Foto: Universalmuseum Joanneum

24. Mai 2018 / Marion Kirbis

„Mich hat noch nie ein Mensch mit Demenz nach einer Jahreszahl gefragt“

Kunst- & Naturvermittlung

Wie kann man Menschen mit kognitiven Einschränkungen mit einer Teilhabe-orientierten Vermittlungsstrategie Kulturgenuss ermöglichen? Dieser Frage widmet sich Jochen Schmauck-Langer von dementia+art, der unser Vermittlungspersonal bei einem Fortbildungsseminar auf die Arbeit mit Menschen mit Demenz vorbereitet. Im Interview spricht er über Niedrigschwelligkeit im Museum und erklärt, warum Emotionen in der Kunstvermittlung wichtiger als Fakten sein können.

Worum geht es im aktuellen Fortbildungsseminar?

Jochen Schmauck-Langer: Bei dieser Schulung geht es um kulturelle Teilhabe für Menschen mit Demenz in Museen. Menschen besser einzubinden ist in vielen Kulturbereichen möglich, weswegen dementia+art nicht nur im musealen Kontext Fortbildungen anbietet, sondern auch im Bereich der Musik. Damit sich Kultur positiv auf die Lebensqualität von Menschen mit Demenz auswirken kann, muss man im Museum richtig vermitteln. Das heißt, wir müssen jenseits unserer Verstandeskultur Wege finden, ausgewählte ästhetische Objekte mit der Lebenswelt von Menschen mit Demenz zu verknüpfen.

Wie können sich Kulturinstitutionen dieser Art der Vermittlung annehmen?

Kultur ist gespickt mit Emotionen, die unser alltägliches Leben sowieso begleiten. In einem Bild, einem Museumsobjekt oder einem Musikstück sind sie noch einmal sehr konzentriert enthalten. Vom demenziellen Abbauprozess ist vor allem die Fähigkeit des kognitiven Agierens – zumindest so wie wir es gewohnt sind – betroffen. Umgekehrt werden Emotionen und Affekte wichtiger. Menschen mit Demenz können sich auf emotionale Art und Weise zur Gesellschaft äußern und an ihr teilhaben. Museen sollen Angebote „für alle“ anbieten und können auch gerade Menschen ansprechen, die den emotionalen Inhalten vieler Kunstobjekte besonders positiv begegnen.

Wie reagiert das Museumspersonal richtig auf diese Herausforderungen?

Menschen mit Demenz leben tendenziell in einer anderen Lebenswelt und haben Meinungen und lebensweltliche Ressourcen, manchmal auch Verhaltensweisen, die uns seltsam und unverständlich vorkommen. Darauf müssen wir uns einstellen, weil man bei Menschen mit einem kognitiven Abbau nicht davon ausgehen kann, dass sie sich auf uns einstellen können. Deshalb bedarf es einiger Anstrengungen, alle Menschen die in einem Museum mit solch einem Projekt zu tun haben, richtig zu schulen: Einerseits handelt es sich bei Menschen mit Demenz um eine besondere Gruppe, auf deren Krankheitsbild man sich einstellen muss, andererseits sollten sie als Besucher wie andere gesehen werden. Menschen mit Demenz können mit ihren Reaktionen und Aussagen zu einem Objekt völlig andere Wege beschreiten, als es in den herkömmlichen Bildungsangeboten üblich ist. Das ist sehr anspruchsvoll für das Vermittlungspersonal, aber auch bereichernd. Jenseits der Kunsttheorie oder -historie kommen plötzlich Lebenswelten zum Vorschein, über die wir in Büchern oder anderen Medien nichts finden würden.

Foto: Universalmuseum Joanneum

Wie kommuniziert man mit Menschen mit Demenz im musealen Kontext?

Das Vermittlungsmodell wird im Grunde genommen auf den Kopf gestellt. Ich empfehle dem Vermittlungspersonal, die herkömmliche Rolle als „Vortragende“ und Wissensvermittelnde an die besondere Besuchergruppe abzugeben. Die Vermittelnden sollten sich zurücknehmen. Sie wählen vor einer Führung drei bis vier Bilder oder Objekte einer Ausstellung aus, die die Gruppe später gemeinsam entdecken soll. Bei der Auswahl wird darauf geachtet, dass die Werke inhaltlich ‚teilhabeorientiert‘ ist. Das, was für alle gemeinsam zu sehen ist, soll möglichst mit der Lebenswelt, den Erinnerungen und den Erfahrungen dieser – in der Regel hochaltrigen – Menschen zu tun haben. Das funktioniert am besten wenn die Vermittelnden der Gruppe glaubhaft zeigen, dass sie gespannt auf ihre Meinungen sind und sie in der Folge dazu anregen, sich auf das Museumserlebnis einzulassen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, denn die Vermittelnden müssen das Gespräch einerseits leiten können, andererseits aber offen für jene Aspekte sein, die innerhalb der Gruppe neu eingebracht werden.

Fehlt dem Vermittlungsprogramm von Museen etwas, wenn es sich auf Emotionen statt auf Wissen konzentriert?

Ich finde, dass Emotionen das Vermittlungsprogramm bereichern. Menschen, die über viel kulturelle Vorbildung verfügen, würden in einer Führung vielleicht auch über Forschungsergebnisse, Jahreszahlen und Kunstrichtungen sprechen. Aber ich bin noch nie von einem Menschen mit Demenz nach der Jahreszahl eines Werkes gefragt worden. Nur in seltenen Fällen möchte jemand überhaupt wissen, von wem das Werk stammt. Das spielt in diesem Kontext überhaupt keine Rolle. Was für Menschen mit Demenz eine Rolle spielt, ist der Inhalt des Bildes. Nicht die Werke, sondern die Besucherinnen und Besucher sind das eigentlich wichtige. Am Ende sollen alle von ihnen das Gefühl haben, selbst etwas an einem öffentlich so hervorgehobenen Ort wie dem Museum beigetragen zu haben.

Ist zeitgenössische oder abstrakte Kunst dann weniger gut zur Aufbereitung geeignet?

Es gibt keinen Grund, warum man zeitgenössische Kunst nicht auch für Menschen mit Demenz aufbereiten könnte. Auch wenn es Objekte in einer Ausstellung gibt, die sehr modern und herausfordernd wirken, können Vermittelnde nach Anknüpfungspunkten suchen. Wenn man sozusagen den „Schlüssel“ zum Werk findet, ist es möglich, es mit den Erinnerungen und den möglichen Erfahrungen aus der Lebenswelt der Gruppe zu verbinden. Im Übrigen ist eine solche Auswahl Zielgruppen-bezogen. Sie sagt nichts über den Rang des Kunstwerks aus.

Foto: Universalmuseum Joanneum

Menschen mit Demenz haben oftmals das Gefühl, andauernd etwas falsch zu machen. Wie kann ein Museum hier Wertschätzung hervorrufen und ihnen das Gefühl vermitteln, etwas beigetragen zu haben?

Menschen mit Demenz machen durch dieses Krankheitsbild zunehmend die Erfahrung, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr können oder nicht mehr wissen. Sie fühlen sich, als ob irgendwas mit ihnen nicht stimmt und bekommen das auch immer wieder von ihrer Umwelt gespiegelt. Das erzeugt Angst, Aggressivität und auch Unsicherheit. Dazu soll es im Museum nicht kommen. In meinen Augen kann ein Mensch mit Demenz in Bezug auf ein Bild oder Objekt nichts Falsches sagen. Ich würde nie jemanden korrigieren, der aus kunsthistorischer Perspektive etwas Unsinniges sagt – denn darauf kommt es nicht an. Stattdessen würde ich der Person mein Interesse zeigen und mit der ganzen Gruppe darüber sprechen. Auf diese Weise hat sich schon so manche ‚unsinnige‘ Perspektive als sinnvoll für die ‚eigene‘ Lebenswelt erwiesen. Darüber hinaus bekommen alle die Rückmeldung, im Museum nichts falsch machen zu können und fühlen sich auch an einem solchen herausfordernden Ort willkommen.

Wie kann man das Konzept der Teilhabe weiter in die Gesellschaft tragen?

Wenn man sich auf das Konzept der Teilhabe-orientierten Vermittlung einlässt, merkt man, dass diese Art von Kulturvermittlung nicht nur etwas für Menschen mit einem Krankheitsbild ist, sondern für alle genutzt werden kann. Im Grunde genommen wünschen sich viele, eine Stimme im Museum zu bekommen. Ich denke da besonders an jene, die bisher nur wenig Kulturerfahrung sammeln konnten oder nicht aus einem Umfeld kommen, in dem es selbstverständlich ist, sich dieser Art von Kultur zu nähern. Darüber hinaus haben Menschen Angst sich im Museum zu blamieren. Formate, in denen in der Gruppe gute soziale Erfahrungen bei der Begegnung mit ästhetischen Objekten gemacht werden können, kommen gerade auch solchen Besuchern entgegen. Solche Führungen sind intensiv und ermöglichen zudem einen intergenerationellen Austausch, jenseits von Faktenwissen. Inklusiver Kunstgenuss findet dann statt, wenn alle Beteiligten merken, dass sie und ihre Beiträge willkommen sind. Kultureinrichtungen werden sich in den kommenden Jahren anders aufstellen und der Gesellschaft noch sehr viel weiter öffnen müssen. Das betrifft vor allem die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen der Vermittlung. Schön wäre es, wenn Schulungen ihnen das neue Format nahebringen und so genug Sicherheit zur Umsetzung im Alltag geben können.

Haben Sie das Gefühl, das ist beim Seminar bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern so angekommen?

In den ersten zwei Tagen des Fortbildungsseminars ging es um die theoretischen Grundlagen. Von der herkömmlichen Vermittlung absehen zu müssen und sich auf eine völlig neue Methode einzulassen, ist dabei erkennbar am schwierigsten für die Kolleginnen und Kollegen. Spätestens beim Praxismodul, wenn man sie auf die Bilder und Objekte, Ästhetik und Emotionen und auf die Vermittlungsform einlassen muss, kommt es bei vielen zu einem „Aha-Erlebnis“. Gleichwohl bedarf es einer mutigen Entscheidung zu sagen: „Ich versuche das jetzt, ich stelle mich da hin und bin ganz offen für das, was von Seiten einer Besuchergruppe kommt.“ Dabei wird das Vermittlungspersonal selbst zu Lernenden – ohne die moderierende Rolle aus der Hand zu geben. Sie werden Teil einer bisher unbekannten sozialen Erfahrung im ästhetischen Raum. Das kann etwas sehr Bereicherndes sein.

 

Angelika Vauti-Scheucher, die am Universalmuseum Joanneum für Inklusion und Partizipation verantwortlich ist, sieht das ebenso: „Ich glaube, das Seminar hat einen Bewusstseinsprozess bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgelöst, und ich sehe großes Entwicklungspotenzial. Das Museum kommt mit diesem interdisziplinären Projekt auch seiner gesellschaftlichen Verpflichtung nach und bestärkt damit gleichzeitig seine soziale Kompetenz.“ Besucherinnen und Besucher können bei Einfach schauen. Angebot für Menschen mit und ohne Demenz einmal pro Monat selbst Eindrücke von der Teilhabe-orientierten Vermittlungsmethode gewinnen. Dieses Projekt wendet sich an Betroffene aus Tagesbetreuungsstätten oder Pflegeeinrichtungen mit Begleitpersonen sowie Privatpersonen mit ihren Angehörigen.

Kategorie: Kunst- & Naturvermittlung
Schlagworte: Demenz | Inklusion und Partizipation | Interview | Vermittlung


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