15. Juli 2015 / Hannah Lackner

Anders gemacht als ursprünglich gedacht #Genauerhinsehen

Forschung | Joanneum Digital

Unser Chefrestaurator Paul-Bernhard Eipper entführt in der Blogserie "Genauer Hinsehen" in seine Arbeitswelt, um euch wissenswerte Einblicke in Restaurierungsmaßnahmen und Details zur Malerei zu geben. Die Technik der Ritzung war Thema unseres letzten Beitrages, diesmal stehen Pentimenti im Mittelp

 

Abb.1: Giuseppe Passeri (AG Inv. Nr. 966): „Maria in der Glorie mit Joachim und Anna“. Detail mit einem Pentimenti: der Flügel des Engels links zeigte ursprünglich in Richtung Blütenkranz; Foto: Paul-Bernhard Eipper

Abb.1: Giuseppe Passeri (AG Inv. Nr. 966): „Maria in der Glorie mit Joachim und Anna“. Detail mit einem Pentimenti: der Flügel des Engels links zeigte ursprünglich in Richtung Blütenkranz; Foto: Paul-Bernhard Eipper

 

Viele Geistesblitze empfangen wir erst, wenn eine Sache schon halbfertig ist. Künstlerinnen und Künstlern geht es nicht anders: Auch sie verwerfen ihre ursprüngliche Idee mitunter während des Malprozesses. Diese Korrekturen – sogenannte Pentimenti – belegen, wie Kunstschaffende mit einem Sujet ringen.

Manche Gemälde verraten auch etwas über deren Entstehungsprozess: Sie enthalten Spuren, die erkennen lassen, dass während des schöpferischen Prozesses Veränderungen am Bild vorgenommen wurden. Das können Übermalungen sein, aber auch Vorzeichnungen, die vom schlussendlichen Resultat erheblich abweichen. Diese sogenannten Pentimenti (ital. pentimento, Reue) geben interessante Einblicke in die Genese eines Gemäldes sowie den Entwicklungsprozess der Künstlerin oder des Künstlers. Sichtbar werden diese Korrekturen manchmal im Laufe der Zeit, indem Farbschichten im Zuge ihres Alterungsprozesses transparenter werden und Darunterliegendes preisgeben. Aber auch mithilfe von speziellen Untersuchungsmethoden, etwa mit Röntgenstrahlen, können Pentimenti nachgewiesen werden.

 

 

Stilmittel und Echtheitsindiz

Auch in den Sammlungen der Alten Galerie und Neuen Galerie findet man solche Momentaufnahmen des künstlerischen Arbeitsprozesses: In Giuseppe Passeris (1654–1714) Maria in der Glorie mit Joachim und Anna sehen wir, dass ein Engelsflügel überarbeitet wurde: Der Flügel des linken Engels zeigte ursprünglich in Richtung Blütenkranz. Heute erkennt man diese Überarbeitung durch eine stärkere Farbdicke. Auch unter dem Gemälde Vorschlag für eine Plastik (1966/67) von Maria Lassnig (1919–2014) befindet sich eine andere Malerei. Bevor sie das Gemälde um 180° drehte, versah sie die verworfene Partie mit dem handschriftlichen Hinweis: „rote Figur wegnehmen“. Die Übermalung erfolgte mit einer nicht ganz deckenden Farbe, sodass dieser mit Kugelschreiber notierte Hinweis heute wieder sichtbar ist. Eine Besonderheit ist Egon Schieles Stadtende/Häuserbogen III (1918): Unter der Stadtansicht liegen zwei Porträtskizzen, der Aufbau des Gemäldes bewegt sich zwischen Weiterverwendung, Pentimenti, Vorzeichnung und Übermalung. Pentimenti dienen als Echtheitsindiz, sie identifizieren Originale und entlarven Fälschungen – denn diese Markierungen gedanklicher Leistungen fehlen bei Kopien in der Regel. Kommen sie dennoch bei kopierten oder gefälschten Werken vor, belegen sie zumindest eine andere Handschrift als die des imitierten Künstlers.

 

Text: Paul-Bernhard Eipper
Bearbeitung: Hannah Lackner

unkt.

Kategorie: Forschung | Joanneum Digital
Schlagworte: | | |

Ein Gedanke zu “Anders gemacht als ursprünglich gedacht #Genauerhinsehen

  1. Lesestoff: Schlangen, Weltuntergang, Brautkleid und Hightech

    […] „Anders gemacht als ursprünglich gedacht #Genauerhinsehen“ – Joanneum, Graz (15.7.15) […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>