8. Juli 2015 / Hannah Lackner

Was glänzt denn da? Fakten und Mythen rund um den Firnis #Genauerhinsehen

Konservieren & Restaurieren

In der Serie "Genauer Hinsehen", gab unser Chefrestaurator Paul-Bernhard Eipper zahlreiche Tipps für Restauratorinnen und Restauratoren sowie Einblicke in seinen Arbeitsalltag. Das Echo auf die Beiträge war so überwältigend, dass wir uns zu einem Da Capo entschlossen haben.

 In den nächsten Tagen lest ihr Wissenswertes über Signaturen, Malkanten, Grundierungen und vielem mehr. Der Startschuss fällt mit einem in Fachkreisen heiß diskutierten Thema.

 

Anonym: „Samson und Dalila“, Öl/Leinen, AG Inv.-Nr. 1195, vor der Restaurierung; Foto: Paul-Bernhard Eipper

Anonym: „Samson und Dalila“, Öl/Leinen, AG Inv.-Nr. 1195, während der Firnisabnahme; Foto: Paul-Bernhard Eipper

 

Gemäldefirnisse spalten seit jeher die Gemüter – sowohl bei den Betrachtenden als auch innerhalb der Fachwelt. Ein guter Anlass für einen kleinen Beitrag über Vorteile, Nachteile und Missverständnisse rund um Schutzüberzüge, die mitunter mehr Schaden anrichten als verhindern.

In früheren Jahrhunderten war es zumeist üblich, gemalte Oberflächen mit einem Überzug zu versehen: Er sollte die Gemälde schützen und verhalf ihren Farben zu jener Tiefe und Brillanz, die insbesondere für barocke und alte niederländische Malerei typisch ist, weswegen diese Werke den Firnis brauchen, um überhaupt ihre beabsichtigte Wirkung zu entfalten. Bis zum 19. Jahrhundert wurden in der Regel Leinölfirnisse verwendet, die zwei wesentliche Nachteile hatten: Sie verfärben sich sehr stark in Richtung Gelb bis Braun und sind aufgrund ihrer starken Verbindung mit Ölfarben nur sehr schwer wieder von der Farbschicht abnehmbar – Tausende „verputzte“ Gemälde bezeugen diese Probleme.

 

Anonym, „Ansicht eines Hafens“, Öl/Lwd., Detail: während der Firnisabnahme, links vom Schiffsmasten nach Firnisabnahme mit Isopropanol; Foto: Paul-Bernhard Eipper

Anonym, „Ansicht eines Hafens“, Öl/Lwd., Detail: während der Firnisabnahme, links vom Schiffsmasten nach Firnisabnahme mit Isopropanol; Foto: Paul-Bernhard Eipper

Im 19. Jahrhundert setzten sich Harzfirnisse durch. Diese sind zwar leichter abnehmbar, vergilben aber ebenfalls im Laufe der Zeit, weswegen sie in gravierenden Fällen ebenfalls abgenommen und durch neue ersetzt werden. Der zuweilen selbst auf barocken Gemälden anzutreffende Mattfirnis ist jedoch ein Kind der 1970er-Jahre, weswegen seine Anwendung auf älteren Werken zu ahistorischen und irritierenden Resultaten führt.

Firnis: Ja oder Nein?

Im Jahr 1831 sorgte Eugène Delacroix mit seinem Gemälde Die Freiheit auf den Barrikaden für Aufregung. Der Vorwurf lautete: Verstoß gegen maltechnische Regeln und akademische Traditionen. Stein des Anstoßes war, dass der Maler sein Gemälde im Pariser Salon ohne Firnis ausgestellt hat. Auch Anselm Feuerbach (1829–1880) weigerte sich, Firnisse auf seine Gemälde aufzutragen, woraufhin man seine Malerei als „kalkig“ kritisierte. Das Spiel mit der ungefirnissten Oberfläche wurde von Künstlern wie van Gogh, Deusser, Marc, Macke, Munch sowie von den Impressionisten und Expressionisten weitergeführt, und auch die Grazer Malerin Norbetine Bresslern-Roth lehnte Firnisse auf ihren Gemälden dezidiert ab. Eine Ausnahme ist ihr Werk Das Käthchen von Heilbronn (1918), auf dem sie u. a. mit einem teilweisen Firnisauftrag verschiedene Glanz- und Mattstufen erreichte.

 

Norbertine von Bresslern-Roth: Detail der ursprünglich erhaltenen ungefirnissten Originaloberfläche; Foto: Paul-Bernhard Eipper

Norbertine von Bresslern-Roth: Detail der ursprünglich erhaltenen ungefirnissten Originaloberfläche; Foto: Paul-Bernhard Eipper

Irrtümer und Tricks

In den letzten beiden Jahrhunderten ging man irrigerweise davon aus, dass Gemälde nach mehreren Jahren mit einem Firnis „genährt“ werden müssen, um eine Craquelé-Bildung zu vermeiden – darunter versteht man feine Risse in der Malschicht. Auch wenn mittlerweile bekannt ist, dass Craquelés durch Klimaschwankungen hervorgerufen werden, wird diese obsolete Praxis manchmal auch heute noch angewendet. Nicht zuletzt „beschleunigen“ manche Restauratorinnen und Restauratoren die notwendige Reinigung von Gemäldeoberflächen, indem sie auf originale ungefirnisste, jedoch verschmutzte Oberflächen einen Firnis auftragen und das Resultat als „ursprüngliche Frische der Oberfläche“ verkaufen: Während der Verschmutzungsgrad unverändert bleibt, wird die ursprüngliche ästhetische Erscheinung der Gemälde damit allerdings drastisch verfälscht.

Auf einem ursprünglich ungefirnissten Ölgemälde von Norbertine von Bresslern-Roth erfolgte statt einer Reinigung ein Firnisauftrag im Zierrahmen. Dadurch wurde die Ursprungsintention der Künstlerin verfälscht; Foto: Paul-Bernhard Eipper

Auf einem ursprünglich ungefirnissten Ölgemälde von Norbertine von Bresslern-Roth erfolgte statt einer Reinigung ein Firnisauftrag im Zierrahmen. Dadurch wurde die Ursprungsintention der Künstlerin verfälscht; Foto: Paul-Bernhard Eipper

Auf diesem ursprünglich ungefirnissten Ölgemälde erfolgte statt einer Reinigung ein Firnisauftrag im Zierrahmen. Dadurch wurde die Ursprungsintention des Gemäldes verfälscht; Foto: Paul-Bernhard Eipper

Auf diesem ursprünglich ungefirnissten Ölgemälde erfolgte statt einer Reinigung ein Firnisauftrag im Zierrahmen. Dadurch wurde die Ursprungsintention des Gemäldes verfälscht; Foto: Paul-Bernhard Eipper

 

Text: Paul-Bernhard Eipper
Bearbeitung: Hannah Lackner

 

Kategorie: Konservieren & Restaurieren
Schlagworte: Blogserie Genauer hinsehen


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