23. September 2016 / Angelika Schön-Herzog

Aus Daidalos’ Werkstatt – Antike Technik, Teil 1

Archäologie und Münzkabinett

„Bonia, da stimmt was nicht mit meinem Grabstein! Bei Jupiter – hol mal schnell den Lapicida…“(lat. für Steinmetz)

©Wolfgang Herzog

©Wolfgang Herzog

Tonnenschwere Grabsteine, feinste Mosaike, von Künstlerhänden geformte Glasgefäße und hochentwickelte Bronzegüsse – heute sind solche Objekte nach wie vor beachtenswert, aber auch technisch problemlos herzustellen. Doch wie erschufen unsere Vorfahren vor Jahrtausenden derartige Schätze? Wie transportierten sie komplexe, schwere Kunstwerke über lange Strecken, ohne strombetriebene Maschinen und moderne Technik?

In dieser Blog-Serie ergründen wir, welche Techniken die Menschen der Antike anwendeten und wie geschickt sie die Kräfte der Natur zu nutzen wussten. Dazu begeben wir uns in:

Das Lapidarium – die versteinerte Welt

Der Mensch ist ein Lebewesen des Tastens, der Erfahrung, seine Hände als Werkzeug zu benutzen, verbunden mit dem Wunsch, etwas damit zu erschaffen. Einer der ersten Reflexe von Babys ist der Greifreflex. Man traut es den Winzlingen kaum zu, wie fest sie einen Finger festhalten können! Kein Wunder, dass unsere Vorfahren diese Talente schon seit Jahrtausenden anwandten und stetig verbesserten. Begeben wir uns nun gemeinsam in das Lapidarium, eine der größten und bedeutendsten Römersteinsammlungen des Südostalpenraums, situiert im Park von Schloss Eggenberg in Graz. Hier werden wir einige knifflige Fragen entschlüsseln.

Wie bekamen antike Steinhauer selbst kolossale Steine aus dem Berg und wie transportierten sie diese an die Zielorte?

Anhand des knapp 2000 Jahre alten Grabsteins des L. Cantius Secundus im Eingangsbereich der Römersteinsammlung verfolgen wir den langen und mühsamen Weg, den dieses fein gearbeitete Prachtstück aus dem Steinbruch zu seinem Besitzer zurücklegte. Die Marmorstele ist 288 cm hoch und etwa zwei Tonnen schwer, jedoch lediglich 29 cm tief und äußerst bildreich, weswegen sie nach Erich Hudeczek zu den schönsten Grabsteinen Österreichs zählt.

Grabstele des L. Cantius Secundus, Graz- St. Leonhard, Marmor aus Gummern, 1. Jh. n. Chr. Archäologiemuseum Schloss Eggenberg, Lap.-Nr. 155, Foto: Angelika Schön

Grabstele des L. Cantius Secundus, Graz- St. Leonhard, Marmor aus Gummern, 1. Jh. n. Chr. Archäologiemuseum Schloss Eggenberg, Lap.-Nr. 155, Foto: Angelika Schön

Der römische Bürger L. Cantius Secundus lebte wahrscheinlich im Gebiet der heutigen Steiermark, in der Nähe des Municipiums Flavia Solva bei Leibnitz, und bestellte sich einen Grabstein aus dem damals überregional genutzten Steinbruch in Gummern bei Villach. Eine Strecke, für die man heute zwei Stunden mit dem Auto unterwegs ist – wohlgemerkt auf der Autobahn! Der verstaatlichte Gummener Steinbruch war in Terrassen eingeteilt, was das Heraussprengen der riesigen Quader aus dem Marmorblock erleichterte. Der Abbau erfolgte in Blockweise und mithilfe unterschiedlicher Steinmetzwerkzeuge wie Zweispitz (zweihändiges Beil) oder Fäustel (Hammer) und Schlageisen – ein metallenes Hilfsmittel zum Feuermachen –, die Archäologen vor Ort gefunden haben. Auch Spaltkeile aus Eisen oder Holz waren sehr wichtig. Eisenkeile wurden mechanisch in die Felswände getrieben, und Holzkeile wurden nach dem Einschlagen mit Wasser zum Quellen gebracht, wodurch man zunächst unförmige Blöcke gewann, die in weiterer Folge im Bergbau bearbeitet wurden.

Manche Bildhauer wie der berühmte Künstler Phidias vor 2.500 Jahren oder später Michelangelo Buonarroti im 15./16. Jahrhundert stellten ihre Skulpturen direkt am Abbaugebiet fertig. Meist jedoch schlugen Arbeiter die Blöcke vor Ort zu rechtwinkeligen Quadern. Die Handwerker verwendeten für die Feinarbeit jene Steinmetzwerkzeuge, die im Prinzip auch heute noch benutzt werden, wie etwa Holzklüpfel, Zahneisen, Spitzeisen, Stemmeisen, Scharriereisen, Meißel, Schlägel, Sägen oder Feilen.

Die etwa 2000 Jahre alten Werkzeugspuren sind an der bearbeiteten Rückseite der Cantius-Stele gut erkennbar. Die in Bahnen verlaufenden Spuren des Spitzeisens zeichnen sich deutlich ab.

Rückseite der Stele des L. Cantius Secundus, Foto: Angelika Schön

Rückseite der Stele des L. Cantius Secundus, Foto: Angelika Schön

Die Steinquader traten nun ihre Reise in die unterschiedlichsten Provinzen Roms an, und auch L. Cantius Secundus wartete schon sehnsüchtig auf seine Lieferung und ging seiner Ehefrau Cantia Bonia vermutlich mächtig auf die Nerven. In einer Rutschpartie, auch mit hölzernen Schlitten, beförderten die Arbeiter die Quader zum nächstgelegenen Transportweg. In unserem Fall war das wahrscheinlich die Drau. Auf dem Wasser, mit Flößen oder Schiffen, gestaltete sich der Transport weniger mühsam als auf der Straße. Bis Poetovio/Ptuj in Slowenien nutzte man den Wasserweg, dann wechselte man auf die befestigte Straße direkt nach Flavia Solva . Diese Wegstrecke war 242 km lang, das entsprach einer etwa drei Tage langen Reise – die reine Gehzeit entspricht rund 50 Stunden.

Fußweg-Strecke vom Steinbruch Gummern der Drau entlang bis Ptuj/Poetovio und schließlich nach Flavia Solva bei Leibnitz. Quelle: Google Maps.

Fußweg-Strecke vom Steinbruch Gummern der Drau entlang bis Ptuj/Poetovio und schließlich nach Flavia Solva bei Leibnitz. Quelle: Google Maps.

Eine andere These besagt, dass der Wasserweg der Drau genutzt wurde, bis diese in der Nähe von Legrad an der kroatisch-ungarischen Grenze in die Mur mündete, auf der man die kostbare Fracht flussaufwärts bis nach Flavia Solva steuerte, das am westlichen Murufer lag.

Am Bestimmungort angekommen, wurde der Stein mit Klüpfel, Spitz- und Zahneisen weiter bearbeitet, um zunächst die Transportschicht aus Stein abzutragen. Danach wechselte man zu feineren Werkzeugen. Immer deutlicher traten nun die Bilder von L. Cantius, seiner Frau Bonia und Tochter Boniata hervor. Das Vögelchen, das eine der zwei Dienerfiguren in Händen hält, scheint beinahe wegfliegen zu wollen! Schlussendlich erfolgte noch die Feinbearbeitung durch Polieren und Schleifen, um die Brillanz des hellen Marmors hervorzuheben. Bevor L. Cantius Secundus sein lange ersehntes Familien-Monument in Empfang nehmen konnte, wurde es zu guter Letzt farbenfroh bemalt. Ja, richtig! Die rund 2000 Jahre alten Grabmonumente erscheinen uns heute zwar recht blass und roh, doch in der Antike waren die meisten Grabsteine ausladend bunt bemalt, damit sie gebührend beachtet wurden. Die Römer positionierten ihre Gedenksteine an den großen Gräberstraßen der Städte, damit sich jeder und jede an die Verstorbenen erinnerte. Und das ist den Meisten geglückt – immerhin kennen wir noch heute manche Namen, Berufe und Familienkonstellationen, das Aussehen und die Modevorlieben der in der Antike lebenden Menschen

Nach Vitruv (de architectura libri decem, Buch 7, Kapitel 7) verwendete man die folgenden, oft auch importierten Naturfarben:  gelblich-bräunlichen Ocker, der weit verbreitet war, auch in Italien, Rötel, also rote Tonerde, weiße Kreide von der Insel Melos oder aus Lybien, goldgelbes Arsenikerz, grüne Kreide aus Smyrna u. a. Auch Ochsenblut war als Bindemittel recht beliebt.

Grabporträtmedaillon, Feldkirchen, Marmor aus Bachern, 1./ 2. Jh. n. Chr., Archäologiemuseum Schloss Eggenberg, Lap.-Nr. 224, Foto: Angelika Schön

Grabporträtmedaillon, Feldkirchen, Marmor aus Bachern, 1./ 2. Jh. n. Chr., Archäologiemuseum Schloss Eggenberg, Lap.-Nr. 224, Foto: Angelika Schön

So kam also das wunderschöne Grabmonument für L. Cantius Secundus und seine Familie zu seinem Besitzer, bis es nach Jahrhunderten in die Kirche St. Leonhard in Graz als Spolie, also als wiederverwendetes Bauteil, eingemauert wurde. Ein großes Glück, denn so blieb die Grabstele erhalten und fand ab 1818 ihren neuen Platz im Universalmuseum Joanneum.

 

Kategorie: Archäologie und Münzkabinett
Schlagworte: Aus Daidalos Werkstatt | Flavia Solva | Lapidarium | Sammlungsobjekte | Vermittlung


Folgende Beiträge sind für dich interessant:

  • Aus Daidalos Werkstatt – Antike Technik, Teil 2 Feinst gearbeitete, gewaltige Mosaike, handgeschnitzte Bernsteinperlen und reich verzierte Gürtelgarnituren aus Bronze erwarten die Besucher/innen im Archäologiemuseum. Jahrtausendealte Schätze, die von der hochentwickelten Technologie unserer Vorfahren berichten. Wie erschufen […]
  • Neue Wege in das Altertum bei der Summer School 2017 Theorie … „Neue Wege in das Altertum – Möglichkeiten der didaktischen Erschließung und Vermittlung von Antike in den Neuen Medien“: Unter diesem Motto bekamen die angehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sechs Tage lang Einblicke in die archäologische Feldarbeit, Alte […]
  • Ernüchterung nicht angebracht Als Folge von weitreichenden finanziellen Einsparungsmaßnahmen des Landes Steiermark wurde die Betreuung des Römermuseums Flavia Solva mit Personaleinsatz vor Ort mit Ende der Saison 2011 eingestellt. Um die Vermittlung, Bewahrung und wissenschaftliche Erforschung der archäologischen […]
  • Über den Frieden muss man reden Am 21. September war es im Zeughaus, im Museum für Geschichte, im Volkskundemuseum und auch im Naturkundemuseum zwischendurch ganz schön laut. Wenn die Gruppen wechselten, wenn die Brotsuppe nach einem Rezept aus der Zeit des Ersten Weltkriegs aufgegessen oder ein Streit noch nicht […]
  • Stolze Bilanz der Museumswochen der Österreichischen Lotterien: 1031 junge Menschen + 1970 Museumsbesuche! Im Füllhorn der Österreichischen Lotterien befand sich außerdem noch die Joanneumskarte Schule, mit der exakt 1031 Kinder und Jugendliche nach Lust und Laune – so oft es sich zeitlich ausgeht – alle Standorte des Joanneums in Graz, Premstätten, Stainz, Trautenfels, Alpl und Krieglach […]
  • Wenn das Kunsthaus zum Spielplatz wird Vereint durch das Interesse an Kunst und den Wunsch, eine inkludierende Ausstellung nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, fanden sich vergangenes Jahr Jugendliche zusammen, um gemeinsam mit den Kuratorinnen und Vermittlerinnen des Kunsthauses über aktuelle Themen nachzudenken. […]

Ein Gedanke zu “Aus Daidalos’ Werkstatt – Antike Technik, Teil 1

  1. Günther Nograsek

    der ” Holzklüpfel” war wohl den Holzbildhauern vorbehalten, wie soll ein Holzhammer ein Eisenmeissel in eine Steinoberfläche dringen lassen ?

    • Nina Blum

      Lieber Herr Nograsek, vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Wie ich in meinem Blog erläutert habe benutzten die Steinbildhauer die Holzklüpfel für die Feinarbeiten an den Werkstücken.
      Der Klüpfel wurde verwendet um die Energie des Schlages auf zum Beispiel Zahneisen, Spitzeisen oder Stemmeisen zu übertragen. Auch ich habe in meiner Ausbildung zur Bildhauerin Holzklüpfel für die Steinbearbeitung benutzt. Für die sehr groben Arbeiten und den Abbau wurden Fäustel (Hammer) etwa aus Eisen benutzt, also für das Abspalten großer Teile mit unterschiedlichsten Hilfsmitteln, wie Eisenkeile oder auch Stemmeisen. Auch Holzbildhauer arbeiten mit Holzklüpfel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>