Ansicht Sonderausstellung wald.heimat, Foto: Universalmuseum Joanneum/Grafebner

Ansicht Sonderausstellung wald.heimat, Foto: Universalmuseum Joanneum/Grafebner

5. Mai 2021 / Bianca Russ-Panhofer

Sehnsuchtsort (Wald-)Heimat? Der Heimatbegriff und seine Verwendung im Werk Peter Roseggers

Ausstellungen | Peter Rosegger

Die neue Sonderausstellung "wald.heimat" im Studierstüberl des Rosegger-Museums in Krieglach beschäftigt sich mit dem Wald, vorwiegend als Heimat für Menschen, Tiere und Pflanzen. Zur Zeit Roseggers bot er vor allem den Menschen der ländlichen Unterschicht Schutz und Nahrung, er war Heimat. Auch Roseggers Heimat, der Kluppeneggerhof am Alpl, lag mitten im Wald. Für sie prägte er den Namen „Waldheimat“.

Während es für das Wort „Wald“ eine Vielzahl von unterschiedlichen Definitionen gibt ‒ etwa juristische, ökonomische und ökologische ‒ ist das beim Begriff „Heimat“ nicht so einfach. Von Wald spricht man, wenn Bäume so dicht und zahlreich stehen, dass sich ein typisches Waldinnenklima entwickeln kann: Die Temperaturen sind ausgeglichener, Luftbewegungen und Lichtintensität sind geringer und die Luftfeuchtigkeit ist höher als außerhalb des Waldes. In ihm leben unterschiedlichste Organismen. Wald ist also beschreibbar und auch messbar.

Der Begriff „Heimat“ ist hingegen bedeutungsoffen und transportiert zugleich eine sehr emotionale, aber auch ideologische Komponente, die ihn vielfältig einsetzbar bzw. ausnutzbar macht. So kann „Heimat“ einerseits Stabilität, Sicherheit und Geborgenheit verheißen und wird daher häufig auch positiv assoziiert.

Andererseits wird „Heimat“ auch mit Ab- und Ausgrenzungsmechanismen in Verbindung gebracht. Durch völkisch-chauvinistische Ablehnung und Ausgrenzung „des Fremden“ wurde und wird das „Eigene“ idealisiert, egal ob es sich dabei um Volk, Nation, Landschaft oder Kultur handelt. So nahm beispielsweise die bürgerliche Heimatbewegung im deutschsprachigen Raum Aufschwung um 1900, in einer Zeit, in der rasch einsetzende Veränderungen ‒ herbeigeführt durch Industrialisierung, Urbanisierung und die Moderne – die Menschen verunsicherten. Die Heimatbewegung benannte und hinterfragte die Nachteile des rasenden Fortschritts.

Ausschnitt aus: Die Obersteirischen Alpen, II. Östliches Blatt. Hg. vom Landesverband für Fremdenverkehr in Steiermark, gezeichnet von A. Heilmann, Wien 1913, Foto: Steiermärkische Landesbibliothek wird auch in der Ausstellung "waldheimat" gezeigt

Ausschnitt aus: Die Obersteirischen Alpen, II. Östliches Blatt. Hg. vom Landesverband für Fremdenverkehr in Steiermark, gezeichnet von A. Heilmann, Wien 1913, Foto: Steiermärkische Landesbibliothek

„Heimat“ kann also auch Orientierung bei Krisen geben ‒ nicht nur bei solchen, die durch Verunsicherung oder die Auseinandersetzungen mit Nicht-Vertrautem hervorgerufen werden, sondern auch bei Verlusterfahrungen.

 

Wie viel Heimat braucht der Mensch?

Heimat ist nicht selbstverständlich oder gar angeboren. Sie wird angeeignet, denn Menschen haben ein grundsätzliches Bedürfnis nach Heimat. Sie ist eng mit den Erfahrungen der eigenen Kindheit verbunden, in der u. a. Identität, Charakter und Weltauffassung geprägt werden. Beheimatungen können auch später erfolgen, etwa im Erwachsenenalter durch die Aneignung einer sprachlichen, kulturellen, religiösen, geistigen oder auch politischen Heimat.

Für Max Frisch war das Bedürfnis nach Heimat das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Damit ein Ort zur Heimat wird, sind zufriedenstellende soziale Kontakte im Vorfeld wichtig. Heimat bedeutet immer Bindung, egal ob an einen Ort, an Menschen oder an ein geistiges oder kulturelles Zuhause.

Für den nach dem „Anschluss“ Österreichs im Exil lebenden und später internierten Jean Améry war Heimat gleichbedeutend mit Sicherheit, wie er in seinem Essay Wie viel Heimat braucht der Mensch? festhielt. Dazu sei die Befreiung des Heimatbegriffes von romantischen und sentimenalen Vorstellungen notwendig.

P. K. Rosegger, Waldheimat. Erinnerungen aus der Jugendzeit. I. Band: Kindesjahre und II. Band: Lehrjahre, A. Hartleben’s Verlag, Wien-Pest-Leipzig 1886, Foto: Rosegger-Museum, ist Teil der Ausstellung "waldheimat"

P. K. Rosegger, Waldheimat. Erinnerungen aus der Jugendzeit. I. Band: Kindesjahre und II. Band: Lehrjahre, A. Hartleben’s Verlag, Wien-Pest-Leipzig 1886, Foto: Rosegger-Museum

Aber auch heute noch ist die Heimat eine Spielart von Kitsch und Kommerz: Heimatromane, Heimatfilme, Schlager, Trachtenmode und vom Tourismus künstlich erschaffene Idyllen gibt es in großer Zahl. „Heimat sells“, sowohl in der Produktwerbung als auch in der Politik. Gerade weil der Begriff „Heimat“ für viele Menschen positiv besetzt ist, bleibt er anfällig für Instrumentalisierungen jeglicher Art. Mit Heimatassoziationen kämpfen demokratische Parteien immer noch um Wählerstimmen, zunächst vorwiegend rechtsgerichtete Parteien, langsam auch jene der anderen politischen Ausrichtungen, wie der österreichische Präsidentschaftswahlkampf 2016 zeigte. „Heimat“ ist also auch politischer Kampfbegriff.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es in den meisten Sprachen keine direkte Entsprechung für das deutsche Wort „Heimat“ gibt. Es gibt Worte, die eine große inhaltliche Nähe zu ihm aufweisen, ohne jedoch das gesamte Bedeutungsspektrum widerzuspiegeln. Daher gibt es wohl auch keine befriedigenden Übersetzungen für Heimweh, an dem vor allem Peter Rosegger immer wieder stark zu leiden hatte.

 

Der Verlust der Heimat führt zur Sehnsucht

„Dem Reden über Heimat geht immer erst ein Verlust voraus – eine Vertreibung aus irgendeiner Form von Paradies, auch wenn dieses nie ein Paradies gewesen sein mag.“[1]

Auch Jean Améry erlebte diesen Heimatverlust und war der Ansicht, dass man Heimat erst einmal haben müsse, „[…] um sie nicht nötig zu haben“, und zwar „[…] um so mehr, je weniger [man] davon […] mit sich tragen kann“.[2]

Der Verlust der Heimat führte auch bei Rosegger zur Auseinandersetzung mit ebendieser. 1870 begann Rosegger seine „Kindheitserinnerungen“ an die Heimat niederzuschreiben, zu einem Zeitpunkt, als es diese streng genommen gar nicht mehr gab. Der Kluppeneggerhof war zwei Jahre zuvor verkauft worden, die Familie dort nicht mehr sesshaft. Ebenso erlaubte ihm sein „Weltleben“ in der Stadt, der Kontrast zum Leben am Land, den oft sehnsüchtig anmutenden Rückblick in seine Kindheit.

„Kindheitsheimat. Ich habe kein Land gefunden in der weiten Welt, das so schön und glückselig wäre, als meine rauhe Bergeshöh’ zwischen Wäldern und Wiesen.“[3]

Zuvor, als Jugendlicher, konnte er dem Landleben nicht schnell genug entkommen. „Jauchzend flog ich in die Welt, voll jener Sehnsucht, die mich heute wieder zurückzieht in den Wald.“ Der junge Schriftsteller sah „Heimat“ als Ort, an dem man der Welt entfliehen, ihr entsagen kann. In seiner Erinnerung wurde die Waldheimat dann zum Sehnsuchtsstoff, zum Paradies. Während er in vielen Erzählungen und auch Romanen das Elend der ländlichen Unterschicht beschrieb und nicht mit Kritik daran sparte, gibt es auch Texte, in denen er die Vergangenheit beschönigte und das reale Elend aussparte. Dabei war er sich der Verklärung seiner bäuerlichen Kindheit, der Härten und Entbehrungen, der Rückständigkeit des Lebens am Lande durchaus bewusst. „Es ist eine wunderbare Eigenschaft unserer Seele – eine Spur der Göttlichkeit – daß wir in der Regel vergangenes Ungemach unschwer zu vergessen pflegen, während das längst verblühte Schöne und Angenehme der Erinnerung treu bleibt und also abgesondert von den Schlacken der Alltäglichkeit eine ideale, unvergängliche Welt in uns aufbaut.“[4]

 

Die „Entstehung“ der Waldheimat

Rosegger verwendete 1872 den Begriff Waldheimat erstmals in der Erzählung Die Aristokraten des Waldes veröffentlicht in „Die Presse“ am 18. 2. 1872 und einige Monate später im Titel der Erzählung Die Staudenwinkelin. Erinnerungen aus der Waldheimat. Zunächst in der „Tagespost“ veröffentlicht, verwendete Rosegger die Erzählung fünf Jahre später dann unter dem Titel Als ich zur Drachenbinderin ritt für das Werk Waldheimat. Erinnerungen aus der Jugendzeit.

Die erste „Waldheimat“-Geschichtensammlung mit 29 Texten erschien dann 1877, die meisten dieser Erzählungen waren zuvor in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht worden. 1882 erschien bereits die zweite Ausgabe, nun bereits mit 56 Geschichten in zwei Bänden. Sie beinhalten nicht nur die Kindheitsgeschichten, sondern auch Erinnerungen an sein Handwerkerleben. Die dritte Ausgabe, eine Prachtausgabe innerhalb der „Ausgewählten Schriften“, brachte es auf 68 Geschichten.

Die vierte Ausgabe war auch „Ausgabe letzter Hand“. Sie umfasst 130 Geschichten und reicht thematisch bis zu den Erfahrungen des Studenten in den Ferien. Die annähernd chronologische Reihenfolge der Erzählungen ließ sich ‒ so Rosegger selbst – nicht immer konsequent einhalten.

Die Frage, warum er sich für „Waldheimat“ als Buchtitel entschieden hatte, beantwortete Rosegger in einem Brief an seinen Freund und Verleger Heckenast: „,Waldheimat‘ nenne ich mein Buch, weil mir dieser Begriff am besten die Zustände und Geschehnisse zu begründen und zu erklären scheint, von denen hier die Rede sein wird. Es ist ja ein wunderliches Seelenleben, welches sich in dem Schatten der Tannenwälder, in den thauigen Wiesenthälern und auf den stillen Hochmatten entwickelt.“

P. K. Rosegger, Waldheimat. Erinnerungen aus der Jugendzeit, Verlag Heckenast, Preßburg & Leipzig, 1877, Foto: Rosegger-Museum

P. K. Rosegger, Waldheimat. Erinnerungen aus der Jugendzeit, Verlag Heckenast, Preßburg & Leipzig, 1877, Foto: Rosegger-Museum

Das Wort „Waldheimat“ ist keine Erfindung Roseggers. Möglicherweise hatte er es aus der halbepischen Ideendichtung Der Germanenzug seines Mentors und Freundes Robert Hamerling übernommen, die er im Oktober 1870 gelesen hatte. Aber auch andere Autoren verwendeten den Begriff schon vor ihm.

Dass der zunächst nur poetisch genutzte Begriff später sogar als geografischer Begriff die Landkarten zierte, ist auf Peter Rosegger und den erfolgreichen Verkauf der „Waldheimat“-Bücher zurückzuführen. „Waldheimat“ wurde 1906 erstmals als geografische Bezeichnung in der steirischen Touristenkarte des Wiener Verlags Freytag & Berndt verwendet.

Wenngleich sich dieser Mythos hält, sind die „Waldheimat“-Geschichten streng genommen keine autobiografischen Erzählungen. Schon im Vorwort der ersten Ausgabe der „Waldheimat“ von 1877 hält Rosegger fest, dass die Erzählungen keine exakte Lebensbeschreibung seiner Kindheit am Alpl darstellen:

„Die Waldheimatgeschichten wollen ja buchstäblich wahr sein, nicht gerade als ob sie von meiner Person just allemal und genau so erlebt worden wären, sondern vielmehr wie sie bei den obwaltenden Zuständen und Verhältnissen erlebt werden konnten.“[5]

Auch in weiteren Ausgaben erwähnte er diesen Umstand. In der „Ausgabe letzter Hand“ von 1913 präzisierte er: „Grundlage dieser Schriften sind meine Erlebnisse in jenen Bergen, zu jener Zeit von etwa 1848 bis 1870, und auch Erlebnisse anderer, die mit mir und um mich gewesen sind […] Die Erzählungen sind in sehr verschiedenen Zeiten entstanden. […] Die beabsichtigte chronologische Reihenfolge ließ sich des eigensinnigen Inhaltes wegen vielleicht nicht immer genau durchführen. Auch hat mein schlechtes Gedächtnis am Ende bisweilen Dinge und Namen verwechselt – was in manchen Fällen sogar wohlgetan ist.“[6]

Mehr über die Ausstellung wald.heimat im Rosegger-Museum

 

 

[1] Friedemann Schmoll, „Heimat – zwischen Fürsorge und Verbrechen“, in: Nachdenken über Heimat. Blog von philosophie.de https://www.philosophie.ch/blogartikel/highlights/nachdenken-ueber-heimat/heimat-zwischen-fuersorge-und-verbrechen, 2020-11-25.

[2] Jean Améry, Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten, Stuttgart 2019, S. 88 u. 90.

[3] Peter Rosegger, Vorwort, in: Waldheimat. Erzählungen aus der Jugendzeit, Band I: Das Waldbauernbübel, Leipzig o. J., S. 5. (= Gesammelte Werke)

[4] Peter K. Rosegger, Waldheimat. Erinnerungen aus der Jugendzeit, Preßburg und Leipzig 1877, S. VIII.

[5] Peter Rosegger, „Heimgärtners Tagebuch“, Heimgarten, Bd. 40, 1916, S. 621.

[6] Peter Rosegger, Vorwort, in: Waldheimat. Erzählungen aus der Jugendzeit, Band I: Das Waldbauernbübel, Leipzig o. J., S. 5‒7. (= Gesammelte Werke)

Kategorie: Ausstellungen | Peter Rosegger
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