Abb. 2: Tintenfass in Form eines Sarkophags für Napoleon, Gusseisen, um 1830, KHS, Inv.-Nr. 21866, Gesamt

30. September 2013 / Ulrich Becker

Geschichte wird (von Hand) gemacht

Kunst- & Naturvermittlung | Museumseinblicke | Neue Galerie mit BRUSEUM

Im heurigen Oktober jährt sich zum 200. Mal eines der folgenreichsten Ereignisse der neueren europäischen Geschichte: die wegen der Vielzahl der beteiligten Nationen (sowie der hohen Opferzahl) “Völkerschlacht“ genannte Schlacht von Leipzig, die Napoleons Herrschaft über Deutschland und Mitteleuropa ein für alle Mal beendete.

Was wie ein Datum klingt, war ein tagelanges Drama, das die Zeitgenossen tief erschütterte. Nur ein halbes Jahr später, am 31. März 1814, zogen die verbündeten Monarchen von Österreich, Russland und Preußen als Sieger in Paris ein (Abb.1).

Abb. 1: Medaillendose zum Gedenken an den Einzug der verbündeten Monarchen in Paris, 31.März 1814, KHS, Inv.-Nr. 05222

Dem Gedächtnis entkommt man nicht

Nach zwei Weltkriegen ist uns jeglicher Kriegsruhm aus Europas Vergangenheit aus guten Gründen suspekt geworden. Wir haben gelernt, den „großen Männern“ der Geschichte und ihren Ruhmesblättern mit Misstrauen zu begegnen und die ungeheuren Folgen zu bedenken, die ihr Wirken langfristig gehabt hat. Dem Gedächtnis entkommt man eben nicht: Denn in die Ära Napoleons, diese Zeit permanenten Notstandes, fällt auch Positives – wie die Gründung des Joanneums (1811). Und so nimmt es nicht wunder, dass sich in den Depots der Kulturhistorischen Sammlung (KHS) am Universalmuseum Joanneum, seit Mai 2011 „Museum im Palais“, neben zahlreichen Erinnerungen an die Habsburger auch Spuren des korsischen Prometheus finden.

Eiserne Zeiten also, in denen man im patriotischen Überschwang Gott zum Rüstungsproduzenten machte („Der Gott, der Eisen wachsen ließ,…“, Ernst Moritz Arndt), als das „Eiserne Kreuz“ erfunden wurde (von Preußens Universalgenie Karl Friedrich Schinkel) und man „Gold für Eisen“ gab. „Alles gehört dem Vaterland“, so hatte es die Französische Revolution gelehrt, wie leider auch die martialische Rhetorik. Arndts Dichterkollege Adalbert von Chamisso brachte es indessen auf den Punkt: „Dies ist die Zeit der großen Not.“

Eiserne Zeiten

Eiserne Zeiten – das ist wörtlich zu nehmen: Notzeiten verlangen Edelmetall, und Eisen tritt an dessen Stelle. Und so blühte um diese Zeit die Gusseisenproduktion, in Preußen wie auch in Österreich, genauer gesagt, im steirischen Gußwerk bei Mariazell. Kerzenleuchter und Schmuck wurden aus Eisenguss ebenso hergestellt wie Tintenfässer als sprechende Erinnerungsstücke an die Zeit Napoleons.

Eines der kuriosesten Produkte ist zweifellos ein Miniatursarkophag für den Kaiser im antiken Zeitgeschmack, auf Löwenpranken ruhend: Den Deckel schmückt der weltberühmte Hut, wie eine Krone auf einem Kissen gelagert. Öffnet man den Deckel, so entpuppt sich das Kleindenkmal als Tintenfass. Entfernt man dann noch den Einsatz mit dem eigentlichen Tintenbehälter, so wird auf dem Grund des Gefäßes Napoleon selbst sichtbar, in Uniform und Feldherrenmantel aufgebahrt. Solche Tintenfässer wurden nach dem Tode des Schlachtengottes 1821 auf St. Helena in großer Zahl hergestellt, ausgerechnet in jenen Ländern, die unter ihm mit am meisten zu leiden hatten. Napoleon als frühe Kultfigur? Zweifellos, doch ist hier etwas anderes gemeint. Die in Tinte getauchte Feder triumphiert über das Schwert. Napoleon „unter-liegt“ im Wortsinne (Abb. 2-3).

Abb. 2: Tintenfass in Form eines Sarkophags für Napoleon, Gusseisen, um 1830, KHS, Inv.-Nr. 21866, Gesamt

Abb.3: Tintenfass in Form eines Sarkophags für Napoleon, Gusseisen, um 1830, KHS, Inv.-Nr. 21866, Detail: Liegefigur

Nicht zuletzt wurden auch Medaillen mit den Porträts jener Akteure hergestellt die dieser Zeit ihren Stempel aufgedrückt haben – natürlich derjenigen, die dem eigenen Lager, der anti-napoleonischen Koalition angehörten: Feldherrn und Politiker: Österreicher, Russen, Preußen und Briten. Besonders wird jenen Regenten gehuldigt, die mit dem Wiener Kongress 1814/15 die Speerspitze des alten, monarchischen Europa bildeten – und die Revolution am liebsten ungeschehen machen wollten: die „Heilige Allianz“ (Abb.4).

Abb. 4: Die alliierten Monarchen Franz I. von Österreich, Alexander I. von Russland und Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Gusseisen, KHS, Inv.-Nr. 22350

Vom Erinnern und Vergessen

Kein Land ohne seine Helden oder „Große Männer“.  Manche haben sich im Gedächtnis gehalten wie Österreichs Held Fürst Schwarzenberg (Abb. 5) der bei dem tagelangen Leipziger Gemetzel den Oberbefehl über die alliierten Heere innehatte. Aber wer erinnert sich heute noch an ihn, wenn man in Wien mit der Straßenbahn den Schwarzenbergplatz mit dem großen (von einem Dresdner Bildhauer modellierten) Reiterstandbild passiert? Oder wer war Vinzenz Ferrer von Bianchi (Abb. 6), der die Herrschaft von Napoleons Schwager Joachim Murat in Neapel beendete? Versunken und vergessen – so scheint es.

Abb. 5: Karl Philipp Fürst von Schwarzenberg, Gusseisen, KHS, Inv.-Nr. 22347

Abb. 6: Vinzenz Ferrer von Bianchi, Gusseisen, KHS, Inv.-Nr. 22351

Leichter glauben sich Länder zu tun, die ihre traumatischen Erinnerungen in Heldenepen wie Glocken in Kanonen umgegossen haben. So hat das Russland mit „1812“ getan und die daran Beteiligten zu Helden verklärt. In diese Reihe gehören die Generäle Barclay de Tolly (Abb. 7), der Napoleon vor Moskau entgegentrat, oder Michail Platow (Abb. 8), der mit seinen Kosaken bis nach Frankreich vorstieß. So zeigen es Geschichtskarten. Aber längst haben wir gelernt, dass diese Geschichte eben auch von zahllosen Existenzen handelt, die in jenen eisernen Jahren zugrunde gingen.

Abb. 7: Michael Andreas Barclay de Tolly, Gusseisen, KHS, Inv.-Nr. 22352

Abb. 8: Matwej Iwanowitsch Platow, Gusseisen, KHS, Inv.-Nr. 22348

Selbst die deutschen Geschichtskatastrophen des 20. Jahrhunderts haben das Andenken an jene „Helden“ nicht auslöschen können, die auf preußischer Seite beteiligt waren, allen voran Blücher (Abb. 9). Noch als über 70-Jähriger im Rufe der Unverwüstlichkeit stehend, ist er „Marschall Vorwärts“ zur Legende geworden.

Abb. 9: Gebhard Leberecht von Blücher, Gusseisen, KHS, Inv.-Nr. 22349

Was setzt was „mit anderen Mitteln fort“, der Krieg die Politik oder die Politik den Krieg? Auf Kriege folgen Kongresse; beim berühmtesten von allen, dem in Wien, ging das Geschäft des Länderteilens weiter. „Gleichgewichts“-Künstler wie Großbritanniens Außenminister Castlereagh, haben Konjunktur, doch sind sie keine Jongleure, sondern Friedenssucher – nach endlosen Kriegsjahren Man will endlich Ruhe haben, einige sogar Kirchhofsruhe.

Abb. 10: Lord Castlereagh, Gusseisen, KHS, Inv.-Nr. 22345

In Zeiten, in denen ganze Länder mitsamt ihren Bewohnen wie nach Belieben hin- und hergeschoben wurden, blieben bisweilen auch die zugehörigen Souveräne auf der Strecke. Wenn es den Großen passte, konnten sie „entschädigt“ werden. Dazu gehörte Ferdinand III, Großherzog der Toskana (Abb. 11), Sohn Kaiser Leopolds II. und Bruder EH Johanns. Durch die französischen Eroberungen um seinen Besitz gekommen, war er gezwungen, mehrfach das Territorium zu wechseln: Für ihn – der übrigens seinen Titel behalten durfte – wurden aus der Konkursmasse des „Alten Reiches“ eigens neue Länder kreiert: das „Kurfürstentum Salzburg“ und das „Großherzogtum Würzburg“, bevor er endlich 1815, Im Jahr von Waterloo, sein italienisches Stammland zurückerhielt. Die Toskana verdankt ihm nicht wenig: Ferdinand gehörte zu jenen Regenten, die ihr Amt mit Verantwortung mit Weitblick ausgeübt haben.

Einen vergleichsweise guten Ruf hat auch Sachsens letzter Kurfürst und erster König, Friedrich August I. (Abb. 12), davongetragen, ein Alliierter, d.h. Vasall Napoleons, dem er wie sein bayerischer Kollege die Königskrone verdankte. Nach dem Sturz des Titanen folgten Gefangenschaft und Wiedereinsetzung als König über ein halbiertes Land. Immerhin: Als „der Gerechte“ steht er im Geschichtsbuch.

Abb. 11: Ferdinand III. von Toskana, Gusseisen, KHS, Inv.-Nr. 22342

Abb. 12: Friedrich August I. von Sachsen, Gusseisen, KHS, Inv.-Nr. 22346

Napoleon zum Dessert – die Kuchenteller des Bürgerkönigs

Geradezu skurril muten im Vergleich dazu jene Dessertteller an, die wie touristische Souvenirs das Andenken Napoleons aus französischer Sicht pflegen. Im Stil von Anekdoten sind hier Begebenheiten aus der napoleonischen Zeit per Druck festgehalten und wie Sammeltassen durchnummeriert, damit ihren stolzen Besitzern ja nur keine ruhmreiche Episode entgehe. Der himmelstürmende Adler sowie das unvermeidliche „N“ zeigen an, wer im Mittelpunkt steht. Auf jedem Teller signalisiert eine umlaufende Kette, dass alle hier gezeigten Geschichten in eisernen Zeiten spielen. Weltgeschichte für die häusliche Vitrine.

Es ist die Zeit des Bürgerkönigs, Louis Philippe, der den Franzosen nach den ruhmlosen Jahren der Restauration unter den Bourbonen (1815-1830) den Stoff für ihre Träume liefert, den Ruhm der noch nicht allzu fernen Vergangenheit. Der rundliche, als „Birne“ in die Geschichte (der Karikatur) eingegangene Monarch weiß, was seine Franzosen an ihrem Helden haben und holt seine Leiche 1840 zurück – in den Pariser Invalidendom. Eine ganze Schar begabter Lithographen steht bereit, die Legende ins rechte Licht zu setzen: Nicolas-Toussaint Charlet und vor allem sein Schüler Auguste Raffet. Sie treten als Illustratoren umfangreicher Geschichtswerke hervor, die den kollektiven Wunsch nach Größe, nach „grandeur“ wachhalten. Wie unlängst ermittelt, haben sie die Vorlagen für jene zerbrechlichen Produkte geliefert, die der unvergänglichen „Grande Nation“ gewidmet sind. Der Bedarf ist groß: Eine neue Klasse, das berühmt-berüchtigte „Justemilieu“, verlangt heftig nach den alten Helden.

Wie kein anderer ist Napoleon geeignet, den Bedarf an Helden und Heldentaten zu befriedigen Daran mangelt es nicht. Auch in der Tellermanufaktur weiß man, dass Napoleons Legende mit dem Italienfeldzug gegen Österreich 1796/97 begründet wurde. Und so stürmt der Götterliebling die Brücke von Arcole (Abb. 13), verzeiht großmütig den aufständischen Bürgern von Pavia (Abb. 14). Viele Jahre später, 1814, liefert er seine letzten Gefechte (Abb. 15).

Die hässlichen Seiten der Geschichte lassen sich nicht so leicht abwaschen wie Teller, daher werden sie verschwiegen: Der jugendliche „Befreier“ Italiens war in Wahrheit ein Abenteurer und Plünderer, einen dauerhaften Frieden brachte er zeitlebens nicht zustande, und wenige Wochen nach seinen letzten Siegen folgten Niederlage und Sturz.

Aber ob Halbgott oder Ahnherr aller modernen Diktatoren – Napoleon gehört zu den großen Akteuren der Weltgeschichte. Er ist auch einer ihrer „anekdotenfähigsten“ Gestalten: Nicht nur Standbilder, Triumphsäulen und Schlachtengemälde sollten ihn unsterblich machen, sondern eben auch Kuchenteller. Fast, als wollten sie jenes berühmte Bonmot bestätigen, das Napoleon zugeschrieben wird:

Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein kleiner Schritt.“

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