Der Kultwagen von Strettweg, Foto: UMJ

12. Februar 2013 / Barbara Ertl-Leitgeb

Wertvolles Original und meisterhafte Kopie

Konservieren & Restaurieren

Das Münchner Residenzmuseum hat 2013 in Kooperation mit den Kulturkonsorten wieder zu einer Blogparade geladen. Unter dem Motto "Der Blick hinter die Kulisse - unser Arbeitsalltag" sind Kulturinstitutionen aufgerufen, Einblicke in ihre Arbeitswelt zu geben und Menschen, die sich für Kunst und Kultur interessieren, spannende Infos und Geschichten abseits des normalen Ausstellungsbetriebes zu liefern. Eine tolle Idee!

Eine tolle Idee, und daher war es für uns selbstverständlich, nach 2012 auch heuer wieder an der Blogparade teilzunehmen. Inhaltlich befasen wir uns einmal mehr mit dem Strettweger Kultwagen und rücken jenen Mann in den Mittelpunkt, der bereits 1974 mit dem kostbaren Objekt zu tun hatte: Klaus Gowald, Chefrestaurator der Abteilung Archäologie und Münzkabinett.

Einzigartiger Kultwagen von Strettweg

Der weltweit einzigartige Kultwagen von Strettweg ist das Prunkstück des Archäologiemuseums am Universalmuseum Joanneum. Das Meisterwerk eisenzeitlichen Kunsthandwerks stammt aus einem außergewöhnlich reich ausgestatteten Fürstengrab (6. Jh. v. Chr.) aus dem Ort Strettweg in der Nähe von Judenburg/Steiermark. Gefertigt wurde es bereits im 7. Jh. v. Chr.
 

Der Kultwagen von Strettweg, Foto: UMJ

Im vergangenen Jahr war der Strettweger Kultwagen auf eine Reise nach London gegangen: Er war in der Ausstellung Bronze in der renommierten

Royal Academy of Arts zu sehen. Jetzt ist er wieder zurückgekehrt. In der Zwischenzeit nahm eine täuschend ähnlich aussehende Replik den Platz des kostbaren Sammlungsobjekts in Graz ein.

Täuschend echte Kopien von wertvollen Originalen

Derartige Kopien von kostbaren Originalen zu erstellen ist ein komplexer Arbeitsprozess, der viel Fingerspitzengefühl erfordert. Wie Fachleute das machen, hat uns Klaus Gowald, Chefrestaurator des Archäologiemuseums und bereits seit 1972 als Restaurator im Universalmuseum tätig ist, verraten. Er hat unseren FRANs und mir einen Blick hinter die Kulissen gewährt und gezeigt, wie Profis arbeiten.

Übrigens hat auch Monika Meurer die Gelegenheit beim Schopf gepackt und einen Beitrag zum Werkstatt-Besuch verfasst, der ebenfalls im Rahmen der Kultur-Blogparade des Residenzmuseums erschien. 

Um eine Kopie eines Originals anzufertigen bedarf es vieler Schritte im Vorfeld. Ganz zu Beginn steht die Bergung des Objektes, das oftmals nicht in einem „Stück“ erhalten ist. Die anschließende Rekonstruktion benötigt viel Zeit und Kenntnis über das geschichtliche Umfeld des Objektes. Sie legt den Grundstein für eine dem Original entsprechende Präsentation.

Klaus Gowald erklärt die Rekonstruktion einer antiken Keramik aus gefundenen Scherben, Foto: UMJ

Dann wird gefräst, geschliffen und poliert. Die Oberfläche wird mit  Ultraschallmeißel und selbstkreierten Handwerkzeugen in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt.
 

Aber nicht nur originale Objekte finden ihren Platz in die Ausstellung. Manchmal ist es auch notwendig, Kopien als Platzhalter für Originale in der Ausstellung zu zeigen.

Klaus Gowald war 1974 mit dabei, als das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz eine Kopie des Kultwagens von Strettweg wünschte. Dabei wurde das Original zerlegt und die einzelnen Figuren abgeformt. Im Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz wurde der „echte“ Kultwagen schließlich bis 2009 auch umfassend restauriert. Dabei wurde eine Ende des 19. Jahrhunderts angebrachte Verlängerung rückgebaut, die Figuren richtig angeordnet, die Oberfläche gereinigt und der teilweise fehlende Unterbau des Wagens mithilfe von Kohlefasern rekonstruiert. Bei einem Versicherungswert von 50 Millionen Euro wurde dabei natürlich auf professionelle und sorgfältigste Weise vorgegangen. Bei den Arbeiten von 1974 entstand auch die Kopie einer weiblichen Einzelfigur, die Klaus Gowald beinahe 40 Jahre lang sorgsam im Archäologiemuseum aufbewahrt hat.

 

Kopie einer Einzelfigur aus dem Kultwagen von Strettweg, Foto: Klaus Gowald

Ausgehend von dieser Positiv-Form werden am 13. 2. 2013 am „Tag der offenen Tür“ im Archäologiemuseum weitere Abgüsse gefertigt und für einen guten Zweck versteigert werden.  Dabei wird quasi der Arbeitsprozess von 1974 an der Kopie der Einzelfigur nochmals wiederholt.

 

Kopie einer Einzelfigur von 1974 und die aufgeklappte Gussform, Foto: UMJ

Vom Original zur Kopie

Für die Erstellung der Gussform ist es zunächst notwendig, einen halben Abdruck der Figur aus Wachs abzunehmen.
 

Modellierung aus Wachs, Foto: Klaus Gowald
Einbau des halben Wachsabdrucks in einen Kasten, Foto: Klaus Gowald

Diese halbe negative Form wird in eine Kastenform eingebaut. Danach wird sie mit Silikon-Kautschuk abgegossen.

 

Eingießen von Silikon-Kautschuk, Foto: Klaus Gowald

Als nächster Schritt wird das Wachs wieder abgenommen.

 

Entfernung vom Wachs, Foto: Klaus Gowald

Dasselbe passiert auch mit der anderen Hälfte der Figur, um das passende Gegenstück dazu zu erhalten.<

Anfertigung der Gegenform, Foto: Klaus Gowald
Form und Gegenform aus Silikon-Kautschuk, Foto: Klaus Gowald

Sobald die beiden Hälften der Form fertig sind, werden sie aneinandergefügt und fixiert. Jetzt kann das Eisen erhitzt werden und mit dem Gießen begonnen werden.

Am Tag der offenen Tür wird Zinn bei ca. 200 Grad in die Form eingegossen werden. Relativ bald können die beiden Hälften der Form auseinander genommen werden. Die erhaltene Figur ist dann bereits beinahe fertig. Nahtstellen und Details werden danach noch nachbearbeitet.

 

Kopie der Originalfigur und Bleiabguss, Foto: UMJ

Mit Präzision und ruhiger Hand führt Klaus Gowald mit seiner rund 40-jährigen Berufserfahrung alle Arbeitsschritte durch. Die Freude daran ist ihm dabei ins Gesicht geschrieben. Noch dieses Jahr wird er in den Ruhestand gehen. Das Sammeln von alten reizvollen Dingen und die kunstvolle, händische Bearbeitung von Steinen und Metallen wird er künftig im privaten Bereich mit viel Begeisterung weiterpflegen.

Kategorie: Konservieren & Restaurieren
Schlagworte: Sammlungsobjekte | Strettweger Wagen


Folgende Beiträge sind für dich interessant:

  • Das Totenbildnis Kaiser Maximilians I.: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse  Totenbildnis Kaiser Maximilians I., Anonymer Meister (Monogrammist A. A. ?), datiert 1519, Tempera auf Papier, 43 cm x 28,4 cm, Vermächtnis Richard Knabl, Graz 1874 Foto: © NTK 2012 Univ.Prof. DI Dr. M. Schreiner, Normallicht Es vermittelt auf ergreifende Weise das […]
  • Hochwirksam ohne Pestizide: Stickstoff befreit Kunstwerke von Schädlingen Es verbleiben anschließend keine für Museumsmitarbeiter/innen oder Besucher/innen gesundheitsgefährdenden Rückstände auf den Objekten, welche auf lange Sicht nicht nur für den Menschen schädlich sind, sondern auch zu einem schnelleren Verfall der Objekte beitragen können. Aus […]
  • Neue Fundstücke im Rosegger-Museum Krieglach zu sehen! Zwei alte Reisetruhen, die wir auf dem Dachboden des Rosegger-Museums entdeckt haben, inspirierten uns dazu, die bestehende Ausstellung thematisch zu erweitern: Die offensichtlich intensiv genutzten Truhen erinnern an die rege Reisetätigkeit Roseggers, auf die nun in einem eigenen Raum […]
  • Die Schuhe der Stars im Rosegger-Museum Rosegger, die Beatles und die Stones haben sie ebenso getragen wie die imperialen Sturmtruppen aus „Star Wars“, Letztere selbstverständlich in Weiß: Chelsea-Boots. Heute werden diese klassischen Stiefeletten von modebewussten Damen und Herren wieder öfter getragen, und auch im Reitsport […]
  • Eine Stilikone für das Joanneum – Eine „Frankfurter Küche“ in der Kulturhistorischen Sammlung Heute am Blog: #title# #url#Die österreichische Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky (1897–2000) hat die Frankfurter Küche als „Labor einer Hausfrau“ für die Wohnungen des von Ernst May initiierten Bauprojektes „Neues Frankfurt“ entworfen – eine Stilikone des frühen 20. Jahrhunderts – […]
  • Forschen und Bewahren im Studien- und Sammlungszentrum Im Studien- und Sammlungszentrum des Universalmuseums Joanneum befinden sich auf 3.796 m² rund eine Millionen Tierobjekte. Der Tierpräparator Martin Unruh hütet diese naturkundlichen Schätze, von denen viele Seltenheitswert haben. Ausgestorbene Tiere wie der Riesenalk und seltene […]

Ein Gedanke zu “Wertvolles Original und meisterhafte Kopie

  1. Universalmuseum Joanneum

    Bitte, gerne. Und danke für eure kreativen Blogparade-Ideen.
    Liebe Grüße aus dem tief verschneiten Graz!

  2. T. Praske

    Liebes Joanneum,

    ein dickes Dankeschön für diesen wunderbaren Beitrag zur #KBlogparade2013! Klasse, dass ihr erneut mitmacht!
    Für den morgigen “Tag der offenen Tür” wünschen wir Euch viele interessierte Besucher und eine berstende Geldbörse nach der Versteigerung der Kopien des Kultwagens, damit ihr auch weiterhin tolle Projekte umsetzt.
    Der geschilderte Prozess vom wertvollen Original zur meisterhaften Kopie gefällt uns außerordentlich gut. Macht weiter so!
    Verschneite Grüße aus München

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>