19. April 2016 / Marion Kirbis

Der Trachtensaal neu betrachtet

Volkskundemuseum

„Das Unheimliche ist das ehemals Heimische, Altvertraute“, meinte einst Sigmund Freud. Diese Aussage nahm eine Projektgruppe der Karl Franzens Universität zum Anlass, sich mit dem Trachtensaal des Volkskundemuseums und der teils unheimlichen Wirkung seiner Figurinen auseinander zu setzen. Daraus entstand die Intervention Unheimlich heimisch. Wege zum Trachtensaal, die am 15. April vorgestellt wurde.

Im historischen Trachtensaal des Volkskundemuseums werden traditionelle Kleidungsstücke seit jeher auf hölzernen Figurinen des bekannten Grazer Bildhauers Alexander Silveri (1910–1986) präsentiert. Diese lebensgroßen Skulpturen standen dabei immer im Hintergrund, wirkten sich jedoch von dort auf die Stimmung des Raumes aus.

Die Besucher/innen der Intervention folgten den fünf Wegen bei der Eröffnung am letzten Freitag, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Die Besucher/innen der Intervention folgten den fünf Wegen bei der Eröffnung am letzten Freitag, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Wie unterschiedlich manche Besucher/innen den Raum und die „Einheimischen“ darin wahrnehmen, wurde bei einer Kooperation des Instituts für Volkskunde und Kulturanthropologie (Karl-Franzens-Universität Graz) mit dem Volkskundemuseum deutlich. Studierende nahmen unter Leitung von Katharina Eisch-Angus und mit Hilfe von Erika Thümmel das Präsentationskonzept des Saales als „Museum im Museum“ wörtlich und gestalteten fünf ironische sowie subjektive „Führungslinien“ durch den Trachtensaal. Ihnen entlang lernen Besucher/innen die verschiedenen Zugänge der Projektgruppe zu den Figurinen kennen und folgen unter anderem dem „Irrweg“ durch populäre Irrtümer zum Trachtensaal und dem „Holzweg“ für Kinder.

Die Stationen des "Irrweges" klären über weit verbreitete Irrtümer auf, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Die Stationen des “Irrweges” klären über weit verbreitete Irrtümer auf, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Auf diese Weise wird im Trachtensaal nicht nur erstmals diese museale Inszenierungsform erforscht, sondern auch die Sehnsüchte und Ideologien der Entstehungszeit im Spannungsfeld von Volkskunde und Kunst beleuchtet und heutige Fragen von Angst, Identitätssuche und dem Umgang mit der eigenen, „heimischen“ Kultur aufgeworfen. Ihre Erkenntnisse fassten die Teilnehmenden der Projektgruppe in Form von 14 Essays im Buch Unheimlich heimisch. Kulturwissenschaftliche BeTRACHTungen zur volkskundlich-musealen Inszenierung zusammen.

„Besonders interessant war, dass der Trachtensaal des Volkskundemuseums der einzige in der Originalaufstellung erhaltene ist und bis jetzt fast keine Forschung dazu betrieben wurde. Zu dem Thema ist auch keine Literatur vorhanden. Wir haben uns also auf unbekanntes Terrain begeben und unglaublich viele neue, spannende Erkenntnisse gewonnen. Diese spiegeln sich in der Intervention wider“, meinte Projektleiterin Eisch-Angus bei der Eröffnung.

Kategorie: Volkskundemuseum
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