7. Januar 2016 / Sabine Jammernegg

Die Rauchstube im Volkskundemuseum #MusealeSchätze

Gastbeiträge | Volkskundemuseum

In der Dauerausstellung des Volkskundemuseums Graz ist eine originale Rauchstube aus vorindustrieller Zeit ausgestellt. Dieser universelle Raum erfüllte früher alle Funktionen, für die wir heute oft ein ganzes Einfamilienhaus brauchen.

Weil es so gerne verwechselt wird, gleich zu Beginn die Erklärung was die “Rauchkuchl” im Unterschied zu einer “Rauchstube” ist. In einer Rauchküche wurde früher nur gekocht und dafür gab es eine offene Feuerstelle. Die Rauchstube war ein universeller Raum, in dem sich fast das ganze Leben abspielte: Angefangen vom Kochen, Essen, Körperhygiene, Kinderbetreuung, Kleintierhaltung bis hin zur religiösen Andacht. Eine Rauchstube hat nicht nur eine offene Feuerstelle, sondern eine Doppelfeuerstelle mit offenen Feuer und gemauertem Backofen. Diagonal zur Doppelfeuerstelle steht ein Tisch mit einer umlaufenden, an der Wand befestigten, Bank. Diese Anordnung ist charakteristisch für die Raumaufteilung in einer Rauchstube.

 

Doppelfeuerstelle in der Rauchstube: Feuerstelle und gemauerter Backofen, Foto: Universalmuseum Joanneum

Doppelfeuerstelle in der Rauchstube: Feuerstelle und gemauerter Backofen, Foto: Universalmuseum Joanneum

Woher sie kommt

So eine typische Rauchstube ist seit 1914 Teil der Dauerausstellung des Volkskundemuseums Graz. Die einfache Wohnstube mit einer Doppelfeuerstelle aus Lehm, die Ofen und Herd kombiniert, wurde auf Wunsch von Viktor Geramb, dem wohl bedeutendsten Volkskundler der Steiermark, von ihrem Ursprungsort in Oberrohrbach auf der Pack nach Graz gebracht. Konkret stammt sie vom “Lippenbauern”, dessen Hof sich urkundlich bei etwa 1520 zurückverfolgen lässt.

 

Das ganze familiäre Leben spielte sich in einer Rauchstube ab, Foto: Universalmuseum Joanneum

Das ganze familiäre Leben spielte sich in einer Rauchstube ab, Foto: Universalmuseum Joanneum

 

Vermittelt wurde die Rauchstube von Hans Klöpfer, aber nicht in seiner Funktion als Dichter, sondern in seinem Hauptberuf als Landarzt. Aufmerksam wurde er auf das ungenutzte Objekt bei einem seiner Krankenbesuche. Klöpfer war ein Freund von Viktor Geramb und so wusste er, dass sein Freund eine Rauchstube in der Art für sein damals noch junges Museum in Graz suchte. In nur drei Tagen und mit sieben Pferdeschlitten wurde das Objekt von der Pack nach Graz gebracht. Viktor Geramb war mit seinen Mitarbeitern bei der Abtragung und dem Transport selbst mit dabei. Der Volkskundler wollte mit dieser im Original erhaltenen Rauchstube zeigen, wie breite Teile der steirischen Bevölkerung einst lebten.

 

Seit 1914 gibt es die originale Rauchstube im Volkskundemuseum Graz, Foto: Universalmuseum Joanneum

Seit 1914 gibt es die originale Rauchstube im Volkskundemuseum Graz, Foto: Universalmuseum Joanneum

 

Die Rauchstube ist im Rahmen der Öffnungszeiten der Dauerausstellung im Volkskundemuseum für die Besucherinnen und Besucher zugänglich. Die einzigartige Atmosphäre lädt auch immer wieder dazu ein, besondere Veranstaltungen darin durchzuführen, wie etwa die Märchenstunden im Advent oder die Lesungen im Rahmen der Adventspaziergänge. Nicht nur der Ort für die Märchen ist besonders, sondern auch wer sie erzählt: Heidi Wölfl, die Enkelin von Viktor Geramb. Auch im nächsten Jahr findet die außergewöhnliche Märchenstunde wieder statt.

Ursprünglich veröffentlicht im “Panther Intern” im Dezember 2015.

Kategorie: Gastbeiträge | Volkskundemuseum
Schlagworte: Museale Schätze | Rauchstube


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