6. Dezember 2016 / Barbara Steiner

Einmal Krakau, einmal Zagreb

Kunsthaus Graz | Museumsalltag

Im November besuchte ich binnen einer Woche den Bunkier Sztuki in Krakau und das Muzej suvremene umjetnosti in Zagreb, um über künftige Kooperationen zu sprechen.
In Krakau war ich darüber hinaus eingeladen, einen Vortrag über meine Pläne für das Kunsthaus Graz zu halten.

Seit einem Jahr leitet meine Kollegin Magdalena Ziółkowska den Bunkier Sztuki in Krakau. Der Bunkier, eigentlich „Kunstbunker“, ist ein zeitgenössisches Ausstellungshaus, dessen Name sich seiner Erscheinung verdankt: ein modernes Gebäude aus Beton inmitten der Stadt. Für diejenigen, die das pittoreske, alte Krakau suchen, ist es vermutlich eine Zumutung, für Liebhaber/innen zeitgenössischer Architektur hingegen eine Entdeckung.

Das Gebäude

Das Gebäude wurde Anfang der 1960er-Jahre errichtet und bezog einen Kornspeicher aus dem 18. Jahrhundert in die Konzeption mit ein. Lange blieb es das einzige moderne Gebäude in der Altstadt und wurde entsprechend kontrovers diskutiert. 2016, zum 50-jährigen Bestehen des Bunkier Sztuki, wurden die schmalen Fensterschlitze im oberen Gebäudeteil geöffnet und die Ausstellungsräume umgebaut. Magdalena Ziółkowska und ihr Team gehen offensiv mit dem Erbe um. Zurzeit läuft unter anderem eine Ausstellung von Anna Zaradny, in der sich die Künstlerin ebenfalls auf verschiedenen Ebenen auf die Zeit der Moderne und das Haus bezieht.

Exhibition Pavillon

Der Grund meines Besuchs: Ich war eingeladen, einen Vortrag über meine Pläne für das Kunsthaus Graz zu halten. Dieser fand im sog. „Exhibition Pavilion“ (Ausstellungspavillon) statt, gestaltet von BudCud (Mateusz Adamczyk, Agata Woźniczka). Dieser Raum im Raum erlaubt verschiedene Nutzungen und kann mit wenigen Handgriffen für unterschiedliche Zwecke adaptiert werden. Dort werden Workshops, Diskussionen, Seminare durchgeführt, die sich im Wesentlichen mit Fragen des Kuratierens, mit Ausstellungs- und Displaygeschichte befassen.

Rückblende

Es war nicht mein erster Besuch im Bunkier: Zum ersten Mal besuchte ich Krakau 2002, um an der Konferenz „Polyphony of Voices“ teilzunehmen, die Adam Budak, damals Kurator am Bunkier Sztuki, initiiert hatte. Danach ging er als Kurator an das Kunsthaus Graz. Magdalena Ziółkowska wiederum hatte ich 2006  im Van Abbemuseum in Eindhoven kennengelernt, als ich mit Charles Esche am Buch Mögliche Museen arbeitete. Seitdem haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt. Vielleicht sollte ich hier ergänzen, dass beide – der Bunkier Sztuki und das Van Abbemuseum in Eindhoven – auch künftige Partner in unserem geplanten EU-Netzwerkprojekt sein werden.

Ähnlichkeiten

Auch wenn der Aufenthalt sehr kurz war, konnte ich einerseits das Kunsthaus-Programm für 2017 vorstellen sowie das EU-Projekt besprechen und umgekehrt von Magdalena Ziółkowskas Plänen hören. Und sie hat viel vor: Kürzlich gab es einen Wettbewerb zur architektonischen Erweiterung des Bunkier Sztuki, ein Vorhaben, das einen behutsamen Umgang mit dem vorhandenen Gebäude vorsieht. Schmunzeln musste ich, weil die jetzige Situation jener im Kunsthaus Graz ähnelt. Auch im Bunkier gibt es ein äußerst erfolgreiches Café, und wie bei uns prallen mitunter die Interessen des Gastronomiebetriebes mit jenen der Kunstinstitution aufeinander. Mit dem Umbau des Bunkiers soll das Café an einen anderen Ort im Gebäude verlegt werden, in unserem Fall wollen wir die Küche, die sich nach wie vor im hinteren Gebäudeteil des Kunsthauses befindet, mit dem zur Annenstraße hin gelegenen Kunsthauscafé verbinden.

Anna Zaradny, Rondo Denoting Circle exhibition view, 2011, Rondo Denoting Circle exhibition, Bunkier Sztuki Gallery of Contemporary Art, 2016, photo: Grzegorz Mart / Studio FilmLove

Anna Zaradny, Rondo Denoting Circle exhibition view, 2011, Rondo Denoting Circle exhibition, Bunkier Sztuki Gallery of Contemporary Art, 2016, photo: Grzegorz Mart / Studio FilmLove

Zagreb

Zwei Tage später fuhr ich nach Zagreb, um Snjezana Pintarić, die Direktorin des Muzej suvremene umjetnosti (MSU), zu treffen. Das MSU ist von Graz kommend schnell zu erreichen, denn es liegt in „Novy Zagreb“ (Neues Zagreb), an der Kreuzung von Većeslava Holjevca und Avenija Dubrovnik, und nicht in der Altstadt, wo das Museum zuvor untergebracht war. Dieser neue Stadtteil war Ausdruck des modernen Jugoslawiens, mit breiten Straßen und Wohnblöcken. Wie in Graz das Kunsthaus, so wurde das MSU ebenfalls an einer Stelle errichtet, die städtebaulich entwickelt werden sollte. Den Beschluss dazu fasste man 1998, 2003 begann man zu bauen, eröffnet wurde das Haus 2010.

Mein Besuch in Zagreb hatte mehrere Gründe: Zum einen wollte ich mit Snjezana Pintarić über das Stipendium von Jasna Jakšić sprechen, die 2017 mehrere Wochen am Kunsthaus Graz verbringen wird, um sich Arbeiten von in Österreich lebenden Künstlerinnen und Künstlern anzusehen. Dieses Stipendium wurde vom österreichischen Außenministerium ins Leben gerufen. Jasna Jakšić ist Kuratorin und Archivarin am MSU. Zum anderen soll eine unserer kommenden Ausstellungen, Vision & Revision, 2018 in Zagreb gezeigt und durch Positionen aus dem ehemaligen Jugoslawien ergänzt werden. Es ist daran gedacht, dass diese Ausstellung den Auftakt eines künftigen Architekturschwerpunkts im MSU bildet. Snjezana Pintarić überlegt gerade eine eigene Architekturabteilung ins Leben zu rufen.

EU-Netzwerk

Zu guter Letzt drehten sich unsere Gespräche um das künftige EU-Netzwerkprojekt, an dem sich auch das MSU beteiligen wird. Binnen weniger Stunden besprachen wir die für uns wichtigen Punkte und Snjezana Pintarić zeigte mir bereits die für unsere Ausstellung vorgesehenen Räume. Es blieb darüber hinaus noch Zeit für ein Treffen mit Jasna Jakšić und Radmila Iva Janković. Die beiden wollen sich das Stipendium teilen, und das finde ich wiederum großartig, denn dies heißt: doppelte Expertise. Nach einem Kaffeehaus-Besuch in unmittelbarer Nachbarschaft zum Museum fuhr ich wieder zurück nach Graz. An einem Tag hin und her zu fahren ist gut möglich, auch wenn noch ein Stück Autobahn fehlt. Länger als nach Wien dauert die Fahrt jedenfalls nicht.

Kategorie: Kunsthaus Graz | Museumsalltag
Schlagworte: Logbuch Barbara Steiner


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