Gott mit uns: Originalhandschrift Peter Roseggers (er hielt den Zeitpunkt fest, an dem er erstmals elektrischen Strom im Krieglacher Haus nutzen konnte), Foto: Universalmuseum Joanneum

18. Mai 2018 / Bianca Russ-Panhofer

Rosegger zwischen Naturschutz und Fortschritt

Peter Rosegger

Relativ zeitgleich mit Peter Rosegger (1843–1918) und somit in jener Zeit, in der sich der Übergang vom vorindustriellen Agrarstaat hin zum modernen Industriestaat vollzog, lebte der Begründer des Naturschutzgedankens Ernst Rudorff (1840–1916).

Er war einer der Ersten, die die wirtschaftliche Ausbeutung der Natur und damit einhergehende Flurbereinigungen, Bachregulierungen sowie die Auswirkungen des Massentourismus öffentlich kritisierten. Er prägte in diesem Zusammenhang den Begriff „Heimatschutz“, der später namensgebend für jenen Bund wurde, der sich für die Pflege des Landschaftsbildes, der Traditionen und Brauchtümer, des Denkmalschutzes und auch des Landschafts- und Naturschutzes einsetzte.

Rosegger, selbst Mitglied des Vereins für Heimatschutz in Steiermark, hielt als Zeitzeuge die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Bauernschaft literarisch fest und kritisierte deren Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. 1848 waren noch 70 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Durch die Grundentlastung sahen sich die Bauern nun einem durch Angebot und Nachfrage regulierten Markt gegenüber, der viele in den Bankrott führte.

Die Industrie in den Tälern und Städten hingegen benötigte Arbeitskräfte. Bauern, Knechte und Mägde zogen in die Stadt und wurden zu Fabrikarbeitern oder Dienstboten. Sie erhofften sich dadurch ein besseres Leben. Vielfach wurden diese Hoffnungen enttäuscht. Die verschuldeten Höfe wurden verkauft und häufig nicht mehr bewirtschaftet. Der Wald holte sich die ihm zuvor mühsam abgerungenen Flächen zurück oder wurde für Jagdzwecke wieder aufgeforstet. Die Täler hingegen wurden immer mehr entwaldet, da die Industrie Holz benötigte.

Bleckmann-Stahlwerke in Mürzzuschlag, Foto: Multimediale Sammlung Böhm

Durch diese Eingriffe in die Natur versickerten ehemals geleitete Quellen im Boden, dieser wurde morastig und moorig, Bäche verwilderten, das Hinterland wurde entvölkert, die Täler hingegen übervölkert. Ein Umstand, der auf harsche Kritik bei Roseggers stieß. „Man sieht nun doch immer klarer. Unsere Ländereien verwildern, unser Bauernstand geht zugrunde, das erzeugt eine ungeheure Teuerung der Lebensmittel. Der Staat setzt seine Zukunft auf die Industrie und sagt, sie brächte ihm das meiste Geld. Die Industrie erzeugt zwar keine Nahrung, aber zu viel andere Waren; …“

Wie so oft bei Rosegger gibt es aber auch hier eine zweite Seite, denn er war kein prinzipieller Fortschrittsverweigerer oder gar Pessimist. Der technische Fortschritt faszinierte ihn ungemein, vor allem dann, wenn er das Leben der Menschen erleichterte. „Wenn es sich dereinst herausstellt, daß die sieghafte Technik die Kulturmenschheit zufriedener, sittlicher, glücklicher machen kann, dann ist sie ein göttlicher Fortschritt. Sonst aber, trotz aller geschäftigen Kraft, trotz ihrer Schönheit und Pracht – eine verhängnisvolle Verirrung.“

Errichtung eines Strommastes, Foto: Multimediale Sammlung Böhm

1909 spricht er im „Heimgarten“ von der Schönheit der Technik, die sich für ihn in ihrer „Kraftäußerung“ zeigte, er fand Maschinenlärm berauschend, da er „Musik ist, weil er Rhythmus hat“. Die Buchdruckerpresse gehörte für ihn zur „Elite der Maschine“. Aber trotzdem sind das „ … nur flüchtige Andeutungen einiger Seelenstimmungen, die im Reiche der Technik über uns kommen, die freilich nur ein schwacher Ersatz sind dafür, daß die Industrie unsere Landschaft entwaldet, unsere Städte in Rauch einhüllt.“ Auch machte sich Rosegger Gedanken um die sozialen Auswirkungen dieser Technik und kritisierte schon früh die Unruhe und Hast, die durch den technischen Fortschritt Einzug hielt.

Noch im gleichen Jahr beschrieb er das Automobil als ein „rüdes Ding, dessen Plumpheit durch die ungeheure Geschwindigkeit nur noch unheimlicher wird“. Wenig später, nach seiner ersten Autofahrt, revidierte er seine Ansicht. „Ich habe über dieses Vehikel ganz abscheulich geschimpft, und zwar so lange, bis ich in einem fuhr – zehn deutsche Meilen in der Stunde!“ Das Rad hingegen bezeichnete er als „stille(n), luftige(n) Libelle“, nach dem er es wenige Jahre zuvor noch als „Gespenst der Straße“ bezeichnet hatte.  Für ihn war das Fahrrad dann doch das „graziöseste“ unter den Verkehrsmitteln.

Klein-LKW mit Säcken, Foto: Multimediale Sammlung Böhm

Für die elektrische Eisenbahn schwärmte er regelrecht: „Am glücklichsten ist die Ehe zwischen Schönheit und Nützlichkeit bei den elektrischen Eisenbahnen.“  Er sah sie schon als verbindendes Element zwischen den europäischen Städten und dem eurasischen Kontinent. 1911 war er davon überzeugt, dass die Luftfahrt („Aviatik“) „nur ein Luftschwimmsport, der keine besondere Bedeutung verspricht“ ist. Zwei Jahre später, als er den ersten Aeroplan über sein Haus fliegen sah, meinte er dann doch, dass er das Fliegen noch ausprobieren würde. Man müsste sich wahrscheinlich mit diesem Vorhaben beeilen, denn schon bald würde der Gedanke reichen und man könne sofort zu dem gewünschten Ort reisen. Soweit sind wir dann doch noch nicht.

Von Erfindungen wie dem elektrischen Strom oder dem Telegrafen und deren Möglichkeiten war er begeistert, der Phonograph und später der Kinematograph waren für ihn eher Ausdruck einer mechanischen Kunst, in der „der Mensch Homunkel geworden ist.“ Allerdings sah er im Phonographen die Möglichkeit, Sprachen und Volksmundarten zu bewahren. „Museen und Archive wird man bauen, um all’ die Rollen oder Walzen aufzubewahren, die in Ton und Klang wichtige Documente sein werden von vergangenen Völkern.“ Einladungen zu kinematografischen oder phonografischen Aufnahmen lehnte er stets ab. „Wenn sich erst der Kinematograph mit dem Phonographen praktisch so vereinigt hat, daß man die sich bewegenden Gestalten auch sprechen hört, also auch der geistige Dichter zum Ausdruck kommt, dann vielleicht.“

Der verfallende Kluppeneggerhof, Foto: Multimediale Sammlung Böhm

1911 berichtete Rosegger von einer Bewegung, deren Ziel die Schaffung eines Naturschutzparkes war. „Man will irgendwo eine Landschaft haben zur Wiederzüchtung und Erhaltung altständiger Pflanzen und Tiere, die das moderne Wirtschaftsleben ausgerottet hat oder auszurotten droht.“ 1912 wurde der österreichische Verein Naturschutzpark gegründet.

Die mögliche Errichtung eines steirischen Naturschutzparks im Ennstal ließ ihn Sinnhaftigkeit und Vorbildwirkung des Vorhabens hinterfragen. Eine gewisse Größe des Gebietes sei vonnöten, damit sich die Tierwelt auch entwickeln könnte. Abgesehen davon müsse Natur auch an anderen möglichen Orten geschützt werden, und zwar von den jeweiligen Besitzern. Aber genau diese Vorgehensweise, Naturschutz in eigens dafür ausgewiesenen Gebieten zu betreiben, war die Praxis des Vereins Heimatschutz in der Steiermark, der sich weniger für den Schutz der Natur als für den Schutz der Denkmäler, Traditionen und Bräuche einsetzte.

Als 1914 Gerüchte aufkamen, dass der Großglockner an einen Privatmann aus Deutschland verkauft werden sollte, berichtete Rosegger im „Heimgarten“ davon. Er war der Meinung, dass solche „Hochlandschaften“ am besten in das „Eigentum des Landes, in dem sie stehen“ fallen würden und sich somit die Nation um die Erhaltung der Flächen kümmern sollte. Trotz der frühen Bemühungen um ein größeres Naturschutzgebiet wurde der erste Nationalpark in Österreich erst 1981 verwirklicht.

Weitere Informationen zum Rosegger-Gedenkjahr 2018: www.peter-rosegger.at

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Kategorie: Peter Rosegger
Schlagworte: Naturschutz | Rosegger-Gedenkjahr 2018


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