"Forming Storming Norming Performing", 2017, Foto: Susanna Flock

24. Juli 2017 / Pia Moser

Die Endlosschleife des Optimierungswahns: Susanna Flock im studio der Neuen Galerie Graz

Ausstellungen | Neue Galerie mit BRUSEUM

Noch bis 3. September 2017 zeigt die Grazer Medienkünstlerin Susanna Flock im studio der Neuen Galerie Graz ihre Videoarbeit "Forming Storming Norming Performing", die die Methoden moderner Teambildungsverfahren kritisch verhandelt – und damit ein hochaktuelles Thema aufgreift.

Die Begriffe „Forming“, „Storming“, „Norming“ und „Performing“ stehen für die vom Psychologen Bruce Tuckman entwickelten vier Phasen der Teambildung. Für alle diese Phasen existieren unzählige gruppendynamische Spiele. Arme verknoten sich, Beine werden übereinandergeschlagen, Körper aneinandergepresst, Augen verbunden. Gezielte Anordnungen formieren Körper spielerisch zu Instantskulpturen mit dem Bestreben, zukünftige Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten.

Die Aufgabenstellungen und Anweisungen der Coaches, die einen gemeinsamen Rhythmus einfordern, um Bewegungsabläufe zu synchronisieren, erwecken Assoziationen zu ritualhaften Szenerien. Nach jedem gescheiterten Versuch einer Übungsanordnung wird in einem selbstreflexiven Rahmen gemeinsam „lösungsorientiert“ darüber gesprochen, was jede/r Einzelne verbessern kann.

„Als bildende Künstlerin haben mich die stark performativen Strukturen hinter diesen neuen Methoden interessiert“, erzählt Susanna Flock über ihre Arbeit Forming Storming Norming Performing, die ebendiese Verfahren zur Teambildung aufgreift und kritisch hinterfragt.

 

Die Grazer Künstlerin Susanna Flock im studio der Neuen Galerie Graz, 2017, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

In Forming Storming Norming Performing behandelt Flock die über neue Managementmethoden verstärkte Endlosschleife des Optimierungswahns auf humorvolle Weise. Die bekannten Teambildungs-Übungen werden abgewandelt und in ihrer Absurdität gesteigert, wodurch sich bei der Betrachtung auch ein gewisses Unbehagen einstellt.

Da werden Selbstporträts auf Luftballons gemalt, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer üben sich im Vertrauensspiel „Fallen-Lassen“ in zu großem Abstand, in der nächsten Szene balancieren drei Personen zusammengeklebte Brotstangen gemeinsam im Mund zu Boden. Vor rotem Hintergrund ziehen Hände abwechselnd die Fäden eines String Cheese. Die Darstellungen sind bewusst anonymisiert, die mitspielenden Personen tragen Masken, Gespräche sind nicht zu hören. Die Choreografien erinnern an die übliche Herangehensweise in der Performancekunst.

In “Forming Storming Norming Performing” greift Susanna Flock die visuelle Ästhetik von Teambildungsverfahren auf . Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Ein integraler Bestandteil von Susanna Flocks künstlerischer Arbeit ist ein durch experimentelle Produktivitätsstrategien und eine konzeptuelle Herangehensweise geprägter Arbeitsprozess. Kunst als Kommunikationsmedium und die Auseinandersetzung mit Auswirkungen der Digitalisierung auf die Kulturproduktion, –Vermittlung und -Rezeption bilden dabei die thematische Grundlage. Medial finden sich die Konzepte in Form von Installation, Intervention, Video, Audio, Fotografie und Grafik wieder, das Bewegtbild nimmt jedoch häufig einen zentralen Stellenwert ein.

Die neuen Coachingstrategien und Managementkulturen, die Susanna Flock mit ihrer aktuellen Arbeit Forming Storming Norming Performing auf subtile Art thematisiert, folgen der Steigerungslogik des neoliberalen Systems. Teambuilding-Workshops haben auch oder vor allem das Ziel, die Effizienz innerhalb einer Gruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu verstärken.

„Wir alle haben diese oder ähnliche Verfahren schon einmal kennengelernt, zumindest kommen sie den meisten von uns bekannt vor“, meint Kurator Günther Holler-Schuster. „Das Videoprojekt soll zum Nachdenken anregen über derartige heute vor allem in größeren Unternehmen und Konzernen eingesetzte Verfahren. Es soll auch vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen aufzeigen: Wir befinden uns da in einer absurden Situation.“

Künstlerin Susanna Flock und Kurator Günther Holler-Schuster, 2017, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

***

Susanna Flock (*1988 in Graz) begann 2008 bildende Kunst im Bereich Experimentelle Gestaltung an der Kunstuniversität Linz zu studieren und schloss das Studium 2015 ab. 2012 absolvierte sie einen einjährigen Auslandsaufenthalt in Leipzig und studierte im Fachbereich Medienkunst, in der Klasse für Mass Media Research und Kunst im medialen öffentlichen Raum an der HGB Leipzig. Seit 2009 ist Flock bei Festivals und Ausstellungen im In- und Ausland vertreten und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet.

Das studio der Neuen Galerie Graz diente seit den 1990er-Jahren bis 2010 als Plattform für junge österreichische Künstler und Künstlerinnen, die nach Abschluss ihrer Ausbildung noch nicht voll im Kunstbetrieb etabliert waren bzw. am Anfang ihrer Karriere standen. 2017 wurde dieses wesentliche Instrument zur Förderung und Dokumentation junger Kunst im Joanneumsviertel wieder eingeführt. Die nächste studio-Ausstellung zeigt ab 15. September 2017 unter dem Titel 9 is 1 and 10 is none Arbeiten der Künstlerin Veronika Eberhart.

www.neuegaleriegraz.at

Kategorie: Ausstellungen | Neue Galerie mit BRUSEUM
Schlagworte: Neue Galerie Graz | Videokunst | studio


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