"Free Shop" in "Das Gramm", Foto: Das Gramm

7. November 2018 / Katrin Bucher Trantow

„Womit habe ich das verdient?“

Kunsthaus Graz

Als der LKH-Krankenhausseelsorger Mitte September beim Augenoptiker Kurt Otter seine Kontaktlinsenflüssigkeit einkauft, bekommt er sie zu seiner großen Überraschung geschenkt. Geradezu geschockt und etwas peinlich berührt kauft er das Gleiche gleich noch einmal und betont, dass er sich dieses zweite Produkt nicht auch noch schenken lassen kann.

Ebenso reagiert die nette Kundin, die zum ersten Mal im verpackungsfreien Lebensmittelgeschäft „Das Gramm“ am Franziskanerplatz einkauft. Auch sie fühlt sich geradezu unverdient auserwählt, als ihr von Christl, der Verkäuferin, beim Abschluss ihres „Einkaufs“ alles geschenkt wird. Sie betont mehrmals, das allererste Mal da zu sein und daher eine solche Geste nicht zu verdienen.

Doch was heißt hier „verdienen“? Kann man sich ein Geschenk verdienen? Wenn ja, ist es dann überhaupt noch ein Geschenk? Nicht eher ein Tausch?

Auch der Herr und die Dame, die sich bei Boris Jahn im „Hausfrauenpalast“ die Haare schneiden lassen, werden überrascht und bekommen die sonst nur mit Geld zu bezahlenden Leistungen absolut umsonst. Vielleicht ist auch das mit ein Grund, warum der Kunde dann am Foto etwas verschämt die Sonnenbrille trägt?

Free Shop

Das Kunstprojekt Free Shop von SUPERFLEX, das im September in unterschiedlichen Grazer Geschäften und Betrieben stattgefunden hat, widersetzte sich listig und feinsinnig der kulturellen Logik von „Leistung gegen Wert“ bzw. „Wert gegen Leistung“ und wandte sich in ganz direkten Gesten einer der Grundfesten unseres kulturellen Umgangs zu.

Die meisten der Einkäufer/innen die mit dem Free Shop überrascht wurden, reagierten mit Freude. In der „Mohrenapotheke“ etwa war man ebenso herzlich erfreut wie bei „carla“, ja auch beim „Spar“ freuten sich die nach Zufallsprinzip ausgewählten Kundinnen und Kunden – es wurde eine bestimmte Uhrzeit festgelegt und wer dann als Erste/r etwas kaufte, wurde beschenkt – einfach sehr darüber, einmal Glück gehabt zu haben. Manche sagten, dass das ihren Tag wirklich verschönere, andere bedankten sich einfach und wieder andere reagierten ungläubig-staunend. So wie etwa der nette Herr, der im Restaurant Bakaliko seinen Augen nicht traute, als auf dem Kassabon zum Schluss wirklich „0 Euro“ stand.

Free Shop – Wie bitte!

24 Mal gratis einkaufen mit SUPERFLEX

Nur bei zwei der insgesamt 24 „freien Einkäufe“ im Rahmen von Free Shop reagierten die Kaufenden ein klein wenig anders: Eine Dame feierte gerade im griechischen Restaurant „Bakaliko“ am Lendplatz ihren Geburtstag. Sie freute sich, dass man dort scheinbar so freundlich auf den festlichen Anlass reagierte, war aber vielleicht dann doch eine Spur weniger fassungslos als die anderen. Ein wenig verdient hatte sie es ja irgendwie schon…

Eine Reaktion war hingegen wirklich unerwartet, sagt aber umso mehr über die Dynamiken des Marktes aus: Wieder im „Gramm“ kauften zwei Teenager eine Jause ein, die sie dann geschenkt bekamen. Statt sich zu freuen, waren sie enttäuscht und fast ein wenig verärgert, als sie die Rechnung mit der Summe von 0.- € vor sich sahen. Sie waren enttäuscht, dass ihnen nicht vor ihrem Einkauf gesagt wurde, dass es heute umsonst sein werde, denn dann hätten sie „verständlicherweise mehr eingekauft“.

So seltsam diese Reaktion auf den ersten Blick erscheint, so ist sie in der ökonomischen Erfahrung des jugendlichen Alltags auch wieder verständlich. Wenn heute gerade in Schulen immer wieder Produkte getestet und „gratis“ beworben werden, sehen sich die Teenager wohl selbst als „target group“, die immer mal wieder vom Markt (real oder virtuell) etwas zugesteckt bekommen und (unauffällig) getestet werden. Und wenn man schon Markt-Tester/in ist, dann so, dass man dabei satt wird?

Doch mit einem solchen Marketing-Test hat das Projekt wenig zu tun, mit einem Lesen von Reaktionen auf das Unerwartete hingegen schon.

12 Geschäfte und die Zufallsgeschenke

Fast unglaublich fanden es anfangs auch die angesprochenen Geschäftsinhaber/innen, wenn sie darauf angesprochen wurden, ob sie mit uns zusammen ein Geheimnis und eine nicht zielgerichtete Schenkung für eine Zufallskundin bzw. einen Zufallskunden machen würden. Oft staunten sie zu Beginn des Gesprächs erst einmal, dann folgte ein leises Grinsen und zuletzt überwog der Spaß am Aushecken einer gemeinsamen Sache, die allen Beteiligten eine Überraschung bieten würde: den Geschäftsleuten, die sich in der Regel sehr auf den Augenblick der Überraschung freuten, den Kundinnen und Kunden, aber auch der Kunstinstitution, die sich mutig darauf einließ, ein Zufallsgeschenk aus dem Budget des Kunstprojektes zu bezahlen.

Von den 13 angesprochenen Geschäften hat nur eines mit zweifelndem Unverständnis reagiert und das Projekt für eine Schnapsidee gehalten. Alle anderen waren begeistert, haben mich und die Idee an Freundinnen und Freunde weiterempfohlen. Und zwar fast alle deswegen, weil sie der gängigen Praxis „von Bezahlung gegen Leistung“ gern gemeinsam mal ein Schnippchen schlagen wollten. Oder einfach, weil sie sich darauf freuten, dass sie jemandem eine Freude machen dürfen.

Ein bisschen wie verfrühtes Weihnachten“, sagte mir Tanja von „Off-Line“.

Schön.

Danke, SUPERFLEX!

Danke!

Das Projekt Free Shop der Künstlerguppe Superflex konnte dank vieler Menschen und Geschäfte einen ganzen Monat lang aktiv sein. Danke an alle, die beim Free Shop mitmachten, fotografierten, Rechnungen aufhoben, mit uns paktierten, schwiegen, aber auch sich überraschen und fotografieren ließen!

Dank an die Partner/innen des Projektes: Hausfrauenpalast mit Boris Jahn, Bar Café Noël mit Michael Pirker, Samen Köller mit Gabi Medan, Der Augenoptiker mit Kurt und Birgit Otter, Bakaliko mit Evangelia Papanagiotou und Tino Ziampras, Mohrenapotheke mit Christian Müller, Das Gramm mit Verena Kassar, carla Lindengasse mit Peter Wagner und Frau Pable, Spar/Caritas mit Peter Wagner und Frau Seewald, Handyshop mit Gülsen Baynar.

 

Lesen Sie auch Free Shop-Teil 1, von Katrin Bucher Trantow

Freier Handel? 

 

Mehr zu diesem Kunstprojekt erfahren Sie hier

Free Shop, SUPERFLEX

Kategorie: Kunsthaus Graz
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