Suchbild: Welche Wurscht ist echt?, Foto: Christian Reinprecht

27. November 2017 / Katia Huemer

Feinkostabteilung Kunsthaus Graz

Kunsthaus Graz

Anlässlich von Erwin Wurms Einzelausstellung "Fußballgroßer Tonklumpen auf hellblauem Autodach" (23.3.–20.8.2017) entstand eine besondere Edition: Eine Jahreskarte für das Universalmuseum Joanneum in Form einer Knackwurst.

Zweifellos könnte man behaupten, dass es eine Spezialität des derzeit vielleicht erfolgreichsten österreichischen Künstlers ist, Menschen in absurde Situationen zu bringen. Das Konzept der One Minute Sculptures, mit dem Wurm in den 1980ern der Durchbruch gelang und mit dem er bis heute (wie zuletzt bei der Biennale in Venedig zu sehen) den Skulpturenbegriff erweitert, zeugt davon, dass Wurms Publikum sich bereitwillig darauf einlässt, Skulptur körperlich zu erfahren – selbst dann, wenn es sich dafür zum Narren machen muss.

Die Wurst ist (wie auch die Essiggurke) ein wiederkehrendes Motiv im Werk von Erwin Wurm: „Die Wurst ist eine mitteleuropäische Ikone, eine Nahrungsmittelikone. Wir sind ja hier im Winterland, wo es zur kalten Jahreszeit nichts gegeben hat, kein frisches Obst, Gemüse usw. Sauerkraut wurde eingelegt, Essiggurken, altes Fleisch wurde in Gedärme gestopft und zur Wurst. Winterküche. Darum beschäftige ich mich mit dem Thema“, so der Künstler im Gespräch mit Günther Holler-Schuster, dem Kurator der Ausstellung.

„Und dann hat natürlich jede Essiggurke, jede Wurst eine dezidierte Form, die an bestimmte männliche Teile erinnert, und dieser anatomische Teil ist ja etwas sehr Wichtiges für den Mann und für die Frau. Das ist ja Thema für Dramen und für Weltkriege und all das. Darum interessiert mich dieses Thema und deshalb kommt das immer wieder vor.“

Von der Extrawurstsemmel zur Eintrittskarte

Von der Extrawurstsemmel, die am Knie einer Figur von Fritz Wotruba vergessen wurde (siehe Ausstellungssujet) bis zur Knackwurst, mit der man an der Kassa Eintritt ins Museum verlangen könnte, war es also nicht mehr weit, und die Idee einer Sonderedition der Joanneumskarte à la Erwin Wurm geboren. Blieb also nur noch die Umsetzung, die sich als nicht ganz so einfach herausstellte wie zunächst gedacht, da ein eingelassener Chip, auf dem die Daten des Wurscht-Besitzers vermerkt werden sollten, ein Gussverfahren wesentlich erschwert.

Nach vielen Überlegungen und Gesprächen mit Restauratoren, Künstlern und Kunstgießern fand sich schließlich das passende Material (Silikon) und damit verbunden eine kongeniale interne Lösung: Christian Reinprecht, Modellbauer der Abteilung Naturkunde im Universalmuseum Joanneum und Tüftler, erklärte sich bereit, uns bei der Produktion tatkräftig zu unterstützen.

Mit handwerklichem Geschick und unendlicher Geduld (es bedurfte unzähliger Versuche, bis das richtige Material gefunden, der Chip an der richtigen Stelle versenkt, die Silikonfarben ausgewählt waren und die Airbrush nicht mehr verstopfte) schaffte er es schließlich, die Wurscht so „echt“ aussehen zu lassen, dass sie einer Knackwurst vom Fleischer zum Verwechseln ähnelt.

Ausverkauft!

Den Startschuss für den Verkauf gab ein Künstlergespräch mit Erwin Wurm ( Klicken zum Nachhören) das am 13.06. im Kunsthaus stattfand. Innerhalb weniger Tage gab es bereits mehr als 80 Interessenten an der Edition von 100, bereits nach 10 Tagen war sie ausverkauft, und das, obwohl aufgrund der langwierigen Produktion und der Tatsache, dass jede Wurscht ein handgearbeitetes Einzelstück darstellt, die Produktion nach und nach erfolgen musste. Die meisten „Würschte“ wurden übrigens in die USA, nach England oder Deutschland verkauft – wohl dank der niederländischen Internet-Plattform New Art Editions, die auf Erwin Wurms Edition aufmerksam wurde und sie auf ihrer Seite gepostet hatte.

Ob einige dieser internationalen Käufer eines Tages mit der Wurscht in der Hand an einem der Standorte des Joanneums Eintritt verlangen, bleibt offen. Die Freude über die kleine Wurm-Skulptur zeigte sich jedenfalls in zahlreichen Rückmeldungen der Interessenten, die per E-Mail bei uns eintrafen. Der originellste Kommentar kam in diesem Zusammenhang von einem Internisten aus Deutschland:

„Meine algerische Kollegin ist ganz begeistert, dass sie mal eine Fleischwurst anfassen darf, weil die ja normalerweise nicht halal sind.“ Was der Wurscht und ihrer Bestimmung zwischen Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand einen weiteren Aspekt gibt.

Erwin Wurm

Wurscht, 2017
Silikon, Chip, Lackiersilikon, ca. 10,5 × 5 × 2,5 cm
Edition von 100
VP: € 199 (ausverkauft)

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Kategorie: Kunsthaus Graz
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