(Vorderseite): Löwe, um 1470/80, aus dem Kloster Neustift bei Brixen, Inv.-Nrn. 327

4. April 2013 / Christoph Pelzl

Verborgenes sehen lernen

Konservieren & Restaurieren

Zwei kleinformatige, beidseitig bemalte Altarflügel zählen seit ihrer Schenkung durch Ignaz Graf Attems an das Joanneum im 19. Jahrhundert zu den Hauptwerken der Mittelaltersammlung.

Strahlendiagnostische Untersuchungen an zwei Altarfragmenten der Alten Galerie Graz

Zwei kleinformatige, beidseitig bemalte Altarflügel zählen seit ihrer Schenkung durch Ignaz Graf Attems an das Joanneum im 19. Jahrhundert zu den Hauptwerken der Mittelaltersammlung.

Michael Pacher, Umkreis, Altarflügel (Vorderseite): Löwe, um 1470/80,
aus dem Kloster Neustift bei Brixen, Inv.-Nrn. 327
Michael Pacher, Umkreis, Altarflügel (Rückseite): Ermordung des hl. Thomas Becket, um 1470/80, aus dem Kloster Neustift bei Brixen, Inv.-Nrn. 327
Michael Pacher, Umkreis, Altarflügel (Vorderseite): Stier, um 1470/80,
aus dem Kloster Neustift bei Brixen, Inv.-Nrn. 326
Michael Pacher, Umkreis, Altarflügel (Rückseite): Aufbahrung des Heiligen, um 1470/80,
aus dem Kloster Neustift bei Brixen, Inv.-Nrn. 326

Die Tafeln zeigen auf der Vorderseite die Evangelistensymbole Stier und Löwe, auf der Rückseite das Martyrium und die Aufbahrung des englischen Kanzlers und Erzbischofs Thomas Becket. Aufgrund ihrer vorzüglichen malerischen Qualität werden sie dem Tiroler Künstler Michael Pacher (1430/35 – 1498) und seinem Kreis zugeschrieben. Die große, überregionale Bedeutung der Gemälde beweisen zwei Leihansuchen von renommierten Museen in Madrid (2007) und Rom (2009), wohin die Tafeln in einer speziell angefertigten Sicherheitsbox aus Glas und Stahl, die klimaausgleichend wirkt, auch tatsächlich gereist sind.

Ein geplantes Buchprojekt des Innsbrucker Pacher-Spezialisten Lukas Madersbacher war uns während der heurigen Schließzeit Anlass, die vorhandene fotografische Dokumentation der beiden Holztafeln, die im Rahmen der Konservierung und Restaurierung vorgenommen wurde, nach dem neuesten Wissensstand auszuwerten. Die Lesbarkeit solcher hochtechnisierten Aufnahmen erfordert viel Wissen und Erfahrung auf dem Gebiet. Die jungen Restauratorinnen im Team von Chefrestaurator Bernhard Eipper, Anna Bernkopf, Julia Hüttmann und Stefanie Gössler, hatten während ihrer Ausbildung an der Universität für angewandte Kunst in Wien die Gelegenheit, die verschiedenen Methoden der zerstörungsfreien Bilduntersuchung kennenzulernen. Im folgenden Beitrag werden sie erklären, wie das strahlendiagnostische Fotomaterial in der Praxis interpretiert wird. Erst nach dieser eingehenden Analyse sind die Aufnahmen auch für die Kuratoren von großem Interesse, da sie viel über den maltechnischen Aufbau, etwaige Vorzeichnungen, die Malweise des Künstlers sowie über den Zustand und vorangegangene Restaurierungen eines Gemäldes aussagen. (Text: Dr. Helga Hensle-Wlasak, Sammlungskuratorin Alte Galerie)

Oberflächenuntersuchungen

Bei den strahlendiagnostischen Untersuchungen wird zwischen Oberflächenuntersuchung und Tiefenuntersuchung unterschieden.
Zu den Oberflächenuntersuchungen zählt neben der Betrachtung mit sichtbarem Licht auch die Untersuchung mit langwelligen UV-Strahlen.
Dabei wird die unterschiedliche Reflektions- bzw. Absorptionsfähigkeit der Materialien eines Gemäldes genutzt, um in der UV-Aufnahme verschieden helle oder dunkle Kontraste zu erhalten. Zusätzlich erzeugt UV-Licht in bestimmten Materialien eine entsprechende Fluoreszenz, wodurch diese sichtbar gemacht und bestimmt werden können. So fluoresziert etwa Schellack leuchtend orange und ein Naturharz-Firnis gelb-grünlich. Diese Fluoreszenz der Naturharze nimmt mit der Alterung zu (ab 80 Jahren), wodurch jüngere Retuschen und Übermalungen im UV-Licht sichtbar gemacht werden können. Sie liegen über dem gealterten Firnis und erscheinen daher im UV-Licht dunkler als dieser.

Detail im UV Licht, auf dem Firnis liegende Retuschen
Detail im normalen Licht

Tiefenuntersuchungen

Zu den Tiefenuntersuchungen an Gemälden zählt die Röntgen- sowie Infrarotuntersuchung. Mit der langwelligen Infrarotstrahlung lassen sich tiefer liegende Malschichten und vor allem die auf der Grundierung ausgeführte Unterzeichnung erfassen. Die dafür meist verwendeten kohlenstoffhaltigen Materialien wie Holzkohle oder Ruß absorbieren die IR-Strahlung. Die Unterzeichnungen werden dadurch in den schwarz-weißen Ergebnisbildern dunkel abgebildet. In manchen Fällen ist dabei sogar eine Bestimmung des Zeichengerätes möglich.

Daneben können auf diese Art Pentimenti (vom Künstler durchgeführte Änderungen des Bildprogramms), Retuschen sowie Übermalungen sichtbar gemacht werden.

Detail, Infrarotaufnahme:
Linker Pfeil: schraffierte Unterzeichnung, rechter Pfeil: Pentiment im Bereich der Hand. Für die Unterzeichnung wurde vermutlich ein Pinsel verwendet
Detail im normalen Licht

Die mit kurzwelliger Strahlung arbeitende Röntgenanalyse beschreibt Mairinger in seinem Standartwerk für Strahlenuntersuchung an Kunstwerken folgendermaßen: „Röntgenstrahlen vermögen undurchsichtige Körper zu durchdringen, wobei sie je nach Dicke und materieller Beschaffenheit der Objekte eine mehr oder weniger starke Schwächung erleiden.“

Die unterschiedlich geschwächten Strahlen treffen auf einen dahinterliegenden fotographischen Film, auf welchem ein Strahlungsrelief abgebildet wird. Zum Beispiel je heller der abgebildete Bereich, desto dichter war das Material. Sehr aussagekräftige Materialien sind etwa Pigmente wie Bleiweiß, welche Schwermetalle enthalten. Schwermetalle absorbieren die Röntgenstrahlen bzw. verhindern ein Durchdringen, sodass diese Bereiche am Röntgenfilm hell erscheinen. Es wird dadurch nachvollziehbar, wo der Künstler Bleiweiß[1] eingesetzt hat, um Helligkeiten in der Darstellung zu erzeugen oder um Körper zu modellieren.

Bei der Auswertung der vorliegenden Röntgenaufnahmen muss beachtet werden, dass die Altarfragmente auf Vorder- und Rückseite bemalt sind. Es kommt dabei zu fotografischen Überlagerungen, was die Lesbarkeit und Deutung der Aufnahmen erschwert. Die Flügelkontur der Darstellung des Löwen auf der Rückseite ist gemeinsam mit der figurenreichen Darstellung der Tötung des hl. Thomas Becket der Vorderseite sichtbar.

Röngtenaufnahme
Ausschnitt der Vorderseite des Bildes im normalen Licht
Ausschnitt der Rückseite des Bildes im normalen Licht

Die Holzstruktur des Bildträgers wird in den Röntgenaufnahmen nicht sichtbar, da der Künstler, wie es ab dem 15. Jhdt. üblich war, eine Bleiweiß-Schicht über der Grundierung aufgetragen hat[2]. In den vergoldeten Bereichen wurde diese Schicht ausgespart, wodurch sie in der Röntgenaufnahme dunkler erscheinen.

Ein weiteres interessantes Detail ist, dass der Künstler im Rahmen der Unterzeichnung perspektivische Linien an Architekturelementen eingeritzt hat, damit bei deckendem Farbauftrag diese Konstruktionslinien sichtbar bleiben. In den Röntgenaufnahmen entdeckt man bei den Torbögen im Hintergrund auch den Einstichpunkt eines Zirkels, mit welchem die Bögen in die Grundierung eingeritzt worden sind[3]

Detail, Röntgenaufnahme:
Einstichpunkte des Zirkels für die Ritzung der Torbögen in die Grundierung (gelbe Pfeile)
Detail im normalen Licht

Am Röntgenbild können auch Aussagen zum Zustand des Gemäldes getroffen werden. So wird das tatsächliche Ausmaß einer Fehlstelle im Malschichtpaket bis zum Bildträger unter Retuschen und Übermalungen sichtbar.

Detail, Röntgenaufnahme:
Die dunklen Flecken im Röntgenbild sind Fehlstellen im Malschichtpaket,
die im heutigen Zustand gekittet und retuschiert sind
Detail im normalen Licht

Text: Mag. Anna Bernkopf, Mag. Stefanie Gössler, Mag. Julia Hüttmann
Fotos: UMJ


[1] Bleiweiß ist ein basisches Bleikarbonat, welches bis ins 19. Jhdt. als einziges Weißpigment in der Ölmalerei eingesetzt wurde. „Beim Röntgen eines Gemäldes wird ein mehr oder weniger ausgeprägtes Bleiweißgerüst sichtbar. Dieses Bleiweißgerüst ist in den Inkarnaten bis ins 16. Jhdt. nur in feinen Lichthöhungen zu erkennen. Die helle Grundierung und die subtraktive Farbmischung machen eine stärkere Verwendung von Bleiweiß unnötig. Erst in der Malerei des 17. Jhdts., z.B. bei Rembrandt und Rubens, ist auf den Röntgenfotos ein ausgeprägtes Bleiweißgerüst zu erkennen.“ Nicolaus, K., DuMonts Handbuch der Gemäldekunde, 2003, Köln, S. 201 f.

[2] Diese Schicht wird auch als „Imprimitur“ bezeichnet und dient zur Verringerung der Saugfähigkeit des Grundes sowie um die Leuchtkraft der darüber aufzutragenden Farblasuren zu erhöhen. Mairinger, F., Strahlenuntersuchung an Kunstwerken, 2003, Leipzig, S. 204.

[3] „Die beim Graviervorgang entstandenen Gräben werden beim nachfolgenden Malvorgang aufgefüllt und erscheinen wegen ihrer größeren Schichtdicke im Röntgenbild als helle Linien.“ Mairinger, F., Strahlenuntersuchung an Kunstwerken, 2003, Leipzig, S. 214.

Kategorie: Konservieren & Restaurieren
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