Grabstein des “Nikla aus der Sporerstrass”, um 1370

7. Februar 2013 / Ulrich Becker

Steine erzählen Geschichte

Forschung

"Kulturgeschichte muss keine staubtrockene Angelegenheit sein", meint Ulrich Becker, langjähriger Leiter (2004-2011) und Chefkurator (ab 2011) der Alten Galerie, der die wissenschaftliche Aufbereitung der dortigen Bestände von Malerei und Skulptur vom Mittelalter bis in die Barockzeit erfolgreich vorangetrieben hat und nun mit 1. Februar 2013 in die Abteilung "Kulturgeschichte" (Museum im Palais & Landeszeughaus) wechselt, um als Sammlungskurator seine Expertise zukünftig in die wissenschaftliche Aufarbeitung der Kulturhistorischen Sammlung einzubringen.

Diesmal weiß er zu berichten: Alle, die im „Lesliehof“, dem alten Stammhaus des Joanneums, dienstlich zu tun haben oder auch nur als Besucher/innen den schönen Arkadenhof anschauen möchten, sind unweigerlich an ihnen vorbeigegangen, den über 20 historischen Grab- und  Gedenksteinen mit ihren wortreichen Inschriften und prächtigen Wappen, die in die Wand der Erdgeschossarkaden eingelassen sind. Sie scheinen ganz natürlich zum Haus zu gehören, obwohl sie mit dem Gebäude nichts zu tun haben.

Solche Überbleibsel der Geschichte, im Fachjargon Spolien genannt, stehen meist im Schatten der Schausammlungen bzw. Ausstellungen. Doch spricht auch aus ihnen der wohl wichtigste Beweggrund für die Gründung von Museen überhaupt, die Bewahrung von historischem Kulturgut vor Verlust. Anlässe dafür gibt es genug: Bilderstürme und Kriegszerstörungen, vor allem aber die unersättliche Erneuerungswut, wie sie besonders in von Wohlstand und Wachstum bestimmten Zeiten auftaucht. Die Jahrhundertwende war eine solche Ära. War ein Haus nicht mehr modern und wohnlich genug, oder stand es gar einer Straßenverbreiterung im Wege, wurde es niedergelegt, in Graz wie in vielen anderen Städten auch.

Nur selten dürften sie eines eingehenden Blickes gewürdigt worden sein. Ganz sicher dürfte das aber für die drei Hasen vom Grabstein des Grazer Kaufmanns „Nikla aus der Sporerstrass“ gelten.

 

Grabstein des “Nikla aus der Sporerstrass”, um 1370

Von den deutschen Gästen mag der eine oder andere das Motiv wiedererkennen: In einem Fenster im Kreuzgang des Domes von Paderborn (Nordrhein-Westfalen), dem „Hasenfenster“, gibt es eine sehr ähnliche Darstellung: Der Hasen und der Löffel drei, und doch hat jeder Hase zwei.

Schon einmal eine über 500 Jahre alte Brezel gesehen? Mit sichtlichem Stolz auf sein handwerkliches Können hat sie ein gewisser Friedrich, Hofbäcker Kaiser Friedrichs III., an seinem (heute längst abgerissenen) Haus als Zeichen einmeißeln lassen. Wenigstens diese Brezel ist geblieben und fand ihre neue Auslage im Hof des Joanneums – jedem Haltbarkeitsdatum trotzend.

 

Gedenkstein des Hofbäckers Friedrich, 1509

Viele Spolien im Lesliehof sind durch ihre Inschriften als Grabdenkmäler (Epitaphien) zu erkennen. Eine Reihe von ihnen stammt vom alten Friedhof  St. Ägyd, der die alte Hofkirche der innerösterreichischen Regenten, den heutigen Dom, an der Nordseite umgab. Aus hygienischen Gründen wurde der Friedhof unter Joseph II. aufgelassen, die Mauer beseitigt und die Kirche in der Weise freigelegt, wie wir es heute gewohnt sind. Zunächst achtlos beiseite geschafft, fanden die Steine eine neue Heimstatt im Hof des noch jungen Joanneums. Der „Lesliehof“ erinnert ohnehin an einen Kreuzgang – seine ursprüngliche Bestimmung als Residenz des Stiftes St. Lambrecht mag ein Übriges dazu beigetragen haben, den Grabsteinen ein quasi-natürliches Heimatrecht einzuräumen.

Bei Grabdenkmälern denkt man zumeist an hohe Herren, Adels- und Patriziergeschlechter, wie sie die Landstände beherrschten und hohe Ämter bekleideten. Als vermögende Hammer- bzw. Grundherren bestimmten sie die heimische Wirtschaft. Aber auch ihre Epitaphien waren trotz klingender Namen und prächtiger Wappen nicht vor dem Wandel des Zeitgeschmacks gefeit: Der Gedenkstein für Wilhelm von Rottal d. Ä., ein besonders schönes Zeugnis der steirischen Renaissance, wurde aus der Grazer Stadtpfarrkirche entfernt und im Hof des Joanneums eingelassen. Der Grabherr, als wehrhafter Adeliger mit Wappenbanner stolz kniend, gehörte einer oststeirischen Familie an, die schon unter Kaiser Maximilian I. Karriere gemacht hatte. Dem „letzten Ritter“ auf dem Kaiserthron des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ hatte nämlich Jörg Rottal, Freiherr zu Thalberg, als Finanzrat in den zu Habsburg gelangten Niederlanden gedient, sicher nicht zu seinem wirtschaftlichen Nachteil. An ihn erinnert eines der schönsten gotischen Tafelbilder des Landes, die „Madonna des Jörg Rottal“ (1505) in der Schausammlung der Alten Galerie.

 

Gedenkstein für Wilhelm von Rottal d. Ä. und Ehefrauen

Bewegte Zeiten, auch für die Steiermark. Eines der unscheinbarsten Denkmäler, der ebenfalls aus der Grazer Stadtpfarrkirche stammende Grabstein für den „Königlichen Rat und Landesverweser“ Wilhelm Schrott von Kindberg (gest. 1527) zeugt von einer der größten Krisen der Landesgeschichte, die ausgerechnet mit einem Ort zu tun hat, auf den heute die Sportwelt schaut: Schladming. Die obersteirische Stadt am Wege nach Salzburg war in jener Zeit Zentrum einer Bauernrevolte, in deren Verlauf zeitweise sogar der steirische Landeshauptmann, Siegmund von Dietrichstein, in die Gewalt der Aufständischen geriet. Wilhelm Schrott koordinierte im Auftrag König Ferdinands I. die Gegenmaßnahmen, und das zu einer Zeit, in der eine großangelegte osmanische Offensive auf Wien zielte. Wahrlich bewegte Zeiten.

 

Grabstein für Wilhelm Schrott von Kindberg und Ehefrauen

Nicht weniger bewegt war das Leben eines anderen Adligen, der militär- aber auch sozialgeschichtlich von Bedeutung ist: Franz von Teuffenbach. Der kaiserliche Kriegsrat nahm am Feldzug Karls V. gegen Tunis 1535 teil und stiftete in Schloss Sauerbrunn bei Judenburg ein Spital, sicherlich die Not des Krieges vor Augen und sichtlich bemüht um sein Seelenheil. Aus Sauerbrunn stammt auch unser sorgfältig gemeißelter Wappenstein. An Teuffenbachs militärische Vergangenheit erinnert der rhombenförmige Verdienstorden mit der Aufschrift BARBARIA (=„Berberei“, also Nordafrika), den ihm sein dankbarer Kaiser verlieh. An das blutige Tunis-Abenteuer erinnert außerdem einer der bedeutendsten Historienzyklen der nordeuropäischen Renaissance, die Kartons (Vorzeichnungen) für eine Teppichserie, die der Niederländer Jan Cornelisz Vermeyen anfertigte. Die riesigen Zeichnungen gehen auf Skizzen zurück, die der Künstler vor Tunis anfertigte und verblüffen mit ihrer hohen künstlerischen Qualität noch heute. Sie gehören zu den Schätzen des KHM in Wien. Teuffenbach ließ sich mit seinem Orden auch nach Art eines Fürsten ganzfigurig malen, eine alte Kopie dieses Porträts befindet sich im Joanneum.

Gedenkstein für Franz von Teuffenbach und Beatrix Schrott von Kindberg

Waren die Zeiten so bewegt und bedrohlich, musste etwas für den Schutz von Stadt und Land getan werden, wie allein eines der bekanntesten Grazer Denkmäler beweist: das Landeszeughaus. Für die Verteidigungsfähigkeit der Stadt engagierte sich Bürgermeister Hans Marchart (gest. 1559). Sein Grabstein, ebenfalls vom alten Domfriedhof stammend, bezeugt, dass er für die Finanzierung der Stadtbefestigung („Stadtbasteien“) zu sorgen hatte, eine bitter notwendige Maßnahme, die nach dem neuesten Stand der Wehrtechnik jener Zeit vorgenommen wurde, als Bastionärsystem italienischen Stils. Von einer solchen Bastion stammt auch der steirische Panther (1547) an der Durchfahrt zur Raubergasse, der die Souveränität des Landes Richtung Feind demonstrierte. Die allseitigen Feuerstöße des Wappentieres kommentieren nicht zuletzt die Wirkung der Festungsartillerie – auf ihre ganz besondere steirische Weise.

 

Grabstein für Hans Marchart und seine Ehefrau
Steirischer Panther von der Grillbüchelbastei

Die Höfe jener Zeit sind eine Vorform unseres modernen Verwaltungs- bzw. Dienstnehmersystems. Nicht umsonst ist die Grazer Burg auch in demokratischen Zeiten Amtssitz des Landeshauptmannes. Solche Dienstnehmer, oft bürgerlicher Herkunft, finden sich ebenfalls unter jenen, die in der Nähe ihres Dienstortes, auf dem Friedhof der Hofkirche, ihre letzte Ruhestätte fanden: der Leibtrabant Erzherzog Karls II., Christoph Neidhart, (gest. 1591), der zum Beten seine Hellebarde abgestellt hat, oder die Kammerdiener Hans Flosmann (gest. 1625) und Balthasar Khemerer (gest. 1619)

 

Grabstein für Christoph Neidhardt, Leibtrabant Erzherzog Karls II. und seine Ehefrauen
Grabstein für Hans Flosmann, Kammerdiener Erzherzog Ferdinands
Grabstein für Balthasar Khemerer, Kammerdiener Erzherzog Ferdinands

Gasthäuser sind seit alters her Kommunikationszentren, auch in digitalen Zeiten. Umso mehr gilt das für die Vergangenheit. Graz hat nicht nur eine imponierende Adels- und Kirchengeschichte aufzuweisen, es verfügt auch über eine respektable Gasthausgeschichte. Wie kaum eine andere Berufsgruppe konnten Wirte von sich sagen, „am Puls der Zeit“ zu sein. Zweifellos durfte der Wirt vom „Weißen Lamm“, Matthias Wittmann, dies von sich behaupten, er besaß eines der angesehensten Gasthäuser der Stadt. Einst in der Schmiedgasse gelegen, ist es der Bauwut um 1900 zum Opfer gefallen. Der „Lämplwirt“ empfing mehrmals denkbar hohen Besuch: 1768 machte kein Geringerer als der reisefreudige Kaiser Joseph II. hier Station, begleitet von seinem verdienten Feldherrn aus dem Siebenjährigen Krieg, Graf Lacy, sowie Graf Nostitz. 1775 stiegen der Statthalter der österreichischen Lombardei, Erzherzog Ferdinand Karl, mit seiner italienischen Gemahlin Maria Beatrix von Modena, bei Wittmann ab. An den jungen Erzherzog erinnern außerdem die prächtigen Unterrichtstafeln (1760) in der Schausammlung im Museum im Palais. Sie machen deutlich, welche Stofffülle einem sechsjährigen Kaiserspross zugemutet wurde.

Wittmann hatte allen Grund, stolz auf seine Gäste und damit auch auf sich zu sein. Zwei sorgfältig gravierte Tafeln künden davon. Sie haben den Abbruch des Hauses überlebt und fanden wie die übrigen ihren Weg ins Joanneum. So schließt sich der Kreis: von den „Haserln“ zum „Lämpl“.

Wer mag, kann eine Reise durch die Grazer Geschichte anhand von Namen und Berufsgruppe gar nicht weit vom Lesliehof fortsetzen, im Kreuzgang des Franziskanerklosters. Hier finden sich die Gräber von Ärzten und Gelehrten, aber auch Maurern und Malern, mancher von ihnen ebenfalls am Hof beschäftigt. Sie alle hoffen auf eine „fröhliche Auferstehung“, wie es in den Inschriften heißt, Bangen und Hoffen einer ganzen Epoche – Kulturgeschichte muss keine staubtrockene Angelegenheit sein!

Gedenktafel für den Besuch Kaiser Josephs II. im Gasthaus zum Weißen Lamm, 1768
Gedenktafel für den Besuch von Erzherzog Ferdinand Karl II. und
Maria Beatrix von Modena, 1775
Kategorie: Forschung
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Ein Gedanke zu “Steine erzählen Geschichte

  1. Mia

    Ein Bekannter geht im Urlaub auf historische Friedhöfe. Dort ist er sehr an historischen Grabsteinen interessiert. Das Universalmuseum Joanneum wäre für ihn daher sicher auch interessant.

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