12. Juli 2015 / Hannah Lackner

Malen mit dem Pinselstiel #Genauerhinsehen

Konservieren & Restaurieren

In der Blogserie "Genauer Hinsehen" gibt euch unser Chefrestaurator Paul-Bernhard Eipper interessante Einblicke in seine Arbeitswelt. In unserem letzten Beitrag drehte sich alles um Mythen und Fakten zum Firnisüberzug, heute werden spannende Aspekte rund um die Ritzung in der Malerei beleuchtet. 

 

Süddeutsch, (AG Inv.-Nr. 897): „Die Hochzeit zu Kana“. Detail: die Kanten der Säulen und des Gebälks sind in die feuchte Farbschicht geritzt worden, so dass die rötlich-braune Grundierung durchscheint; Foto: Paul-Bernhard Eipper

Süddeutsch, (AG Inv.-Nr. 897): „Die Hochzeit zu Kana“. Detail: die Kanten der Säulen und des Gebälks sind in die feuchte Farbschicht geritzt worden, so dass die rötlich-braune Grundierung durchscheint; Foto: Paul-Bernhard Eipper

 

Malerei entsteht nicht nur durch das Auftragen von Farbe, sondern auch durch gezieltes Ritzen in der Farbe. Vor allem grafische Elemente gelingen mit dem Pinselstiel oft besser als mit seinem borstigen Ende!

Nicht selten sind es feine maltechnische Details, die einem Bild eine ganz besondere Wirkung verleihen – wie die Kunst der Ritzung in der Malschicht: Feine Linien und Konturen oder Schriftzeichen lassen sich mit einem Pinsel, sei er auch noch so fein, nicht exakt und gleichmäßig dick ziehen. Metall-, Grafit-, Blei,- bzw. Buntstifte oder ganz einfach der Pinselstiel leisten hier oft wertvollere Dienste, indem man mit diesen Werkzeugen Elemente in die feuchte Malschicht ritzt.

 

In die nasse Ölfarbe geritzte Signatur bei Leopold Heinrich Voescher (1830–1877), „Landschaft aus dem oberen Etschtal“, um 1870, Öl/Holz, Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum, Graz; Foto: Paul-Bernhard Eipper

In die nasse Ölfarbe geritzte Signatur bei Leopold Heinrich Voescher (1830–1877), „Landschaft aus dem oberen Etschtal“, um 1870, Öl/Holz, Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum, Graz; Foto: Paul-Bernhard Eipper

 

Struktur und Farbe

Diese Ritzungen dienen nicht nur dazu, interessante Zusatzeffekte – wie etwa eine lebendigere Oberflächenstruktur – zu erzielen, sondern können auch verborgene Farbtöne freilegen. Ist die Grundierung (wie etwa häufig im Barock: rot) gefärbt, gelingen damit interessante Farbeffekte. Werden (verschiedene) Buntstifte für Ritzungen verwendet, sind diese Effekte noch größer. Auch Signaturen werden oft geritzt: Auf diese Weise liegen sie geschützt unter dem Firnis (also dem Überzug) des Bildes und bleiben auch bei einer nicht fachgerecht durchgeführten Firnisabnahme erhalten.

Egon Schiele zum Beispiel hat diese Technik effektvoll in seinem Gemälde Hafen von Triest (1907) eingesetzt, indem er die Linien der Wasserspiegelung mit Bleistift gezogen hat. Auch in Schieles Häuserkomplex in Wien, Oberdöbling (1908) in der Sammlung der Neuen Galerie Graz hat der Maler Ritzungen mit dem Pinselstiel sowie Konturen mit dem stumpfen Bleistift in die nasse Ölfarbe ausgeführt.

 

 

Text: Paul-Bernhard Eipper
Bearbeitung: Hannah Lackner

Kategorie: Konservieren & Restaurieren
Schlagworte:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>