Eva Ofner im Lift des Kunsthauses. Sowohl außen als auch innen sind die Taster für alle perfekt zu bedienen

19. November 2019 / Alina Lerch

Interview mit … Eva Ofner. Was es für ein Museum bedeutet, barrierefrei zu sein

Ausstellungen | Museumseinblicke

Viele verstehen unter „Barrierefreiheit“ Rampen für Rollstuhlfahrer/innen oder ein Liftangebot. Dass diese Materie jedoch viel umfangreicher ist, weiß kaum jemand. Für Eva Ofner hat Barrierefreiheit von Kindheit an eine wichtige Rolle gespielt. Seit 1997 arbeitet sie im Universalmuseum Joanneum und hat sich die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zum Thema „barrierefreies Museum“ zu beantworten. Am Ende des Interviews gibt es persönliche Erfahrungen sowie einen weiteren Interviewpartner.

Was genau bedeutet eigentlich Barrierefreiheit im Museum?

Barrierefreiheit bedeutet, dass es im ganzen Museum keinerlei Hindernisse für jede einzelne Besucherin und jeden einzelnen Besucher geben soll, damit sich alle willkommen und gut aufgehoben fühlen. Die Einhaltung der Ö-Normen ist gesetzlich geregelt. Wir versuchen aber immer ein bisschen mehr zu tun, quasi „Ö-Norm plus“ … Gerade bei Türbreiten und Wendezonen ist das wirklich wesentlich. Eine Tür muss mindestens 80 bzw. 90 cm breit sein, damit man mit einem Rollstuhl durchfahren kann. Wenn möglich, sollte sie etwas breiter sein. Wir möchten allen Besucherinnen und Besuchern einen unkomplizierten, selbstständigen, angenehmen Zutritt und vor allem Besuch im Universalmuseum Joanneum ermöglichen. Natürlich sind unsere Mitarbeiter/innen immer sofort zur Stelle und helfen, wenn Unterstützung gebraucht wird. Das gilt für alle Besucher/innen.

Wo ist Barrierefreiheit sichtbar?

Videos mit extrem schnellen Bildabfolgen können für Menschen mit Anfallskrankheiten gefährlich sein. Auf einem gut sichtbaren Leuchtkasten ist diese Warnung angebracht.

Hinweis für eine visuelle Installation im Space01

Da die Kunsthaus-Fassade aus Glas ist, muss dieses gekennzeichnet werden, damit man nicht versehentlich dagegen läuft. Viele sehen hier im musealen Bereich Probleme, da eine derartige Markierung unästhetisch wirken könnte, doch das Kunsthaus Graz beweist das Gegenteil: Wir bekleben die Glasfassade mit passenden Motiven der Ausstellung oder den Öffnungszeiten. Das stört niemand – man denkt, dass es dazugehört und genau so sollte das ganze Konzept der Barrierefreiheit sein: unauffällig und selbstverständlich, aber wirksam und sinnvoll.

Die Glasmarkierung und das taktile Kunsthaus-Modell

Gleich funktioniert die Sache mit den Informations- und Hinweisschildern wie WC-Beschriftungen oder Defibrillator-Kennzeichnungen auf der Straße und im Foyer. Das Verwenden von leicht verständlichen Piktogrammen ist wichtig. An den taktilen Leitlinien können sich nicht nur blinde und sehbehinderte Besucher/innen gut orientieren, der Weg zur Information und zum Shop ist so für alle Besucher/innen gut gekennzeichnet und unübersehbar. Außerdem bieten wir Leihrollstühle an. Dieses Angebot wird vor allem von Menschen mit temporären Mobilitätseinschränkungen und älteren Gästen in Anspruch genommen.

Die taktile Leitlinie, die ins Kunsthaus führt.

Was bringt Barrierefreiheit?

Jede Besucherin und jeder Besucher kann das gesamte UMJ-Angebot nutzen! So ist es nicht nur für Menschen mit Sehschwäche von Vorteil, wenn nicht dunkelgraue Schrift auf hellgrauem Untergrund steht, sondern Schwarz auf Weiß oder Gelb. Auch unsere Begleithefte sind für das gesamte Besucher/innen-Spektrum konzipiert: leicht lesbar für Kinder, Menschen, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, oder Menschen mit Lernschwäche. Die Sprechanlage im Lift, die auffälligen Markierungen, die Sitzmöglichkeiten – all das erleichtert den Gästen den Aufenthalt und macht diesen angenehmer. Eine Sitzmöglichkeit wird nicht nur für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen aufgestellt: Nach einem langen Tag, an dem man die ganze Zeit auf den Beinen war, kann eine Sitzgelegenheit für alle eine Erleichterung sein – vor allem, wenn man ein Kunstwerk länger betrachten möchte.

Was sind Herausforderungen, denen man sich beim Planen von Barrierefreiheit stellen muss?

Wenn man von Beginn an die Barrierefreiheit miteinbezieht, gibt es meist keine zusätzlichen finanziellen Herausforderungen. Barrierefreiheit muss selbstverständlich sein und ist beim Bau eines Gebäudes und einer Ausstellungsgestaltung immer einzuplanen. Außerdem zieht die berühmte Kosten-Diskussion, die oftmals geführt wird, nicht, denn man öffnet so die Türen für viele Besucher/innen, die nicht kommen könnten, wenn man die Barrierefreiheit nicht beachtet. Außerdem gibt es die gesetzlich geregelten Ö-Normen, die man einhalten muss. In der EU leben mehr als 80 Millionen Menschen mit Behinderungen – sollen die etwa nicht das Museum besuchen können? Menschen mit Behinderungen sind gut vernetzt, und positive Mundpropaganda ist die beste Werbung. Im Museum kann man dem Alltag entfliehen, das sollte jedem Menschen möglich sein.

Gibt es auch spezielle, individuelle Umsetzungen der Barrierefreiheit?

Natürlich. Wir bieten Führungen für alle Menschen an. Bei Führungen für blinde Menschen spielt die Haptik eine große Rolle. Schon vorab wird mit den Kuratorinnen und Kuratoren besprochen, welche Objekte berührt werden dürfen. Kommt eine Gruppe gehörloser Menschen ins Kunsthaus, wird ein/e Gebärdendolmetscher/in gebraucht. Der Info-/Shopbereich und der Space04 sind mit einer induktiven Höranlage ausgestattet. Führungen für mit Menschen mit Lernschwierigkeiten finden in Leichter Sprache statt. Es geht nicht nur um Wissensvermittlung, sondern es wird auch das Augenmerk auf die Raumerfahrung gelegt. Assistenzpersonen bezahlen weder Eintritt noch Führung. Assistenzhunde sind im gesamten UMJ willkommen.

Schon beim Planen einer Ausstellung denken die Kuratorinnen und Kuratoren an die Barrierefreiheit. Es gibt auch Kunstwerke die nicht „barrierefrei sind“, da muss man sich was einfallen lassen. Kolleginnen und Kollegen, die gerade dabei sind, eine Ausstellung zu gestalten und vorzubereiten, fragen mich, ob das wie geplant umsetzbar ist.

Bist du mit dem derzeitigen Angebot zufrieden oder gibt es Erweiterungswünsche?

Grundsätzlich bin ich schon recht zufrieden. Besser geht’s natürlich immer noch. Besonders bedanken möchte ich mich bei all meinen Kolleginnen und Kollegen, die mich unterstützen. Uns allen ist die Wichtigkeit der Barrierefreiheit bewusst. Mein Wunsch wäre es, dass man gar nicht mehr über Barrierefreiheit reden muss, weil es keine Barrieren mehr gibt. In denkmalgeschützten Standorten ist es manchmal nicht machbar, alles barrierefrei umzusetzen. Aber es sollte immer die bestmögliche Lösung gefunden werden.

Was möchtest du noch all jenen mit auf den Weg mitgeben, die nicht auf ein barrierefreies Museum angewiesen sind?

Eigentlich nützt ein barrierefreies Museum jeder Besucherin und jedem Besucher, es bietet nur Vorteile! Um manche Umsetzungen verstehen zu können, muss selbst erfahren werden, wie es ist, auf Barrieren zu stoßen: Ist die Vitrine zu hoch? Der Weg zu eng? Das Licht zu grell? Was tun, wenn man müde ist und sich gerne hinsetzen würde? Rücksicht und Verständnis sind das A und O. Die Angst, dass Barrierefreiheit das Konzept (zer)stört, muss genommen werden. Dazu gehört auch, dass die „vorhandene Barrierefreiheit“ nicht gestört oder blockiert werden darf: keine Fahrräder auf den Leitlinien abstellen, kein Missbrauch der barrierefreien WC-Anlagen, die unterfahrbaren Bereiche nicht verstellen … Die Leute müssen sensibilisiert werden. Nicht nur im Kunsthaus – überall!

Damit auch ich mich besser in die Situation hineinversetzen konnte, gab Eva mir einen der Leihrollstühle und begleitete mich durch die Ausstellung „Connected. Peter Kogler with …“. Ich konnte feststellen, dass sogar für eine Rollstuhl-Anfängerin wie mich keine einzige Hürde vorzufinden war. Lift, Platz in der Ausstellung, Vitrinenhöhe etc. – alles war einwandfrei zu benutzen. Sie stellte mir auch Objekte vor, die sie bei einer Führung für blinde Menschen verwendet. So kann man ein Stück der Acrylglas-Skin des Kunsthauses und eine der Leuchtstoffröhren der BIX-Fassade berühren oder verschiedene Kunsthaus-Modelle mitsamt Umgebung ertasten. Man fühlt sich nicht benachteiligt oder ausgegrenzt, sondern sehr willkommen und gut aufgehoben. Auch die WCs, die sich in jedem Stockwerk befinden, sind barrierefrei und bieten auch genügend Platz für Personen mit Kinderwägen.

Die Ausstellung bietet genügend Platz zum Wenden mit einem Rollstuhl, der Inhalt der Vitrinen ist gut lesbar und die Vitrinen sind so konzipiert, dass sie unterfahrbar sind.

Der Blickwinkel in eine Vitrine vom Rollstuhl aus.

Eva mit einer der Leuchtstoffröhren, die in der Nacht den „Friendly-Alien“ zum Leben erwecken. Zum „Ertasten“ für alle …

Zum Schluss hatte ich auch die Gelegenheit, mit Lukas Schuster zu sprechen. Er arbeitet im Besucher/innenservice des Kunsthauses und sitzt selbst im Rollstuhl.

Wie findest du die Umsetzung der Barrierefreiheit hier im Universalmuseum Joanneum?

Im Kunsthaus finde ich das Angebot sehr toll. Nicht überall findet man eine so gute Umsetzung! Ich war schon bei mehreren Brandschutzübungen dabei und muss sagen: Im Ernstfall habe ich keine Angst, denn ich weiß, dass das Konzept hier auch für mich sehr gut funktioniert. Auch im Joanneumsviertel finde ich mich super zurecht und der Park im Schloss Eggenberg ist für mich jedes Mal ein tolles Erlebnis. Was mich außerdem sehr glücklich macht, sind die Kolleginnen und Kollegen: Wenn man was braucht, ist sofort jemand für einen da, und dafür bin ich wirklich sehr dankbar!

Text und Fotos: Alina Lerch

 

Kategorie: Ausstellungen | Museumseinblicke
Schlagworte: Arbeiten im Museum | Barrierefreiheit | Interview | Kunsthaus Graz


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