbund der Weltkulturen (u. a. Tropenmuseum Amsterdam und Research Center for Material Culture (RCMC), Leiden), dem Linden-Museum Stuttgart oder dem MARKK Museum am Rothenbaum ‒ Kulturen und Künste der Welt Hamburg. Seit 2019 wird erforscht, welche Zusammenhänge zwischen ethnografischen bzw. anthropologischen Sammlungen, der Klimakrise und den Folgen des (Post-)Kolonialismus bestehen. Claudia Augustat erläuterte, inwiefern Taking Care sichtbar machen will, wie ungleich sich die Risiken der Klimakrise auf verschiedene Regionen weltweit verteilen. Besonders betroffen sein werden diejenigen Gesellschaften, deren Lebensumstände infolge von Kolonialismus und Verdrängung ohnehin seit Langem fragil sind, also insbesondere indigene Gemeinschaften und die Nachfahren vormals kolonisierter Bevölkerungen, welche die Folgen des Kolonialismus bis heute spüren (RCMC in Leiden und Weltmuseum Wien).

Das Projekt stellt den Begriff care – Fürsorge – in den Mittelpunkt, um das Potenzial ethnografischer und anthropologischer Sammlungen für eine kritische Revision ,planetarischer Vergangenheiten‘ und für die Neu-Imagination einer nachhaltigen gemeinsamen Zukunft unseres Planeten fruchtbar zu machen. In verschiedenen Formaten, die die Geschichte und Sammlungen von (sog.) Weltkulturen-Museen neu zu denken suchen, wird die zunehmende Verletzlichkeit unseres Planeten angesprochen und erkundet, wie die Pluralität unserer menschlichen und nichtmenschlichen Welt zu erhalten ist. Ziel des Projekts ist es einerseits, die Sammlungsobjekte in den Kontext historischer Ressourcenausbeutung, des Artensterbens (im Englischen präziser ,species extinction‘) und der Abwertung von Menschen und Kulturen in (post)kolonialen Kontexten zu setzen. Andererseits sollen diese Überlegungen helfen, die Sammlungen als potenzielle Orte der Reimagination einer fürsorglicheren, nachhaltigeren Zukunft neu zu sehen – einer Zukunft, die weniger anthropozentrisch geprägt ist und stattdessen die Verhältnisse der Menschen zu ihrer Umwelt und verschiedenen, auch indigenen Formen des Wissens wertzuschätzen weiß (RCMC, Leiden und RCMC Caring Matters).

Dabei wurde deutlich, auf welch vielschichtigen Ebenen die Klimakrise nicht nur mit der Sammlung materialer Objekte, sondern auch mit der übergreifenden Vision und Mission der beteiligten Museen und Forschungszentren verknüpft werden kann. Nachdrücklich unterstrich der erste Programmpunkt im Weltmuseum Wien damit das Kernanliegen unseres Workshops, die vielfältigen kulturellen – und nicht nur naturwissenschaftlichen – Dimensionen der Klimakrise zu erforschen und die bislang ungenutzten Potenziale gerade kulturwissenschaftlich zu verortender Museen zu heben, sich der Klimakrise (entgegen) zu stellen. In einem Gang durch das Schaudepot diskutierten wir anschließend in Gruppen das Potenzial einzelner Objekte aus der Sammlung des Weltmuseums, zum Ausgangspunkt alternativer Erzählungen zu werden. Zudem setzten wir uns mit der temporären künstlerischen Intervention Dunkle Paarung von Wie-yi T. Lauw und der Frage auseinander, wie ethnografische oder anthropologische Sammlungen auch neue Rahmungen für Vermittlungsformate definieren können, um die Potenziale eines Neulesens von Objekten zu nutzen.

Architekturzentrum Wien

Im Rahmen unseres zweiten Programmpunktes im Architekturzentrum Wien (AzW) im MuseumsQuartier stellten uns die Kurator*innen Karoline Mayer und Katharina Ritter und die Vermittler*in Anne Wübben die vergangene Wanderausstellung des Architekturzentrums Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise von 2019 vor und führten uns durch die aktuelle Ausstellung Boden für alle. Beide Ausstellungen beleuchteten aus gesellschaftspolitischer Perspektive, welche Rolle Architektur und Stadtentwicklung bei der Bekämpfung der Klimakatastrophe zukommen könnte. Die Ausstellung Critical Care von 2019, die noch bis zum 29. August 2021 im Zentrum Architektur Zürich zu sehen ist, klärt über Möglichkeiten nachhaltiger Architektur und Städteplanung mit Beispielen aus Asien, Afrika, Europa, der Karibik, den USA und Südamerika auf.

Ausstellungsansicht „Boden für Alle“, © Architekturzentrum Wien, Foto: Lisa Rastl

Die aktuelle Ausstellung Boden für alle erläutert in mehreren Kapiteln, wie die fortschreitende Zersiedelung des Landes und die in der Folge zunehmende Versiegelung des Bodens in Österreich nicht nur zu einer Privatisierung des öffentlichen Raumes, zu einer Verteuerung des Wohnungsbaus und damit zu steigender Ungleichheit führt, sondern auch die Klimakrise verschärft und die Ernährungssicherheit gefährdet, wie es auf der Webseite heißt. Die Ausstellung klärt nicht nur über die „politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Hintergründe“ der ,Bodenkrise‘ auf, sondern bezieht auch klar Position: „Schwache oder nicht angewandte Raumplanungsgesetze, ein teils fehlgeleitetes Steuergesetz- und Förderungswesen sowie eine mutlose Politik schreiben den Status Quo fort, anstatt eine Vision für die Zukunft zu entwickeln“ (AzW).

Was es schon länger gibt, aber vielleicht nicht alle wussten … Was es noch nicht überall gibt, aber vielleicht geben sollte … Was es noch nicht gibt, aber worüber wir reden müssen … 

In mehreren Kapiteln werden mithilfe von Fallstudien und Ländervergleichen aber nicht nur die Stärken und Schwächen der österreichischen Praxis beleuchtet; mit „Best-Practice-Beispielen“ möchten die Kuratorinnen auch auf internationale Lösungsansätze aufmerksam machen: „Eine Sammlung an bereits bestehenden und möglichen neuen Instrumenten weist Wege zu einer Raumplanung, die die Ressource Boden schont, den Klimawandel abfedert, der Wohnungsfrage hilft und eine gute Architektur ermöglicht“ (AzW). Neben der Recherche und Vermittlung von Fakten zielt die Ausstellung also auch darauf ab, mit kluger, nachhaltiger Stadtplanungspolitik Wege aus der Klimakrise aufzuzeigen.

Ausstellungsansicht „Boden für Alle“, © Architekturzentrum Wien, Foto: Lisa Rastl

Das Besondere an dieser Ausstellung ist, dass neben der sehr informativen investigativen Kritik am Status quo auch positive, hoffnungsvolle Szenarien für die Zukunft vorgestellt werden. Klares Ziel von Boden für alle ist es, nicht nur zu informieren oder zum Nachdenken anzuregen, sondern zum Handeln aufzufordern. Die Kurator*innen machen konkrete Vorschläge, wie man aktiv werden, mit welchen Initiativen man sich vernetzen und wen man kontaktieren kann. Das Konzept des Museums als Forum wird dabei besonders deutlich. Dass mittlerweile auch Repräsentant*innen aus der Politik in die Ausstellung kommen, ist insbesondere in Hinblick auf eine Erweiterung der Zielgruppen bemerkenswert – geht es doch im Zusammenhang mit der Klimakrise ganz zentral auch darum, auch Stakeholder und Interessenvertreter*innen zu erreichen. Neue Zielgruppen erschließt wohl auch die mobile Version der Ausstellung, die derzeit im ländlichen Raum auf Wanderschaft ist.

Naturhistorisches Museum Wien

Auch wenn es als naturwissenschaftlich ausgerichtetes Museum aus der Reihe unserer kulturwissenschaftlichen Exkursionen zu Klima-Aktionen herausstach, lieferte der vermittelnde, auf gesellschaftliche Relevanz abzielende Ansatz der Ausstellung Ablaufdatum: Wenn aus Lebensmitteln Müll wird eine ganze Reihe an Ideen, wie man Besucher*innen auf informative, ästhetisch überraschende und spielerische Weise dazu anregen kann, mit recht einfachen Mitteln das eigene Verhalten in Richtung Nachhaltigkeit zu verändern.

Ausstellungsansicht „Ablaufdatum. Wenn aus Lebensmitteln Müll wird“, © NHM Wien / A. Schumacher

Unter Überschriften wie „Wir essen Erdöl“ (Zitat von E. F. Schumacher [1911‒1977]) wird anschaulich beschrieben, wie „dramatisch hoch“ der Energieverbrauch unserer intensiven industriellen Landwirtschaft tatsächlich ist: „Berücksichtigt man Anbau, Düngung, Ernte, Verarbeitung, Transport, Lagerung und Verkauf, so kostet eine Kalorie Nahrung in der modernen Intensiv-Landwirtschaft den Gegenwert von zehn ,Kalorien‘ Erdöl. Weltweit geht ein Drittel aller produzierten Nahrung verloren – damit werden auch riesige Mengen an Erdöl vernichtet“ (Ausstellungslabel).

Kettenreaktionen

Auch die in der Öffentlichkeit seit Langem bekannten „Kettenreaktionen“, die unsere industrielle Lebensmittelproduktion in Gang setzt, werden in der Ausstellung nicht nur nochmals prägnant zusammengefasst, sondern als bedrohlich für unseren Planeten und uns selbst charakterisiert. Mit der Anklage „Diese Wirtschaft tötet“ von Papst Franziskus aus der Enzyklika Laudato si‘ von 2013 eröffnet die Ausstellung ethische Perspektiven auf die moderne Lebensmittelproduktion als „gewinnbringendes Geschäft“ für die einen bzw. „Ruin“ für die anderen. Der lebensmitteltechnologisch forcierten, gesundheitsschädlichen Überproduktion von Lebensmitteln in den Industrienationen wird die Unterversorgung verarmter Bevölkerungen in den Produktionsländern gegenübergestellt.

Im regen Austausch mit Kurator Andreas Hantschk, der uns durch die von ihm kuratierte Ausstellung führte, konnten wir uns aber nicht nur über den eindrücklich vor Augen geführten ökologischen Fußabdruck industrieller Lebensmittelproduktion und -verschwendung informieren, sondern einige der interaktiven Elemente in der Ausstellung selbst ausprobieren, die uns zur Änderung unserer Koch- und Essgewohnheiten aufforderten.

Ausstellungsansicht „Ablaufdatum. Wenn aus Lebensmitteln Müll wird“, Naturhistorisches Museum, https://www.nhm-wien.ac.at/ablaufdatum/blog

So hilft die Station Planen statt wegwerfen mit Rezepten und Speiseplänen über einen QR-Code (und gedruckten Kochbüchern aus Papier im Regal!), den Wocheneinkauf nachhaltiger zu gestalten, besser vorauszuplanen und Reste zu verwerten. Unterschiedliche Kooperationen, etwa mit der Wiener Tafel oder mit foodsharing – die auch im Blog zur Ausstellung vorgestellt werden – vertiefen diesen Zugang.

Auch in dieser Ausstellung war wieder der mehrteilige kuratorische Ansatz zu beobachten, über Fakten und Zusammenhänge aufzuklären und vor diesem Hintergrund das eigene Verhalten nicht nur zu hinterfragen, sondern in kleinen, einfachen Schritten auch zu lernen, es aktiv zu verändern. Zugleich könnte hier auch kritisch nachgefragt werden, inwiefern es bei einem Thema wie der Überproduktion von Lebensmitteln nur darum geht, auf individuelle Handlungsoptionen von Einzelnen abzuzielen – oder ob es nicht auch notwendig gewesen wäre, die Notwendigkeit struktureller Veränderungen stärker zu diskutieren.

Dom Museum Wien

Den Auftakt zum zweiten Tag machte das Dom Museum mit seiner aktuellen Ausstellung Fragile Schöpfung, durch die uns Katja Brandes (Leitung Kunstvermittlung) führte. Als zentrales Verfahren der von Direktorin Johanna Schwanberg und Klaus Speidel kuratierten Schau kann der von uns bereits diskutierte Ansatz bezeichnet werden, aus den eigenen Sammlungen heraus zu arbeiten und dabei – im Hinblick auf eine Relektüre im Licht der Klimakrise – alternative Erzählungen zu entwickeln bzw. entstehen zu lassen. Zugleich wurden für die aktuelle Ausstellung auch zeitgenössische Künstler*innen beauftragt. Der Ausstellungsparcours ist als eine Form der Montage historischer und zeitgenössischer Kunst angelegt, wobei es darum geht, Bezüge zwischen den verschiedenen Arbeiten entstehen zu lassen, die im Fall zeitgenössischer Arbeiten explizit auf die Klimakrise Bezug nehmen, im Fall historischer Kunst aber erst durch die Zusammenstellung unter dieser thematischen Klammer solche Bezüge entwickeln – und damit in einen neuen Dialog mit der Gegenwart treten.

Bewusst sei die Entscheidung für den Begriff „Schöpfung“ im Titel gefallen und damit ein katholischer Bezugsrahmen hergestellt worden. Aus dieser Perspektive wird das historische Verhältnis von „Mensch“ und „Umwelt“ als „Verbundenheit“ in Szene gesetzt, die „vielschichtig“ und „widersprüchlich“ sei. Die Ausstellung versuche, die „westliche Perspektive durch außereuropäische Perspektiven zu erweitern“. Begrifflichkeiten von „dem Menschen“ und der „Natur“ werden als (kunst)historisch veränderlich, aber auch religiös geprägt präsentiert; die Frage nach dieser Verbundenheit wird angesichts der Klimakrise als überzeitlich, als „gleichbleibend existenziell“ verstanden. „Die Verbundenheit des Menschen mit seiner Umwelt ist vielschichtig und widersprüchlich: Zwischen liebevoller Hege und dem Wunsch nach Beherrschung liegen viele Facetten (…). Natur erscheint als zärtlich behütetes Stück Erde oder zerbrechliches Ökosystem, als übermächtige Landschaft oder zerstörender Vulkan.“

Die Eingangsinszenierung stellte diesen Bezugsrahmen denn auch eindrücklich aus, der Kontext von (historisch nicht nur, aber doch auch katholisch geprägter) weiblich konnotierter Fürsorge hätte kaum deutlicher inszeniert werden können: Mark Dions Kinderwagen mit Grünpflanzen statt eines Kleinkindes vor einer Sacra Conversazione aus dem 16. Jahrhundert.

Ausstellungsansicht „Fragile Schöpfung“, © Dom Museum Wien, Mark Dion, „Nursery“, 2007, Georg Kargl Fine Arts, Wien; Alessandro Araldi, „Sacra conversazione“, 1510er-Jahre, Zisterzienserabtei Stift Heiligenkreuz, Kunstsammlungen, Foto: Annette Löseke

Ähnliche Konnotationen können sich auch beim Betrachten der auf der gegenüberliegenden Wand ausgestellten Fotografie Lois Weinbergers einstellen, auf der ein Mann lose Erde im Arm hält wie einen Säugling:

Lois Weinberger, „Die Erde halten“, 2010, Pigmentdruck auf Archivpapier, Galerie Krinzinger, Wien, Ausstellungsexemplar

Neulesen von Sammlungen

Die Gegenüberstellung historischer Kunst wie etwa des Gemäldes Ausbruch des Vesuv von Albert Biertstedt von 1899 mit der kleinformatigen Bildserie Black Summer aus der Serie Modern Landscapes von Shonah Trescott von 2020, die sich auf die verheerenden Waldbrände in Kalifornien bezieht, zeigt, wie die Ausstellung als Modus des Herstellens von Bezügen funktioniert. Man könnte hier aber auch kritisch nachfragen, insofern dabei eine zeitgenössische Arbeit zu einer auch (wenn nicht hauptsächlich) durch menschliches Handeln beförderten Brandkatastrophe in den Kontext einer kulturell vielfach überlieferten Naturkatastrophe – eines Vulkanausbruchs – gestellt worden ist.

Ausstellungsansicht „Fragile Schöpfung“, Shonah Trescott, Black Summer, aus der Serie „Modern Landscapes“, 2020, Öl auf versiegeltem Fotopapier, Otto Mauer Contemporary, Foto: Annette Löseke

In der Tat wurde die Ausstellung im anschließenden gemeinsamen Gespräch von den Teilnehmenden durchaus kontrovers diskutiert. Während das Neulesen der eigenen Sammlungen bzw. historischer Kunst im Hinblick auf Fragen der Klimakrise durchwegs auf Zuspruch stieß, gaben insbesondere die am Vormittag im Weltmuseum geführten Debatten Stoff für weiterführende Fragen. So hätten sich ethnografische und anthropologische Museen in einen intensiven institutionenkritischen Prozess begeben, um die eigene Verstricktheit in Prozesse von Ressourcenausbeutung und hegemonialer Machtverhältnisse zu thematisieren und offenzulegen. Nachgefragt wurde, ob das nicht auch für Museen in katholischer Trägerschaft ein notwendiger, erst noch zu beschreitender Prozess sei. So habe die Ausstellung zwar mit einem Film von Oliver Ressler (Ende Gelände, 2016) aktivistische Bewegungen in Südamerika thematisiert, nicht aber die Verstrickung der katholischen Missionen in koloniale Kontexte der Ausbeutung.

Zielgruppen – Besucher*innen des Dom Museums Wien

Interessant war diese Ausstellung aber auch in Bezug auf eine der leitenden Fragestellungen des Workshops: Wen wollen wir erreichen? Zu vermuten ist, dass Ausstellungen zur Klimakrise, die von religiös geprägten Einrichtungen kuratiert sind, durchaus andere Zielgruppen ansprechen als etwa kunst- und kulturwissenschaftlich oder naturhistorisch ausgerichtete öffentlich finanzierte Häuser. Interessant wären hier unterfütternde Daten zu Besucher*innen gewesen, die das Museum, wie die anderen besuchten Museen auch, aber nicht im Detail erhebt.

MAK ‒ Museum für angewandte Kunst

Nach dem morgendlichen Besuch im Dom Museum war unsere nächste Station ein Haus, das sich seit einigen Jahren in seiner Programmatik explizit auf Fragen der Klimakrise bezieht: Das MAK – Museum für angewandte Kunst, das derzeit auch als Hauptträger der Vienna Biennale for Change auftritt und die Themen Climate Care bzw. Klimafürsorge auf mehreren Ebenen des Hauses thematisiert.

Ausstellungsansicht „INVOCATION FOR HOPE, A new commission by Superflux“, © Stefan Lux/MAK

Invocation for Hope. A new commission by SUPERFLUX: „Der Wald erscheint ruhig. Er wartet darauf, dass wir hineinhören. Gehen Sie die Rampe hinauf und dann mit Bedacht den Weg entlang, der durch eine Gruppe von verkohlten Schwarzföhren führt… (…) Mitten im toten Wald der Funke eines verwobenen, tentakulären Erblühens, ein Hoffnungsschimmer.“ (Invocation for Hope. A new commission by SUPERFLUX), Ausstellungsansicht, © Stefan Lux / MAK

Eine prägnante Einführung in die Klimapolitik des Hauses bekamen wir durch Generaldirektor Christoph Thun-Hohenstein, der mit den klimapolitischen Essays KLIMASCHÖNHEIT  und WENIGER EGO IST MEHR ZUKUNFT das Thema auch auf einer theoretischen Ebene adressiert hat. Das MAK will Künstler*innen und Kreative ermutigen, „mit all ihren Möglichkeiten zur Bewältigung der Klima- und ökologischen Gesamtkrise beizutragen und sich nachdrücklich in die Gestaltung der Klima-Moderne einzubringen“ (Essay KLIMASCHÖNHEIT). Kuratorin Marlies Wirth und die kuratorische Assistentin Antje Prisker gaben uns anschließend bei einem gemeinsamen Rundgang durchs gesamte Haus Einblicke in ihr Vorgehen.

In der poetischen begehbaren Installation eines abgebrannten Waldes (INVOCATION FOR HOPE, A new commission by Superflux) stimmte das MAK – Museum für angewandte Kunst in seine Gesamtschau zur Vienna Biennale for Change 2021 und die Themen Climate Care oder Klimafürsorge ein.

Auch am MAK zeichnete sich einmal mehr ein klarer Trend in Richtung einer Aneignung und Neuauslegung des Care-Begriffs im Kontext der Klimakrise ab, nämlich unseren Planeten Erde nicht lediglich wertzuschätzen, sondern auch fürsorglich zu behandeln: From Planet Love to Climate Care.

Ausstellungsansicht „CLIMATE CARE. Stellen wir uns vor, unser Planet hat Zukunft“, © Stefan Lux/MAK

Dabei fiel uns auch im MAK auf, wie intensiv die Museumsmitarbeiter*innen ihre jeweiligen Sammlungen mit dem Thema Klimakrise und Klimafürsorge verknüpfen und Klima-Themen mit ihren Sammlungen verschränkt neu denken. Präsentiert wurde eine schier überwältigende Fülle von Beispielen internationaler design-, konstruktions- und materialbezogener Klima-Initiativen, wobei ein Fokus auf ökonomisch-ökologisch umsetzbare, angewandt-orientierte Projekte auffiel.

Fragen von Klimagerechtigkeit

Das Thema Klimagerechtigkeit, das uns schon am Weltmuseum Wien und Weltkulturenmuseum Amsterdam im Rahmen des gemeinsamen, dekolonial ausgerichteten Taking Care-Projekts begegnet war, wird auch im MAK mit einem Zitat von UNO-Generalsekretär Antonio Guterres aufgegriffen, das die Einheit der Menschheit angesichts der Klimakatastrophe, aber auch in Bezug auf die Dringlichkeit des Handelns beschwört: „Der Klimawandel passiert jetzt, und er passiert uns allen. Kein Land und keine Bevölkerungsgruppe sind gegen ihn gefeit, und wie immer sind die Armen und Schutzbedürftigen die ersten Opfer und am schlimmsten betroffen.“ (Antonio Guterres/MAK)

Themen wie Die Natur als Rechtspersönlichkeit / Environmental Personhood werden einerseits mit Themen zu indigenem Wissen verknüpft. Daneben werden aber auch neueste Ansätze alternativer ökonomischer Theorien des ökologischen Post-Wachstums vorgestellt:

Ökonomische, verhaltenspsychologische und indigene Modelle regenerativer Ökonomien miteinander verbindend, stellt etwa die Independent School for the City of Rotterdam ihr Projekt Citizens of the Anthropocene vor. Die Autor*innen konstruieren eine Matrix mit vier Quadranten für vier spezifische philosophische Weltsichten:

denialism/the silent        posthumanism/the shaman

(eco)modernism/the maker        anthropocentrism 2.0/the healer

Diese Achsen repräsentieren die ideologischen Verwerfungslinien des 21. Jahrhunderts: Die große Mehrheit der klimabezogenen Diskussionen finde in der linken Hälfte der Matrix statt, also aufseiten der Verleugner*innen und (Öko-)Modernist*innen. Ein Umdenken sei aber nötig, hin zu den alternativen Quadranten Posthumanismus und Anthropozän 2.0. Die Design-Community, so die Autor*innen bedauernd, sei zu großen Teilen jedoch noch der Gruppe der (Öko-)Modernist*innen oder Macher*innen zuzuordnen, die nach wie vor davon ausgingen, dass ökonomisches Wachstum mit schrumpfenden ökologischen Fußabdrücken koexistieren und die meisten ökologischen Probleme mit technischen Mitteln gelöst werden könnten.

Auch am MAK wurde, wie schon bei den vorigen Museen, deutlich, in welch profunder Weise die Kurator*innen Fragen der Klimakrise und Klimafürsorge interdisziplinär mit ihren jeweiligen Sammlungen verschränken. Am MAK wird Öko-Design als angewandtes, anwendbares, umsetzbares ökologisch-ökonomisches Design nachvollziehbar. Auch hier gab es viele Anregungen, bestehende Projekte, Initiativen und Ansätze konkret aufzugreifen oder sich weiter zu informieren.

Kunst Haus Wien | Museum Hundertwasser

Auch das von Friedensreich Hundertwasser gestaltete Kunst Haus Wien | Museum Hundertwasser, mit dem wir unseren Workshop beschlossen, gilt in Österreich schon seit geraumer Zeit als Pionier und Vorreiter in Sachen eines bewussten Umgangs mit Fragen der Klimakrise. Nach eigenen Angaben setzt das Museum die immer auch gesellschaftspolitisch ausgerichteten ökologischen Ideen des Künstlers Hundertwassers in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts fort, indem es sich als Wiens erstes „grünes“ Museum, als „neuen Ort für KünsterInnen und Kreative [positioniert], die sich mit Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Recycling, Urbanistik oder generationenübergreifende Verantwortung (…) auseinandersetzen“. Die Auseinandersetzung mit der Klimakrise ist auch hier einmal mehr von der Sammlung und historischen Mission des eigenen Hauses inspiriert. Neben der Sammlung mit Werken Hundertwassers zeigt das Haus vor allem Sonderausstellungen zur Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts.

Kunst Haus Wien | Museum Hundertwasser, © Imre Antal

Im Rahmen des Workshops galt unser Interesse jedoch insbesondere dem ökologischen Gesamtkonzept des Hauses und wie sich dieses auch im operativen Betrieb und Arbeitsalltag niederschlägt. Das Museum geht erstens mit Ressourcen sorgsam um. Zweitens wird Reparaturen der Vorzug vor Neukäufen gegeben. Und drittens wird bei Neukäufen auf Langlebigkeit, die Wiederverwertbarkeit von Rohstoffen, Recycelbarkeit und Umweltverträglichkeit geachtet.

Das Gespräch mit Direktorin Bettina Leidl fand – den sommerlichen Temperaturen sei Dank! – auf der begrünten, großen Dachterrasse statt. Nicht nur das kuratorische Programm und der operative Betrieb dieses „grünen“ Museums sind auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, sondern auch der bespielbare Raum selbst. Dort oben konnten wir auch einen Blick auf die Bienenstöcke des Kunst Hauses werfen, die das Rohmaterial für den selbst produzierten Honig und die Kerzen liefern, die im Museumsshop zu kaufen sind.

Blick auf die begrünte Dachterrasse des Kunst Hauses Wien | Museum Hundertwasser, Foto: Eva Tropper

Vorläufiges Fazit (und Ausblick …)

In der Abschlussdiskussion wurden nochmals die verschiedenen kuratorischen Konzepte verglichen, die wir in den zwei Tagen kennengelernt hatten.

Fakten – Alternativen – Handlungsoptionen – Handlungsanregungen

Auffälligerweise kombinierten die meisten der Museen die Vermittlung von Fakten zur Klimakrise mit der Vorstellung alternativer Entwürfe in Bereichen wie Selbstverständnis, Menschenbild, Natur- wie Kulturbegriffe; Lebensmittelproduktion und -verarbeitung; Architektur und Städtebau; oder Design, Konstruktion, Produktion und Material. Fakten, alternative Entwürfe und nachhaltige Projekte wurden in manchen Fällen, insbesondere im Architekturzentrum und Naturhistorischen Museum, durch konkrete Handlungsoptionen ergänzt, die sich auch als Handlungsaufforderungen interpretieren ließen, die sich direkt an alle richteten.

Vielfältige kulturelle Dimensionen der Klimakrise – und ihrer Bewältigung

Faszinierend war es, jeweils vor Ort – im Museumsfeld – zu erkunden, wie umfassend und subtil jedes Haus auf je spezifische Weise sich der eigenen Sammlung aus Sicht der Klimakrise neu genähert und tatsächlich neue und überraschende Perspektiven auf die unterschiedlichsten kulturellen Dimensionen der Klimakrise und ihrer Bewältigung entwickelt hat. Jeder einzelne Ansatz bietet reichlich Material für weitere Forschungen, Erkundungen und eigene Experimente zum Thema Nachhaltigkeit.

Vielfalt der Akteur*innen – neue Felder für empirische Museumsforschung

Abschließend sei noch erwähnt, inwiefern gerade der Themenkomplex Klimakrise und Klima-Aktionen und die so unterschiedlichen kuratorischen Ansätze uns vor Augen geführt haben, wie wichtig es wäre, auch die Interpretation und Handlungsperspektive der aktiv Rezipierenden, der Besucher*innen und weiteren Akteur*innen im erweiterten kulturellen, zivilgesellschaftlichen und (kultur-)politischen Feld besser zu kennen und einbeziehen zu können. Wer sind die jeweiligen Zielgruppen der besuchten Häuser? Angesichts der Vielfalt der Ausrichtungen der einzelnen Häuser darf vermutet werden, dass sich die Publika der einzelnen Museen durchaus voneinander unterscheiden – in mehrerlei Hinsicht, die über soziodemografische Kriterien hinausgehen dürften.

Klimapolitik als kulturell-ideologisch geprägtes Feld

Gerade da sich abzuzeichnen beginnt, wie ideologisch aufgeladen und in Wahlkämpfen relevant das Thema Klimapolitik bereits ist und in Zukunft werden wird, wäre es dringend notwendig zu erforschen, welche Emotionen, Werte und politischen Ansichten unterschiedlicher Publikums- und Akteur*innengruppierungen sich in Bezug auf Klimapolitik herausbilden, um verschiedenste Akteur*innen im Kultursektor und der Zivilgesellschaft einzubeziehen.

Blick auf die begrünte Dachterrasse des Kunst Hauses Wien, | Museum Hundertwasser, Foto: Eva Tropper

Museums for Future – gemeinsame Perspektiven für Museen

Es war ein großer Gewinn, dass an unserem Workshop eine Reihe von aktivistisch engagierten Personen teilgenommen haben – darunter eine Teilnehmende, die erst kürzlich die österreichische Sektion von Museums for Future mitgegründet hat: Museums for Future

 

Abschließend sollen hier noch jene „10 einfachen Maßnahmen“ stehen, die zu einem gemeinsamen Engagement aufrufen:

10 einfache Maßnahmen, die Museen zur Unterstützung von Fridays For Future ergreifen können:

1. Heißen Sie Streikende in Ihrem Museum willkommen
2. Bieten Sie ein Vermittlungsprogramm zur nachhaltigen Zukunft für Kinder und Jugendliche an
3. Schaffen Sie Raum für Teach-ins, Schilderherstellung und Workshops
4. Lassen Sie ein Objekt unter #ArtStrike streiken
5. Dokumentieren und berichten Sie von den Streiks
6. Erzählen Sie die Geschichten junger Aktivist*innen aus anderen Zeiten und Orten
7. Verkaufen Sie nur lokales Essen auf pflanzlicher Basis in Ihrem Restaurant
8. Machen Sie einen Teil Ihres Museumsbetriebs nachhaltig
9. Fördern Sie den Einsatz von öffentlichen Verkehrsmitteln, um zu Ihrem Museum zu gelangen
10. Hören Sie auf, Geld von Unternehmen für fossile Brennstoffe zu akzeptieren

Aus: Museums for Future

Siehe auch: Museums for Future / Kunst Haus Wien | Museum Hundertwasser 

Herzlichen Dank an alle Teilnehmenden und Partner*innen in den beteiligten Häusern!

Museumsakademie Joanneum

Jahresprogramm 2021

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