Roman Osminkin, Putsch (After D. A. Prigov), 2018 Photo: Jasper Kettner

29. Oktober 2018 / Barbara Steiner

„Congo Stars“ im Kunsthaus, „Volksfronten“ beim steirischen herbst und Hrdlicka/Martinz in der Neuen Galerie Graz

Kunsthaus Graz

Auf den ersten Blick scheinen Congo Stars im Kunsthaus, Hrdlicka/Martinz in der Neuen Galerie und die Volksfronten des steirischen herbsts weit auseinanderzuliegen. Auf den zweiten Blick lassen sich erstaunliche Querverbindungen herstellen.

Aufforderung zum Misstrauen“, Titel der Ausstellung mit Werken von Alfred Hrdlicka und Fritz Martinz und einer von Otto Breicha und Gerhard Fritsch herausgegebenen Anthologie über Literatur, bildende Kunst und Musik in Österreich seit 1945, kann gewissermaßen als Motto für alle drei Unternehmungen gelten: Misstrauen gegenüber politischer Einverleibung, Wachsamkeit und Protest gegenüber autoritären Strukturen. Auch zeigen alle drei ein Interesse an künstlerischen Formen des Widerstands.

Aufforderung zum Misstrauen

Hrdlicka und Martinz haben den Zweiten Weltkrieg und die Herrschaft der Nationalsozialisten erlebt, wurden später zu überzeugten Antifaschisten und erlebten die gesellschaftlichen Umbrüche 1968 aktiv mit. In und mithilfe ihrer Kunst arbeiteten sie sich an den Traumata des Weltkrieges ab, thematisierten in ihren Malereien, Zeichnungen und Skulpturen immer wieder Gewalt, Grausamkeit und Machtmissbrauch. Kunst war dabei ein Mittel, um einer politischen Haltung des Protests gegenüber lähmenden gesellschaftlichen Verhältnissen, Unterdrückung und Gängelung Ausdruck zu verleihen und entgegenzutreten. Von hier lässt sich eine Verbindung zu „Congo Stars“ herstellen.

„Congo Stars“ und „Volksfronten“

Kongolesische Künstler/innen formulierten seit den 1960er-Jahren Kritik an autokratischen und ausbeuterischen Regimen, von der belgischen Kolonialherrschaft bis hin zu den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Es ist in erster Linie die Malerei, die ad hoc über Korruption, Gewalt und Ausbeutung berichtet. Erst in den letzten Jahren sind andere Formen des künstlerischen Ausdrucks dazugekommen. Von Hrdlicka und Martinz kann man auch buchstäblich eine Linie zu „Volksfronten“, zu den antifaschistischen Bündnissen der 1930er-Jahre ziehen. Doch dies allein wäre zu kurz gegriffen: Denn das Festivalmotto Volksfronten setzt bewusst auf einen Plural und auf höchst unterschiedliche historische Kontexte: Zu den antifaschistischen Widerstandsbewegungen gesellen sich – namensgleich – eine rechtsextreme nationalistische Gruppierung in den USA und eine ironische Bezeichnung für repräsentative Fassaden in der DDR.

Veränderte Formen des Protests

Man sieht an dieser Konstellation von steirischem herbst, Neuer Galerie und Kunsthaus Graz vor allem sehr gut, wie sich Formen des Protests in den letzten Jahrzehnten verändert haben: Während bei Hrdlicka und Martinz noch klar ein (faschistischer) Gegner ausgemacht werden kann, dem man ebenso klar begegnen konnte („Nie wieder Faschismus!“), sieht sich der steirische herbst heute mit „kollabierenden politischen Dichotomien der Gegenwart“ (Pressemitteilung) konfrontiert. Konsequent werden den Anliegen innewohnende Widersprüche nicht ausgeblendet, sondern geradezu lustvoll ins Feld geführt. Ähnliche Verschiebungen von eindeutig identifizier- und klar benennbaren Gegnern hin zu multiplen Verstrickungen, inklusive eigener Komplizenschaft, kann man in der kongolesischen „Peinture Populaire“ beobachten. Der politische Protest geht Hand in Hand mit spirituellen oder alltäglichen Darstellungen und einer großen Portion Hedonismus (Vergnügen, Lust und Sinnlichkeit), der in den Bildern ebenfalls zum Ausdruck kommt.

Bei den drei hier angeführten Unternehmungen lohnt sich also vor allem eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formulierungen dessen, was künstlerischer Protest war und sein kann, auf welche Weise, in welchen Medien er sich artikuliert und wie mit vergangenen und gegenwärtigen Ideologisierungen umgegangen werden kann.

Kategorie: Kunsthaus Graz
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