10. Mai 2016 / Karin Leitner-Ruhe

Aldegrever und der Kampf der Tugenden und Laster, Wunder Tier, Teil 2

Alte Galerie

Vom Guten und Bösen über das Nützliche und die Schönheit bis zum präzise dargestellten Studienobjekt – bei einem Themenrundgang durch die Alte Galerie werden Tiere in ihrer Symbolik und Bedeutung vom Mittelalter bis in die Neuzeit vorgestellt, andere in einem historischen oder erzählerischen Zusammenhang präsentiert.

Die neue Graphikvitrine macht es möglich, das „Wunder Tier“ auch im Spiegel der graphischen Künste zu betrachten! Bis 12. Juni werden darin sieben Lasterdarstellungen von Heinrich Aldegrever ausgestellt.

Der Kupferstecher und Kleinmeister Aldegrever

Heinrich Aldegrever wurde 1502 in Paderborn als Sohn von Hermann Trippenmeker – niederdeutsch für Holzschuhmacher – alias Aldegrever geboren. Außer ein paar wenigen Lebensdaten, die sich hauptsächlich aus seinen Werken erschließen lassen, weiß man nichts von seiner Ausbildung, Familie oder einer Werkstätte.

In der Fachliteratur wird oft ein Aufenthalt in Dürers Werkstatt angenommen, dafür gibt es jedoch keine gesicherten Angaben. Aldegrever zählt zu den sogenannten „Kleinmeistern“, einer Gruppe von deutschen Kupferstechern im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts, die vor allem im Kleinformat arbeiteten. Ab ca. 1525 hielt er sich in Soest auf, wo er 1530 Bürger wurde und die Ideen der Reformation unterstützte. 1536 arbeitete er für den Bischof von Münster, 1541 bis 1552 für den Herzog von Cleve. Zwischen 1555 und 1561 starb er in Soest.

Der Streit der Tugenden und Laster

Der Streit zwischen Tugenden und Lastern geht auf eine Dichtung des christlichen Autors Prudentius am Anfang des 5. Jahrhunderts zurück, die sogenannte Psychomachia. Das Epos ist die wichtigste literarische Darstellung dieses „Seelenkampfes“ (griechisch: psyche = Seele; machē = Kampf) und beschreibt die Schlacht in sieben Einzelkampfepisoden, die mit dem Sieg der Tugenden endet, welche daraufhin den Tempel der Weisheit errichten.

Heinrich Aldegrever: Der Geiz 1552, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Heinrich Aldegrever: Der Geiz 1552, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Das Gute kämpft gegen das Böse und gewinnt, so besiegt die Geduld den Zorn, die Tapferkeit die Feigheit und die Keuschheit die Wollust etc. Antiken Vorbildern folgend, werden die personifizierten Eigenschaften von weiblichen Gestalten übernommen. Bisweilen sitzen diese auf symbolischen Tieren und haben ihre Attribute beigestellt.

Der Lasterzyklus bei Heinrich Aldegrever

Aldegrever hat sich in seinem Spätwerk zweimal mit diesem Thema auseinandergesetzt, einmal 1549 und noch einmal 1552. Gerade in seinem zweiten Zyklus hat der Künstler eine aufwendige Zusammenstellung an Tierdarstellungen eingefügt. Die personifizierten Laster reiten auf Tieren, die man ihnen symbolisch zuordnen kann, oder sind gerade im Begriff, auf solche aufzusteigen. In ihren Händen halten sie ein Banner, das weitere Tierdarstellungen zeigt. Jeweils in einer Ecke ist ein fantasievolles Wappen, bestehend aus Schild und Bekrönung, mit Tieren hinzugefügt. Detailgenaue vorbereitende Zeichnungen vom Künstler sind in Amsterdam im Rijksmuseum erhalten.

Heinrich Aldegrever: Der Zorn 1552, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Heinrich Aldegrever: Der Zorn 1552, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Aldegrevers Eigenart ist es, beinahe keine freie Fläche auf dem Papier offen zu lassen. Er liebt den Horror vacui, die Angst vor der leeren Fläche. Für uns heutige Betrachter/innen gilt es, jedes einzelne Bild in seiner Symbolik erst zu erfassen und aufzulösen. Dazu aber das nächste Mal!

Literatur:
Ursula Mielke, Introduction, In:  New Hollstein, Heinrich Aldegrever, Rotterdam 1998.
Herbert Zschelletzschky, Das graphische Werk Heinrich Aldegrevers, Straßburg 1933.

Kategorie: Alte Galerie
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