Bodenmosaik Wagna/Flavia Solva

Detail, Nr. II Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva in der Insula IX (Haus der Attier) A. 3. Jh. n. Chr. Archäologiemuseum, Schloss Eggenberg, Lapidarium, Foto: Angelika Schön-Herzog

10. Oktober 2018 / Angelika Schön-Herzog

Aus Daidalos Werkstatt – Antike Technik, Teil 2

Archäologie und Münzkabinett

„Bonia, der Kantharos ist mir aus der Hand gefallen. Ach, jetzt ist unser Mosaikfußboden kaputt, ruf’ mir mal den Musivarius.“ (lat. für Mosaizist)

©Wolfgang Herzog

©Wolfgang Herzog

Feinst gearbeitete, gewaltige Mosaike, handgeschnitzte Bernsteinperlen und reich verzierte Gürtelgarnituren aus Bronze erwarten die Besucher/innen im Archäologiemuseum. Jahrtausendealte Schätze, die von der hochentwickelten Technologie unserer Vorfahren berichten.

Wie erschufen unsere Urahnen diese aussagekräftigen Prachtstücke, wie transportierten sie manch komplexes, schweres Kunstwerk über lange Strecken, vor allem ohne strombetriebene Maschinen und heutige Technik?

In dieser Blog-Serie ergründen wir, welche Techniken die Menschen der Antike anwendeten und wie geschickt unsere Vorfahren die Kunstfertigkeit ihrer Hände zu nutzen wussten. Dazu begeben wir uns in:

Das Lapidarium – die versteinerte Welt

Am Beispiel des römischen Grabsteins des L. Cantius Secundus im Eingangsbereich der Römersteinsammlung haben wir im ersten Teil der Blogserie „Bonia, da stimmt was nicht mit meinem Grabstein, beim Jupiter, hol mal schnell den Lapicida …“(lat. für Steinmetz) erkundet, wie der Steinquader vor Jahrtausenden seine lange und mühsame Reise aus dem Steinbruch zu seinem Besitzer zurücklegte. Dort erfüllte er seine Bestimmung als Denkmal, bis er viele Jahrhunderte später seinen Platz im Archäologiemuseum fand.

Wir verlassen die Gegenwart erneut und betreten diesmal als Gäste das reich ausgestattete Eigenheim eines fiktiven römischen Bürgers, nennen wir ihn Marcianus, und erwecken einen der drei beeindruckenden Mosaikfußböden, die im Lapidarium gezeigt werden, durch eine farbenfrohe Erzählung zum Leben. Stellen wir uns nun vor, wir treten vor etwa 2000 Jahren durch die hölzerne Eingangstür des Stadthauses von Marcianus in Flavia Solva (im heutigen Leibnitzer Feld). Es ist sehr schwül und drückend an diesem spätsommerlichen Tag. Wir gehen den kurzen Eingangsflur entlang und bestaunen ehrfurchtsvoll die hochwertigen bunten Wandmalereien, die vielleicht in gelbe, rote und schwarze geometrische Felder aufgeteilt waren.

Unsere Schritte führen uns in das Herzstück des Hauses, das Atrium. Die Kühle des Wasserbeckens in der Mitte des großen, offenen Raumes – das Impluvium – fühlt sich angenehm auf unserer erhitzten Haut an. Langsam und die Pracht des reichen Gebäudes bestaunend durchqueren wir das Atrium. Eine Vielzahl steinerner Skulpturen begrüßt uns und das Plätschern des Wassers vermittelt eine angenehm beruhigende Atmosphäre. Wir erreichen das kleine Triclinium, den Speisesaal im hinteren Teil des Hauses. Der Hausherr liegt entspannt auf einem der drei Speisesofas, der Kline, isst genüsslich importierte Oliven, trinkt ein Gläschen Honigwein und unterhält sich angeregt mit dem schon anwesenden Gast.

Die drei Klinen stehen wiederum an prunkvoll mit Szenerien bemalten Wänden. Unser Blick fällt sogleich auf das prachtvolle Bodenmosaik, das den Raum komplett ausfüllt, und schweift über eine Vielzahl von schwarz-weißen und bunten Mosaiksteinchen, die Tesserae.

Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva

Detail, Nr. II Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva in der Insula IX (Haus der Attier), L. 420 cm; B. 320 cm A. 3. Jh. n. Chr. Archäologiemuseum, Schloss Eggenberg, Lapidarium, Foto: Angelika Schön-Herzog

Sie wurden so kunstvoll und fein verlegt, dass wir den Eindruck haben, das allseits beliebte Schwarz-Weiß-Muster sei dreidimensional und die dargestellten Vögel würden sich jeden Augenblick in die Lüfte erheben, um davonzufliegen. Das Wasser läuft uns von dem Angebot an nachgebildeten Früchten und Pflanzen im Munde zusammen. Der dargestellte Kantharos in der Mitte des Mosaikfußbodens erinnert uns daran, dass unsere Reise lang war und wir unheimlichen Durst auf mit Wasser gemischten Honigwein verspüren.

Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva

Detail, Nr. II Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva in der Insula IX (Haus der Attier) A., 3. Jh. n. Chr. Archäologiemuseum, Schloss Eggenberg, Lapidarium, Foto: Angelika Schön-Herzog

Begierig zu hören, wie dieses Prachtstück wohl entstanden ist, lassen wir uns neben Marcianus auf der letzten noch freien Kline nieder, nehmen dankbar einen mit duftendem süßen Wein gefüllten Skyphos entgegen und lauschen gespannt den Ausführungen des Gastgebers. Nachdem Marcianus mit seiner Ehefrau gesprochen hatte, suchten sie sich aus einem allseits bekannten Vorlagenbuch, in dem viele Muster und Motive zu finden waren, gemeinsam den gewünschten Mosaikfußboden aus.

Es existierten zur Zeit des Marcianus, dem 3. Jh. n. Chr., schon vielfältige Vorlagen für Mosaike, da diese aus kleinen Steinwürfelchen (Tesserae) gelegten Böden in der antiken Welt eine lange Tradition hatten und sehr beliebt waren. Wohlhabendere Bürger/innen wollten repräsentative oder für sie wichtige Räumlichkeiten schmücken und in Szene setzen. Aus dem „Neuen Pauly“, der Enzyklopädie der Antike, wissen wir, dass das älteste aus Tesserae gelegte Fußbodenmosaik aus dem 5. Jh. v. Chr. aus Karthago in Nordafrika stammt. Bei der römischen Bevölkerung waren unter anderem Mosaike aus Griechenland sehr beliebt. Nicht nur in Griechenland angefertigte Kunst, sondern auch griechische Meister reisten durch das Imperium Romanum und boten ihr Können an.

Marcianus engagierte also einen Mosaizisten und seine Gehilfen, und das eingespielte Team begann mit der aufwendigen Vorbereitung des Mosaikfußbodens. Vielleicht reiste der Musivarius extra aus Celeia (Celje in Slowenien) oder Poetovio (Ptuj in Slowenien) an. Die Betriebe lagen meist in größeren Provinzstädten und pendelten von dort aus in die umliegenden Gebiete. In spezielleren Fällen kamen Meister wohl auch aus bekannten Kunstzentren oder gingen auf Wanderschaft, um ihre Kunst anzubieten. Mehrere Handwerker arbeiteten Hand in Hand an einem Mosaik, da unterschiedliche Fertigkeiten gewünscht waren und fast jedes Mitglied des Teams eine andere Aufgabe hatte. Die heute bekannten antiken Mosaike sind sehr abwechslungsreich, also nahm man wohl über die Vorlagen hinaus auch Rücksicht auf die Geschmäcker der Auftraggeber/innen. Ähnlich wie es Handwerker auch heute, etwa 2000 Jahre später, noch tun.

Der Römer Marcus Vitruvius Pollio beschreibt in seinem Werk „Zehn Bücher über Architektur“, wie die beeindruckenden Mosaike vor etwa 2000 Jahren entstanden sind, und erklärt somit die wohldurchdachte Handwerkskunst unserer Vorfahren. Nachdem die Mosaizisten den Untergrund des Estrichs fein säuberlich festgestampft hatten, wurde eine Deckschicht aus Kiessteinen (statumen) gelegt, jeder Stein etwa so groß wie eine hohle Hand. Auf diese Kiesschicht breiteten die Handwerker eine Betonmischung (rudus) aus. Sie bestand aus drei Teilen Kies und einem Teil Kalk (gebrannt und gelöscht), war also in der Zusammensetzung gröber. Mit hölzernen Rammen stampften zehn Männer die Mischung mit andauernden Stößen fest. Auf diese Betonschicht wurde eine etwa 15 cm dicke Deckschicht aus drei Teilen zerbröckelten Ziegeln und einem Teil Kalk (nucleus) aufgebracht und letztendlich eine feinere Mörtelschicht aus drei Teilen Sand und einem Teil Kalk. War diese intensive Vorbereitung des drei- bis vierteiligen Estrichs beendet, folgte das Verlegen der Mosaiksteinchen. Man fertigte die gewünschte Vorzeichnung mit Rötel auf dem feinen Untergrund an, der mithilfe einer Richtschnur und einer Wasserwaage geebnet worden war.

Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva

Detail, Nr. II Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva in der Insula IX (Haus der Attier) A. 3. Jh. n. Chr. Archäologiemuseum, Schloss Eggenberg, Lapidarium, Foto: Angelika Schön-Herzog

Die ausgewählten Materialien und Farben der Mosaiksteinchen änderte sich im Laufe der Zeit und hatte natürlich auch mit dem Geschmack und der Geldbörse der Auftraggeber/innen zu tun. Am häufigsten verwendete man Naturstein wie etwa Marmor, der von Natur aus eine große Farbenvielfalt besaß. Marmor, der im Verwaltungsgebiet von Flavia Solva verwendet wurde, fand sich am Bacherngebirge südlich der Drau in Slowenien und im Bereich der Gleinalm (Oswaldgraben/ Kainach und Salla), aber auch bei Öblarn, in der obersteirischen Sölk oder – wie schon im letzten Blogbeitrag erwähnt – in Gummern in Kärnten. Wurde aber ein intensives, leuchtendes Farbenspiel gewünscht, konnte man etwa auf bunten Naturstein, Glasstücke oder auf reflektierende Tesserae mit in Glas eingebrachten Goldschichten zurückgreifen. Beliebt waren unter anderem auch Muscheln, unterschiedliche Metallarten oder Keramikteile.

Bodenmosaik, Pettau (Slowenien, Ptuj)

Nr. III Bodenmosaik, Pettau (Slowenien, Ptuj), Zgornji Breg, Sp. 4. Jh. n. Chr. Archäologiemuseum, Schloss Eggenberg, Lapidarium, Foto: Angelika Schön-Herzog

 

Um die kleinen Vierecke aus Naturstein herzustellen, brauchte man Fingerspitzengefühl: Sie wurden aus einer dünnen Platte des gewünschten Materials herausgearbeitet. Erst schnitt man dünne Streifen aus dem Material und teilte sie anschließend in Würfel. Die Größe der Würfel variierte je nach Art des Mosaiks. Das Bodenmosaik aus dem Haus der Attier im Lapidarium des Archäologiemuseums vereint Tesserae von 3 mm bis 1,7 cm.

Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva

Detail, Nr. II Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva in der Insula IX (Haus der Attier) A. 3. Jh. n. Chr. Archäologiemuseum, Schloss Eggenberg, Lapidarium, Foto: Angelika Schön-Herzog

Marcianus suchte sich nun also aus dieser üppigen Vielfalt das seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. sehr beliebte Schwarz-Weiß-Mosaik mit farbigen Emblemata – kunstvollen Einsatzbildern – aus. Die Tesserae der farbigen Emblemata wurden entweder mithilfe von Wasserwaage und Richtschnur direkt in die letzte, feinere Mörtelschicht des planierten Estrichs eingebracht oder die Mosaizisten fertigten sie in der jeweiligen Werkstatt oder einem Nebenraum der Auftraggeber/innen mithilfe einer Art Setzkasten an.

Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva

Detail, Nr. II Bodenmosaik, Wagna/Flavia Solva in der Insula IX (Haus der Attier) A. 3. Jh. n. Chr. Archäologiemuseum, Schloss Eggenberg, Lapidarium, Foto: Angelika Schön-Herzog

Damit nach dem Setzen keine Kanten hervortraten, wurde die Oberfläche geschliffen und  Marmorstaub aufgesiebt. Darüber breiteten die Handwerker als Ausgleich der Fugen einen dünnen Überzug aus Kalk mit untergemengtem Sand auf. Befand sich das Bodenmosaik im Freien, ölte man die Oberfläche jährlich vor Winterbeginn mit Ölhefe (Sediment aus ungefiltertem Olivenöl) ein, um das Eindringen des Frostes zu verhindern.

Gespannt lauschen wir weiterhin den Erzählungen von Marcianus, lehnen uns gemütlich auf der Kline zurück und lassen den Tag bei einem weiteren Becher Honigwein ausklingen. Im Archäologiemuseum warten drei wunderschöne, sehr unterschiedliche Fußbodenmosaike darauf, bewundert zu werden.

Wie viele Errungenschaften und Techniken der Antike legte auch das Mosaik seinen langen Weg bis in unsere Gegenwart zurück und wenn wir mit offenen Augen durch die Welt gehen, begegnen uns an manch unvorhergesehenen Orten wahre Schätze, deren Technik die Menschheit schon Jahrtausende begleitet.

Wandmosaik, Engerthstrasse, 1200 Wien

Detail, Wandmosaik, Engerthstraße, 1200 Wien, Foto: Angelika Schön-Herzog

 

Kategorie: Archäologie und Münzkabinett
Schlagworte: Aus Daidalos Werkstatt | Flavia Solva | Lapidarium | Mosaik | Sammlungsobjekte | Vermittlung


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