Ansicht Zettelkasten, Grimmwelt Kassel © arbeitskreis neu

Ansicht Zettelkasten, Grimmwelt Kassel © arbeitskreis neu

20. April 2021 / Magdalena Stieb

Andauernd. Vermittlungsarbeit dokumentieren

Museumsakademie | Museumsalltag | Museumseinblicke

Am 15. März 2021 luden die Museumsakademie Joanneum und der arbeitskreis neu. Plattform für Kulturvermittlung zum Online-Workshop „Andauernd. Vermittlungsarbeit dokumentieren“ ein: Der Workshop näherte sich dem vielseitigen Thema des Dokumentierens von Vermittlungsarbeit über fünf Impulse von ausgewiesenen Expertinnen aus dem deutschsprachigen Raum und gab in digitalen ‚Clouds‘ der Diskussion und dem Austausch zwischen den teilnehmenden Museumspraktiker*innen Raum. Im Zentrum stand nicht zuletzt die Frage danach, wie sich Vermittlungsarbeit, die ephemer und prozesshaft ist und davon lebt, nicht genau vorhersehbar und planbar zu sein, in ‚dauerhafte‘ Formen der Dokumentation übersetzen lassen kann.

Der Workshop wurde von Karoline Boehm (Museumsakademie) gemeinsam mit Sandra Kobel, Magdalena Stieb, Anita Thanhofer und Eva Winkler (arbeitskreis neu) konzipiert und mit der Unterstützung von Eva Tropper (Museumsakademie) durchgeführt. Die Veranstaltung ging aus von der Beobachtung, dass derzeit an unterschiedlichen Orten und aus unterschiedlichen Initiativen heraus ein verstärkter Bedarf danach zu beobachten ist, Vermittlungsarbeit auf eine neue Weise sichtbar zu machen und Formen zu finden, die eine Nachhaltigkeit von Prozessen der Vermittlung ermöglichen. Diese steigende Relevanz ist dabei durchaus herausfordernd. Vermittlungsarbeit ist ein komplexes, prozessuales Geschehen, das sich im Verlauf oftmals auf eine Weise entwickelt, die nicht im Detail vorhersehbar und planbar ist. Wie, so eine Grundfrage des Workshops, lassen sich dafür überhaupt ‚dauerhafte‘ Formen der Dokumentation finden?

In der Praxis – und in der Theorie …

Ist einerseits eine immer wichtiger werdende Praxis zu beobachten, so gibt es andererseits kaum noch theoretische Reflexion dazu. Erste Anregungen finden sich im Online-Standardwerk kritischer Kulturvermittlung von Carmen Mörsch. Sie formuliert die Beobachtung, dass es vor allem auch die Vielfalt der Adressat*innen sei, die die Dokumentation von Kulturvermittlung so komplex macht. Diese Frage, für wen wir eigentlich Vermittlungsarbeit dokumentieren wollen, war auch eine Leitfrage des Programms. Denn inwiefern geht es bei der Dokumentation von Vermittlungsarbeit einerseits um Sichtbarmachung nach außen, für die Beteiligten an Vermittlungsprojekten, für eine größere Museumsöffentlichkeit oder auch für Stakeholder wie z. B. Fördergeber*innen oder kulturpolitische Entscheidungsträger*innen? Inwiefern geht es andererseits um Sichtbarmachung nach innen, um hausinternes ‚Lernen‘, um das Sichern von bereits erprobten Methoden und Ansätzen – auch zwischen Institutionen und frei angestellten Kulturvermittler*innen? Oder um das Kommunizieren von Projektinhalten über Abteilungsgrenzen hinweg? Und inwiefern geht es drittens darum, methodisches und inhaltliches Know-how für eine übergreifende Professional Community zu dokumentieren und produktiv zu machen, es zu streuen; und inwiefern geht es um eine „Kompliz*innenschaft“ (Zitat „lab.Bode“)?

Der Weg in die gemeinsame Reflexion wurde für das Online-Format durch eine zweigeteilte Struktur des Tages eröffnet: Der Vormittag legte eine breite Basis mit fünf Impulsen von Claudia Ehgartner, Andrea Günther, Franziska Dürr, Isabell Fiedler und Diana Dressel. Beispiele aus der musealen Vermittlungspraxis, eine Rückschau auf Entwicklungen in der Dokumentation von Vermittlungsarbeit in unterschiedlicher medialer Aufbereitung und das Projekt einer Sichtbarmachung der vermittlerischen Arbeit an sich umrissen die Diskursfelder für den Nachmittag. In Kleingruppen – digitalen ‚Clouds‘ – wurden die Themen in moderierten und methodisch unterlegten Diskussionen unter den Teilnehmenden an eigene Erfahrungen und Fragestellungen angebunden.

Zwar gab es keine Gelegenheit zum Smalltalk bei Kaffeepausen oder einem gemeinsamen Mittagessen, doch waren die Teilnehmenden eingeladen, beim digitalen Speed Dating am Beginn des Workshops einzelne, zufällig zugeordnete Kolleg*innen kennenzulernen. Außergewöhnliche Umstände erfordern Kreativität und eröffnen neue Möglichkeiten.

Andauernd dokumentieren …

Screenshot Padlet „Andauernd dokumentieren ...“

Screenshot Padlet „Andauernd dokumentieren …“

Auch im Konzept des Workshops spielte die Frage nach der Dokumentation eine tragende Rolle: Wie können die zahlreichen Erfahrungen, Ideen und Fragestellungen, die im Laufe des Tages besprochen werden, für alle Teilnehmenden gesammelt und dauerhaft sichtbar gemacht werden – und, nicht zuletzt, wie können sich die Teilnehmenden selbst sichtbar machen? Online-Tools, deren Gebrauch in den vergangenen Monaten selbstverständlicher geworden ist, ermöglichten diesen kollektiven und partizipativen Prozess. Als Ergebnis formte sich eine Online-Pinnwand (Padlet), auf der sich Projekte, Links, Fotos, Zitate, Kontaktdaten usw. ansammeln konnten; das Padlet wurde für die Teilnehmenden auch nach dem Workshop noch eine Zeit lang offengehalten und wurde ihnen abschließend zur Verfügung gestellt.

Die eigene Vermittlungsarbeit festhalten – Impulse setzen in Bewegung

Was bleibt sichtbar? Claudia Ehgartner

Claudia Ehgartner (wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin) blickte im ersten Impuls des Vormittags zurück auf ihre eigene langjährige Praxis als Kunstvermittlerin und zeigte auf, dass viele Fragestellungen über die letzten 20 Jahre aktuell geblieben sind: Die Rolle der Dokumentation von Vermittlungsarbeit stellte sich in Claudia Ehgartners Projektarbeit recht bald. Mit ihrem ersten Dokumentationsprojekt „Jahresblick“ (2003/04) in gedruckter Form für die Kunsthalle Wien ging es neben der Frage nach den Kriterien und Materialien der Dokumentation auch darum, die Sichtbarkeit der Abteilung für Kunstvermittlung – auch innerhalb der eigenen Institution – zu erhöhen. Das Prinzip des „Inreach“ stellte sich als wichtige Aufgabe heraus: Denn während die Erstellung eines Katalogs als inhaltliche Dokumentation von Ausstellungen bereits die Regel war, ging es darum, Formen der Dokumentation von Vermittlungsarbeit überhaupt erst zu entwickeln und nach innen und außen aufzubereiten. Dazu gehörte etwa das Verschriftlichen von Vermittlungskonzepten zu einzelnen Ausstellungsprojekten ebenso wie das Integrieren der Biografien aller beteiligten Vermittler*innen und die fotografische Dokumentation der Räume, in denen bestimmte Projekte umgesetzt wurden.

„Und was bleibt, ist der Katalog“

Aus der Arbeit mit Schulgruppen und dem Kontakt mit Lehrpersonen ergab sich für Claudia Ehgartner und ihre Kolleg*innen schließlich die Frage, wie eine Dokumentation von Kunstvermittlung auch den Austausch und die Weitergabe von Methoden fördern und ermöglichen könnte. Neben rechtlichen Fragen (wem „gehört“ ein Vermittlungskonzept, eine Methode?) galt es, Konzepte für bestimmte Zielgruppen zu überarbeiten. Neue Möglichkeiten der Verbreitung von Inhalten ergaben sich durch die Drucklegung der Mappe „Kunst und …“, die am mumok entstanden ist. Als Ringordner produziert, ergänzt um einen USB-Stick, war die Methodensammlung auf Erweiterung angelegt. Die Ebene der Reflexion der Vermittlungspraxis gewann dort zunehmend an Bedeutung: Steht die Dokumentation am Beginn oder am Ende einer Ausstellungsperiode? Wer sind die Zielgruppen von Dokumentationsprojekten (Lehrpersonen, Professional Community etc.)? Wie ist mit „misslungenen“ Projekten umzugehen? Für Claudia Ehgartner gilt in jedem Fall: Ein Archiv hat nur dann einen Nutzen, wenn es sichtbar gemacht wird.

Interner Wissenstransfer – Diana Dressel

Das Jüdische Museum Berlin hat hinsichtlich der Frage nach Kriterien der Vermittlungsdokumentation, mit denen sich Claudia Ehgartner schon lange Zeit beschäftigt, eine Strategie entwickelt, die den Wissenstransfer nach innen und außen in den Fokus stellt.
Das Jüdische Museum Berlin begreift sich als ein „lernendes Museum“, was auch für die Vermittlungsarbeit von Diana Dressel, Leiterin der Bildungsabteilung am Museum, als Leitlinie gilt: Unter der Fragestellung, wie das Praxiswissen innerhalb einer Institution kommuniziert wird bzw. wie Kolleg*innen voneinander lernen können, wurde am Jüdischen Museum das Konzept des „Guidings“ umgesetzt, eine Form der Vermittlungstätigkeit, in der die Reflexion und ständige Verbesserung der Bildungsarbeit besonders betont werden. Der Wissenstransfer beschränkt sich im Jüdischen Museum nicht auf hausinterne Mitarbeiter*innen, sondern passiert in dem Dreieck Museum/Guides/Schulen, ist also als „In- and Outreach“-Konzept formuliert.

„die eigene Arbeit erforschen und dokumentieren“

Etwa 70% der Gruppen-Besucher*innen des Jüdischen Museums sind Schulgruppen, meist Gymnasien, so Diana Dressel. Aus der Besucher*innenstatistik zog die Bildungsabteilung des Museums Konsequenzen und initiierte längerfristige Partnerschaften mit „Fokusgruppen“, also Lehrpersonen, Museumspädagog*innen und Schüler*innen. Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fokusgruppen, zu denen etwa auch die Refik-Veseli-Schule in Berlin gehört, wirkt in unterschiedliche Richtungen: Museumsinhalte und das Schulcurriculum spiegeln die Zusammenarbeit wider; das Guideteam gewinnt neue Expertisen; Partizipationsprozesse werden angeregt; ein Netzwerk für Lehrkräfte hat sich gebildet.

Screenshot der Präsentation von Diana Dressel (Jüdisches Museum Berlin) „Unter Kolleg*innen. Lernen unter Vermittler*innen“

Screenshot der Präsentation von Diana Dressel (Jüdisches Museum Berlin) „Unter Kolleg*innen. Lernen unter Vermittler*innen“

Neben den Outreach-Projekten mit Fokusgruppen spielen „Praxisrecherchen“ der freien Mitarbeiter*innen eine zentrale Rolle: Vermittler*innen hospitieren gegenseitig bei Formaten von Kolleg*innen. Über teilnehmende Beobachtungen reflektieren sie die eigene Vermittlungspraxis. Ziel ist eine „individuelle, forschende Entwicklung der Guidepraxis“ die als „Team-Based Inquiry“ zu verstehen ist.
Diese Praxisrecherchen sind strukturell in das Jüdische Museum Berlin eingebettet und werden genau mittels Dokumentationsbögen festgehalten. Ziel ist nicht zuletzt ein objektivierbarer Qualitätsstandard der Vermittlungsarbeit, der einer vereinheitlichten Evaluationsstruktur folgt: die eigene Arbeit zu erforschen und zu dokumentieren in einem Team, das sich als offene Lerngemeinschaft begreift, und in einem Museum, das aufgrund seiner Größenordnung spezifische Anforderungen mit sich bringt. Im Plenum wurde diese Evaluationspraxis unter genau vorgegebenen Kriterien im Spannungsverhältnis zur kreativen, offenen, prozessorientierten, oftmals schwer vorhersehbaren Vermittlungsarbeit diskutiert.

Dokumentation als Inspiration – Franziska Dürr

Vermittlungsarbeit müsse dokumentiert werden, sonst sei sie tot – zitiert Franziska Dürr, Kulturvermittlerin und Geschäftsführerin, Kuverum / Projektleitung „TiM ‒Tandem im Museum“, Zürich, am Beginn ihres Impulses Heiderose Hildebrand. Vermittlungssituationen gelte es sichtbar und nachvollziehbar zu machen, und zwar unter dem zentralen Motiv der Selbstermächtigung von Akteur*innen, also der Besucher*innen von Museen.

„Vermittlungsarbeit, die nicht dokumentiert wird, ist tote Arbeit“

In ihrem Impuls macht Franziska Dürr noch einmal die im Vorfeld des Workshops formulierte Annahme klar, dass Vermittlungsarbeit eine ephemere, nicht im Detail vorhersehbare und planbare, prozesshafte Tätigkeit ist, an der unterschiedlichste Partner*innen beteiligt sind und sich involvieren: „Ich weiß nicht so genau, was passiert“, fasst Franziska Dürr ihre langjährige Erfahrung als Vermittlerin zusammen und begreift so Vermittlungsarbeit als einen im Grunde künstlerischen, ja inspirierten Akt. Zugleich formuliert sie erneut die große Frage, wie diese Prozesse festgehalten werden können.

Die Frage nach der Dokumentation hat Franziska Dürr im Projekt „musée imaginaire suisse“ zum Ausgangspunkt einer kreativen Praxis genommen und dem Ziel der Selbstermächtigung Rechnung getragen: Nutzer*innen sind eingeladen, als Museumsbesucher*innen Museumsobjekte auszuwählen und Geschichten zu diesen Objekten zu erzählen. Das Ergebnis dieser Storytelling-Methode, die einzeln, zu zweit oder in Gruppen umgesetzt werden kann, teilen die Beteiligten im Internet – es gehe darum, sich die Deutungshoheit über ein Objekt zu nehmen, so Franziska Dürr, so könnten die Beteiligten eine Spur hinterlassen. Der Dokumentation einer Methode ist also das kreative Potenzial bereits inhärent; die Bedeutung der Dokumentation als Werkzeug für Evaluierung ist hier zweitrangig.

Screenshot musee imaginaìre suisse

Screenshot musee imaginaìre suisse

Insofern sich Franziska Dürrs Arbeiten von Beginn an aus dem Gedanken der Dokumentation entwickeln und unter dem Aspekt des Sichtbarwerdens kreativer Praxis konzipiert werden, ist für sie insbesondere auch deren Form und Erscheinungsbild bedeutsam. Es gelte, so ihr Appell, (selbstbewusst) die finanziellen Mittel für ansprechende dokumentarische Formen einzufordern. Denn auch darin liege eine Form der Wertschätzung von Vermittlungsarbeit.

Nachhaltigkeit von Dokumentation der Vermittlungsarbeit – Andrea Günther

Die richtige Form für ein Vermittlungs- und Methodenarchiv zu finden und ein solches nutzbar und wertvoll für Kolleg*innen zu machen, ist eines der vielschichtigen Ziele des Projekts „lab.Bode – Initiative zur Stärkung der Vermittlungsarbeit in Museen“ der Staatlichen Museen zu Berlin. Andrea Günther, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei „lab.Bode“, stellte den „lab.Bode pool“ vor: Das auf fünf Jahre ausgelegte Projekt „lab.Bode“ ist eine Zusammenarbeit der Kulturstiftung des Bundes und der Staatlichen Museen zu Berlin und hat mit dem „lab.Bode pool“ ein Online-Archiv von Methoden und Themen in der Vermittlungsarbeit angelegt, das als Basis einer gesellschaftskritischen, inklusiven und partizipativen Arbeit mit Schulen und anderen Zielgruppen dienen kann. Der „lab.Bode pool“ ist aus der Frage entstanden, wie sich ein umfassendes, mehrjähriges Projekt nachhaltig dokumentieren und in der Arbeitspraxis der Vermittlungsarbeitenden an Museen fruchtbar machen lässt. Im Gesamtkonzept von „lab.Bode“ war der Kostenpunkt „Dokumentation“ verankert, allerdings musste dieser Begriff im Laufe des Projekts reflektiert und neu gefasst werden.

Screenshot lab.Bode pool

Screenshot lab.Bode pool

Der „lab.Bode pool“ ist aus dem Gedanken der Kompliz*innenschaft entstanden – Ziel von „lab.Bode“ sei es, Vermittler*innen Instrumente an die Hand zu geben, so Andrea Günther. Der Prozesscharakter sei zwar durchaus fordernd, die stete Reflexion über das eigene Tun offeriere aber eine theoretische und methodische Tiefe: Das Flugzeug zu bauen, während wir es schon fliegen, hätte auch Vorteile, so Andrea Günther.

„Das Flugzeug bauen, während wir es schon fliegen“

Mit dem „lab.Bode pool“ wird nun den Kolleg*innen ein umfassender Methoden- und Themenkoffer an die Hand gegeben: Die beiden Bereiche „Methode“ und „Themen“ sind miteinander verknüpft, mittels diverser Filter lässt sich die Toolbox gezielt durchsuchen, lässt es aber auch zu, sich inspirieren zu lassen. Im Bereich der „Themen“ ist jeder Eintrag in zwei Fragen gegliedert: Die Frage des „Warum?“ zum jeweiligen Thema wird auf der Webseite aus theoretischer Perspektive beantwortet und liefert so Argumentationshilfen für die Vermittlungsarbeit. Der Abschnitt zur Frage nach dem „Wie“ liefert Methoden, Videos, Illustrationen, Podcasts oder Videomitschnitte von und zu Vermittlungsarbeit.

Das ambitionierte Projekt des „lab.Bode pool“ als Work in Progress demonstrierte den Teilnehmenden ein Praxisbeispiel eines Vermittlungsarchivs, das sich an den Bedürfnissen von Vermittlungsarbeiter*innen orientiert und Bedürfnisse und Anliegen von miteingebundenen Kooperationspartner*innen aufnimmt und integriert.

Ein dezentrales Archiv der Vermittlungsarbeit – Beatrice Jaschke

Als „Bonustrack“ zur Veranstaltung kam kurz vor der Mittagspause ein weiteres Beispiel eines Archivs von Vermittlungsarbeit ins Spiel. Auf Initiative von Beatrice Jaschke konnte das Projekt „Archiv der Vermittlung. Das Unarchivierbare aktualisieren“ der Arbeitsgemeinschaft schnittpunkt und Büro trafo.K in Wien in einem zusätzlich eingefügten 5-minütigen Slot vorgestellt werden.
Mit einem noch stärker historischen Fokus als das Projekt „lab.Bode“ versucht das Wiener Projekt, das noch am Anfang seiner Projektlaufzeit steht, über Jahrzehnte angesammelte Erfahrungen und Materialien der Kunstvermittlung in österreichischen Museen zu sammeln, zu sichten und zu archivieren. Geplant ist eine sowohl analoge als auch digitale Dimension des aufzubauenden Archivs, Interviews mit vor Jahrzehnten aktiven Akteur*innen aus der Kunst- und Kulturvermittlungsszene ebenso wie eine vertiefte methodische Debatte darüber, wie ein solches historisches Archiv für die Gegenwart aktualisiert werden kann.

Kolleg*innen sichtbar machen – Isabell Fiedler

Bevor Vermittlungsarbeit überhaupt beginnen kann, braucht es Kultur- und Kunstvermittler*innen, die an die Arbeit gehen und vermittlerische Prozesse in Gang bringen. Isabell Fiedler leitet die Abteilung Kulturvermittlung an der Kunstmeile Krems (derzeit in Karenz) und ist Mitinitiatorin des „Forums Kultur Vermittlung“. In ihrer Netzwerkarbeit richtet sich der Fokus auf die Kolleg*innenschaft und die Analyse kulturvermittlerischer Arbeit.

„Vermittlungsprojekte von und für Kolleg*innen aufbereiten“

Isabell Fiedler machte dabei noch einmal darauf aufmerksam, an wen sich die Dokumentation von Vermittlungsarbeit richtet (wer also die Adressat*innen sind) und wie unterschiedliche Medien die Dokumentation formen: Webseiten, Blogs, autonome Projektwebseiten usw.
„Forum Kultur Vermittlung“ sieht sich hier als Schnittpunkt für den Informationsaustausch unter Kolleg*innen und als Analysetool für Kulturvermittlung in Österreich. Mit dem Projekt „Sicht Bar“ werden nun Kolleg*innen ‚vor den Vorhang‘ geholt: Auf Basis eines festgelegten Fragenkatalogs werden Kulturvermittler*innen aus ganz Österreich befragt und so als Personen und mit ihren individuellen Arbeitsprofilen sichtbar gemacht. Während der Corona-Pandemie zeigt sich, dass digitale Formate gerade in der Kulturvermittlung entwickelt werden konnten und damit deren Sichtbarkeit gesteigert wurde. Die Reflexion über die Möglichkeiten digitaler Methoden und Formate, das Betrachten des Geschehenen also, ist dabei ein zentrales Movens und zeigt, wie lebendig das Feld der Kulturvermittlung ist.

Screenshot Forum Kultur Vermittlung

Screenshot Forum Kultur Vermittlung

Die ‚Clouds‘ – Wetterlagen in der eigenen Vermittlungsarbeit

Während der Vormittag eine Verdichtung der Themenstellung durch Impulse aus Theorie und Praxis brachte, war der zweite Abschnitt des Workshops am Nachmittag dem Austausch gewidmet: Die Teilnehmenden konnten in drei moderierten Diskussionssessions (in Zoom-Breakout-Rooms) im Gespräch eigene Erfahrungen, Fragestellungen und Ideen verhandeln.
Sandra Kobel, Anita Thanhofer, Magdalena Stieb und Eva Winkler begleiteten diese ‚Clouds‘: ‚Cloud‘ verstand sich dabei als virtueller Speicher- und Sammlungsort, der kollektiv genutzt und bespielt werden konnte – auch das Aufeinandertreffen verschiedener Sichtweisen unterschiedlicher Akteur*innen in Gesprächen wird zum Ideenspeicher. Darüber hinaus lässt sich in und an diesen ‚Clouds‘ auch eine bestimmte ‚Wetterlage‘ betreffend spezifischer Fragestellungen und Probleme im Feld der Vermittlungsarbeit feststellen.
Den Teilnehmenden wurde im Online-Raum wonder.me parallel zu den Diskussionsrunden eine Chill-out-and-Network-Area angeboten: Zum informellen Austausch und gemütlichen Plaudern konnten sich die Teilnehmenden außerhalb von Zoom treffen.
Den Ausgangspunkt bildeten in der ersten ‚Cloud‘, überschrieben mit „Ausgangspunkte: Zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit“, die einzelnen Teilnehmenden selbst: Ein schwarzer Punkt in der Mitte eines digitalen Whiteboards gab den Anstoß, in einem kollektiven Sammlungsprozess Antworten auf die Frage „Was möchtest Du / wollen Sie gerne zur Kunst- und Kulturvermittlung noch sichtbar machen?“ festzuhalten. Denn Ausgangspunkt für Fragen der Dokumentation musealer Vermittlungsarbeit ist freilich die Vermittlungsarbeit selbst – und ihre Akteur*innen.

Im Online-Tool „Mural“ bewegte sich in der ersten ,Cloud‘ die Diskussionsrunde vom Ausgangspunkt weg und sammelte am Whiteboard Themen und Fragestellungen, die ihrer Meinung nach in der Kunst- und Kulturvermittlung sichtbar gemacht werden sollen.

Eine visuelle Metapher stand am Beginn der zweiten ‚Cloud‘ unter dem Titel „Mittendrin: Prozesse (in) der Dokumentation“: Der Schweizer Künstler Jean Tinguely ließ in einem Filmdokument seine Maschine, sein kinetisches Kunstwerk Homage to New York (1960), sich selbst zerstören – ein Prozess, der Selbstzweck ist, unberechenbar und immer in Auflösung begriffen, der jedoch jederzeit neu aufgebaut werden könnte.

„Dokumentation ist größer als Verschriftlichung“ (Petra Schwarz, Teilnehmerin)

Unter dem Eindruck dieser visuellen Metapher ging es in der Diskussion um die heterogenen Prozesse des Dokumentierens von Vermittlung. Dabei standen fünf Leitfragen im Mittelpunkt (Was wird dokumentiert? Warum wird das dokumentiert? Wie wird dokumentiert? Für wen wird dokumentiert? Wer dokumentiert?), um den Begriff des „Prozesses“ in der Vermittlungsarbeit genauer zu fassen, den Dokumentationsprozess und die Herausforderungen, die er mit sich bringt, zur Sprache zu bringen.

In Google Jamboard waren die Fragen für die zweite Diskussionsrunde für die Teilnehmenden visualisiert.

In Google Jamboard waren die Fragen für die zweite Diskussionsrunde für die Teilnehmenden visualisiert.

Unter dem Motto „Andauernd?! Vermittlungsarbeit zukünftig“ blickten die Teilnehmenden schließlich in der dritten ‚Cloud‘ in die Zukunft: Ein digitaler Zettelkasten bzw. ein digitales Wörterbuch wurden gemeinsam befüllt – inspiriert vom großen sprachdokumentarischen Projekt der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm im 18. Jahrhundert. Mit welchen Begriffen lassen sich Anliegen in der Vermittlungsarbeit für die Zukunft festmachen?

„Dokumentieren als Instrument begreifen, nicht nur als Rechtfertigung.“
(Stefanie Kasper, Teilnehmerin)

Für die Teilnehmenden formulierte sich in diesem „Wörterbuch der Zukunft“ u. a. der Wunsch danach, dass sich Dokumentation von Vermittlungsarbeit über einzelne Projekte hinaus nachhaltig manifestieren kann und sich entsprechend Strukturen und Vorgaben bezüglich der (Qualitäts-)Kriterien in der Vermittlungsarbeit ändern müssen. Auch in der innerinstitutionellen, abteilungsübergreifenden Zusammenarbeit brauche es einen Shift hin zu neuen Formen der Kooperation.

In einem „Padlet“ sammelten die Teilnehmenden in der letzten ,Cloud‘ Begriffe, in denen sich Zukunftsanliegen der Vermittlungsarbeit fassen ließen: Ein kollektives Wörterbuch bzw. Zettelkasten der Zukunft entstand.

In einem „Padlet“ sammelten die Teilnehmenden in der letzten ,Cloud‘ Begriffe, in denen sich Zukunftsanliegen der Vermittlungsarbeit fassen ließen: Ein kollektives Wörterbuch bzw. Zettelkasten der Zukunft entstand.

Mit dem Workshop wurde der Versuch unternommen, ein produktives und vielfältiges Online-Format zu entwerfen. Das Thema der Dokumentation wurde dabei im Netz gleichsam auf die Metaebene gehoben hinsichtlich der Frage, was denn bleibt von einem Zoom-Meeting. Die Dringlichkeit von Fragestellungen der Dokumentation in der Vermittlungsarbeit und ihre Rolle in den Arbeitsprozessen wurde in den Impulsen und Gesprächen ausgebreitet und zeigte, dass das Bedürfnis nach Austausch in der Community und Weiterbearbeitung dieser Themenfelder bestehen bleiben.

 

Kategorie: Museumsakademie | Museumsalltag | Museumseinblicke
Schlagworte: | | | | | | | | |

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>