Evangelistensymbol Stier, Michael Pacher (Umkreis), Thomas Becket-Altar, Sonntagsseiten Um 1470/80, Foto: Universalmuseum Joanneum

Evangelistensymbol Stier, Michael Pacher (Umkreis), Thomas Becket-Altar, Sonntagsseiten Um 1470/80, Foto: Universalmuseum Joanneum

2. August 2016 / Helga Hensle-Wlasak

Die vier Evangelistensymbole, Wunder Tier Teil 9

Alte Galerie

Löwe, Stier, Adler und Mensch standen schon im frühen Christentum als Symbole für die vier Evangelisten und gehören zu den wichtigsten Motiven der mittelalterlichen Kunst. In der Alten Galerie laden zwei Werke dazu ein, sich mit diesen Wesen zu beschäftigen – ganz im Sinne unseres Schwerpunkts „Wunder Tier“!

Die vier Evangelistensymbole Löwe, Stier, Adler und Mensch haben ihren Ursprung in den biblischen Visionen des Ezechiel (Altes Testament) und des Johannes (Neues Testament). In der Offenbarung des Johannes vom geöffneten Himmel (Apk 4,1–11) sah der Evangelist den Thron des Allmächtigen umgeben von vier geheimnisvollen Lebewesen mit je sechs Flügel. Erstmals wurde diese Bildidee in römischen Mosaiken umgesetzt. Die endgültige und heute geläufige Zuordnung der Symbole an die Evangelisten geht auf den Kirchenvater Hieronymus im 4. Jh. zurück: der Löwe steht für Markus, der Stier für Lukas, der Adler für Johannes und der Mensch für Matthäus; aufgrund der Flügel wird er häufig als Engel bezeichnet. Hieronymus legte auch die chronologische Reihenfolge der Evangelien im Neuen Testament fest.

Tiere mit menschlichen Zügen

Die Symbole treten seit dem Mittelalter in bestimmten Fällen auch alleine als Ersatz für die Evangelisten auf und werden durch Buch oder Schriftrolle als solche eindeutig charakterisiert. Ein Beispiel dafür sind die kleinen Tafeln eines Flügelaltares aus dem Umkreis des Südtiroler Malers Michael Pacher in der Alten Galerie (Inv.-Nrn. 326, 327, um 1470/80). Auf den goldverzierten Sonntagsseiten ruhen der Stier und der Löwe als Vertreter für Lukas und Markus majestätisch auf einem Wiesengrund. Sie sind für die Bildfläche überdimensional proportioniert und kompositionell auf einander abgestimmt. Ebenso werden ursprünglich auf weiteren Flügeln der Mensch und der Adler vorhanden gewesen sein. Die Tiere beeindrucken durch ihre plastische, der Natur nachempfundenen Gestaltung. Nur ihr Blick ist eigenartig vermenschlicht – ein durchaus beabsichtigter Eindruck, der beim Markus-Löwen durch die gelockten Haupt- und Barthaare noch intensiviert wird. Die aufgeschlagenen Bücher sind bis ins kleinste Detail genau wiedergegeben und weisen auf die Bedeutung der Worte der Evangelien hin.

Evangelistensymbol Löwe, Michael Pacher (Umkreis), Thomas Becket-Altar, Sonntagsseiten Um 1470/80, Foto: Universalmuseum Joanneum

Evangelistensymbol Löwe, Michael Pacher (Umkreis), Thomas Becket-Altar, Sonntagsseiten
Um 1470/80, Foto: Universalmuseum Joanneum

4 in 1: Evangelienharmonie

Die Zahl Vier wurde seit dem frühen Christentum als Zahl der Weltordnung betrachtet: Es gibt vier Himmelsrichtungen, vier Winde, vier Temperamente, vier Säulen der Kirche und vieles mehr. Auch die Vierzahl der Evangelisten wurde in dieses symbolische Zahlensystem eingebunden. So wurden als Zeichen für die vier bedeutsamsten Stationen im Leben Christi häufig die vier Evangelistensymbole um den Gekreuzigten gruppiert. Darin äußert sich der theologische Gedanke der „Evangelienharmonie“, also der Einheit der vier Evangelien in Christus.

Ein frühes Beispiel für ein derartiges Harmoniebild ist das romanische Vortragekreuz aus Pöls (Inv.-Nr. P 1, Messingguss, um 1180), das als ältestes Objekt der Sammlung in der Alten Galerie ausgestellt ist. Die vier Wesen sind in den quadratischen Feldern am Ende der Kreuzbalken eingefügt. Sie sind streng stilisiert und Teil eines ausgereiften Figurenprogrammes, das am sogenannten Lebensbaum (Arbor vitae) die Erfüllung des christlichen Heilsplanes widerspiegelt:

Vortragekreuz aus Pöls mit Evangelistensymbolen, Süddeutsch (?), um 1180, Foto: Universalmuseum Joanneum

Vortragekreuz aus Pöls mit Evangelistensymbolen, Süddeutsch (?), um 1180, Foto: Universalmuseum Joanneum

Der auf Matthäus bezogene Mensch am unteren Kreuzende verweist auf das erste große Ereignis, die Inkarnation (Menschwerdung) Christi. Der Stier am rechten Balken ist im jüdischen Glauben ein wichtiges Opfertier und wird gedanklich mit dem Opfertod Christi in Verbindung gesetzt. Der Löwe auf der linken Seite ist dank seiner Stärke und Macht zum Sinnbild für den auferstandenen und siegreichen Christus geworden. Der Adler am oberen Ende gehört mit seiner großen Spannweite zu den majestätischen Symbolen der Liebe Gottes und des Himmelreiches, in das Christus aufgenommen wird; dort erscheint noch zusätzlich die segnende Hand Gottes.

 

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Kategorie: Alte Galerie
Schlagworte: Evangelisten | Tiere im Museum | Wunder Tier


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