10. Juni 2016 / Anna Fras

Das war der erste Tag der Ecsite 2016

Forschung | Kulturpolitik | Kunst- & Naturvermittlung

Gestern startete die jährlich stattfindende Ecsite-Konferenz im Messecenter Graz. Unter dem Motto “Colours of Cooperation“ bringt die Ecsite vom 9.-11. Juni Professionals der Bereiche Wissenschaft, Forschung und Vermittlung aus der ganzen Welt zusammen.

Auf der Bühne begrüßten die vier kreativen Köpfe der Theatergruppe Feuerblau mit einer modernen Choreografie zu steirischer Musik die zahlreichen Gäste der Ecsite Konferenz in der Messe Graz.

Von Anna Holzhacker, Johanna Wöß, Julia Czipoth, Marion Kirbis und Tobias Kapsamer

Margit Fischer, Österreichs „First Lady“ und Vorsitzende des ScienceCenter-Netzwerk begrüßte alle Anwesenden mit einem „warm welcome“ und einer persönlichen Anekdote. Sie besuchte ihre erste Ecsite-Konferenz 1992 in Kopenhagen und nahm seitdem an beinahe allen Konferenzen teil. Die drei Hosts Jörg Ehtreiber vom Kindermuseum FRida & freD, Wolfgang Muchitsch vom Universalmuseum Joanneum und Barbara Streicher vom ScienceCenter-Netzwerk richteten ebenfalls lobende und dankende Worte an die Partner, Sponsoren, Mitglieder und Teilnehmer der Konferenz.

Ecsite-Präsident Michiel Buchel sorgte mit folgender Frage für eine jubelnde Menge:

„How blessed can a country be if the president and his wife are both fans of science?”

Auch Catherine Franche hielt eine inspirierende Rede und nannte die „drei Cs“ um die es bei Ecsite geht: Curiosity, conscience und cooperation. Für die Stadt Graz und das Land Steiermark waren ÖVP-Stadtrat Kurt Hohensinner und die steirische Landtagspräsidentin Bettina Vollath anwesend, die sich bei Publikum und Organisatoren für den wichtigen Beitrag bedankten, den diese für die Wissenschaft in der Steiermark leisten. Bundespräsident Heinz Fischer beendete die Eröffnung würdig: In seiner amüsanten Rede bedankte er sich unter anderem bei seiner Frau, die ihn zuvor offiziell begrüßt hatte. Heinz Fischer eröffnete die Konferenz indem er die Ecsite-Glocke im Stil der Grazer Kettenreaktionsmaschine zum Klingen brachte.

Science capital put in practice

Science was? Der Begriff des “Science Capital” ist noch relativ neu und unbekannt. 2015 wurde im Londoner King’s College darüber eine Studie verfasst. Die Studie „ASPIRE“ sowie verschiedene Einsatzmöglichkeiten der Erkenntnisse wurden in der Session „Science Capital put into practice“ in Halle 4 des Messecongress Graz vorgestellt und besprochen. Das „Science Capital“ lässt sich am besten mit der Metapher einer Tasche beschreiben. In dieser Tasche tragen alle, ob jung oder alt, ihr Wissen, ihre Erwartungen, ihre Fähigkeiten und die Einstellung zur Wissenschaft herum.

Wie dieses Bild – der Tascheninhalt – aussieht, ist wiederum von mehreren Faktoren abhängig: was die Person weiß, wie sie denkt, was sie tut und wen sie kennt. Aufgrund dieser Faktoren hat jeder Mensch ein unterschiedlich großes Science Capital, dieses kann aber jederzeit durch neue Erfahrungen und neues Wissen gesteigert werden. Je höher das Science Capital eines Kindes ist, desto eher bilden sich bei Kindern Stammzellen, durch die wiederum das Interesse an Wissenschaft gesteigert wird.

Hier spielen Schule, außerschulische Aktivitäten und die Familie eine große Rolle: Sie alle können die Kinder positiv (oder eben auch negativ) beeinflussen. Durch Analysen vom Unterricht in Schulen, aber auch von Museen und Science Centern, soll das Angebot dieser Institutionen stetig verbessert werden, um als Folge das Science Capital steigern zu können. Das Ziel ist, dass Schüler aus verschiedensten Gesellschaftsschichten das Konzept nutzen, Interesse an der Wissenschaft entwickeln und dadurch ihre Lebenssituation erheblich verbessern.

Re-inventing dioramas

Im Panel in Halle 5 ging es inzwischen um eines der traditionsreichsten Tools, um Besucherinnen und Besuchern die Inhalte von Ausstellungen näher zu bringen: Dioramen. Drei Expertinnen gingen der Frage nach, wie man die – vielfach aus der eigenen Kindheit bekannten – Modelle generalüberholen und für den aktuellen Museumsbetrieb tauglich machen kann. Annekathrin Ranft sprach über die Entstehung von Dioramen im Deutschen Museum in München.

Sie stellte alle Arbeitsschritte – von der Idee, über die Produktion, bis hin zur fertigen Ausstellung – vor, die im Rahmen einer geplanten Schau zum Thema Optik (Eröffnung voraussichtlich 2019) stattfanden oder noch stattfinden werden. „Dioramen sind seit zehn Jahren meine Leidenschaft“, gestand die zweite Rednerin, Annette Scheersoi von der Universität Bonn. Sie erforschte die Wirkung von Dioramen auf Besucherinnen und Besucher. Als Praxisbeispiel nannte sie den medienwirksamen Diebstahl eines Nashornhornes aus dem Museum Koenig.

2019 sollen im Londoner Science Museum die New Medicine Galleries eröffnen, die nach der Schließung der Medicine Galleries im September 2015 das gesammelte Wissen weiterhin vermitteln sollen. Jessica Bradford identifizierte durch die Erforschung von Interaktionen mit Dioramen drei Punkte, die Schaubilder erfolgreich machen. Ein Diorama müsse den Betrachtenden Zugang zu einem Ort geben, der ihnen sonst verschlossen bleibt, eine Story erzählen und sie in diese Geschichte miteinbeziehen.

Cooperation in Space: The ISS

Mit einem echten Astronauten zu sprechen ist schon beeindruckend. Jean-Francois Clevroy war drei Mal im All, das letzte Mal 1999. Der Astronaut liebt seinen Job und möchte seine Passion an so viele Menschen wie möglich weitergeben. Beim Panel sprach er gemeinsam mit Vertretern der ESA (European Space Agency) und anderen Forschungseinrichtungen, die sich alle mit einem beschäftigen: dem Weltraum. „Es fühlt sich an wie Camping, nur kannst du nicht einfach rausgehen – das Wetter ist zu schlecht“, scherzt er. Die ISS bezeichnete er als große Errungenschaft in Hinsicht auf weltweite Zusammenarbeit. Russland, USA, China, Deutschland, sie alle und noch viele mehr sind Teil der ISS. Auch die Mannschaft ist bunt gemischt.

„Dort oben arbeiten alle wie Brüder und Schwestern zusammen. Ja, auch die Ukraine mit Russland und der USA.“

Er ist sich sicher, dass der Mensch innerhalb der nächsten zwanzig Jahre am Mars ankommen wird. Vorausgesetzt, die ausgezeichnete Zusammenarbeit aller Beteiligten bleibt so vorbildhaft.

Networking im Business Bistro

Sprechende Roboter, selbstgemachte Buttons und jede Menge neue Kontakte – das ist das Business Bistro. Hier lernt man neben Kaffee und Kuchen bequem tolle neue Menschen kennen. Die verschiedensten Aussteller zeigen ihre Produkte und Dienstleistungen in lockerer Atmosphäre. Alles ist zum Ausprobieren und Anfassen da. In der Mittagspause kann man noch ganz nebenbei das Tanzen erlernen, mittendrin.

Professional Development through Twitter

Das Twitter schon lange nicht mehr nur von Privatpersonen, sondern auch von Unternehmen genutzt wird, ist kein Geheimnis. Museen und Science Centers haben gelernt, sich mittels Twitter zu vernetzen. Gemeinsam mit Matthew Heenan, Marion Sabourdy, Joana Lobo Antunes und Marjelle van Hoorn teilten im Panel zwei Gruppen Tipps, Tricks und Erfahrungsberichte miteinander, aber auch der Sinn des Social Media Tools wurde in einer kritischen Diskussion in Frage gestellt.

Erfahrungsberichte über gelungene und misslungene Hashtags und darüber, wie Twitter in den einzelnen Museen genutzt wird, wurde besprochen. Eine Strategie, besonders in Bezug auf Events sei wichtig, um so den Erfolg einer Veranstaltung zu gewährleisten. Schon vorab zu informieren, Live-Tweets währenddessen und Mitarbeiter, Interessenten und andere Museen dazu einladen auch danach noch unter dem Hashtag zu interagieren ist der Schlüssel zum Erfolg.

Um die Professionalität eines offiziellen Twitter-Accounts zu wahren, sollte es in regelmäßigen Abständen die Möglichkeit geben, sich zusammenzusetzen und zu reflektieren welche Tweets gut funktioniert haben und welche weniger. Am Ende waren sich die meisten Diskutanten in Bezug auf Twitter und das Generieren von Hashtags einig: „You have to take some risks.“

Co-Creation: what value?

Der Beitrag in Halle 5 richtete sich in erster Linie an Museen und andere öffentliche Einrichtungen, die verstärkt die Meinung der Besuchenden in ihr Angebot aufnehmen möchten. Die Vortragenden kamen vom Londoner Zoo, betrieben von der Zoological Society of London, dem Museo della Scienza e della Tecnologia in Mailand, sowie dem Naturhistorischen Museum in Kopenhagen. Sie alle haben gemein, durch Co-Creation, die forcierte Zusammenarbeit mit Lehrern, Kindern und jungen Heranwachsenden, zu wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen zu gelangen. Das Hauptaugenmerk der Vorträge lag auf Methoden der Ausführung.

Stephanie Pace von der ZSL berichtete vom „multiple visit package“, dem Versuch, Schülerinnen und Schüler mehrmals in den Londoner Zoo einzuladen und die Kooperation durch weiterführende Einbindung der Lehrerinnen und Lehrer zu vertiefen. Sie zeigte mehrere dabei auftretende Probleme auf, zum Beispiel die Herauslösung von Lehrpersonal aus dem Unterricht, um von der ZSL organisierte Workshops zu besuchen. Dies konnte nur durch finanzielle Anreize verwirklicht werden. Letztlich konnte aber gezeigt werden, dass die Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler oftmals in deren Interessen an Natur und Umwelt unterschätzten.

Maria Xanthoudaki vom Museo della Scienza e della Tecnologia in Mailand interviewte eine fünfzehnköpfige Gruppe von Zwölfjährigen zu ihren Assoziationen und Interessen zum Thema Essen. Die damit verbundenen Eindrücke sollten die Designer der Ausstellung inspirieren. Auch hier zeigten sich Probleme, nämlich dass Schülerinnen und Schüler zunächst wenig Kreativität zeigten und typisches „Schulbuchwissen“ von sich gaben.

Pernille Hjort vom Naturhistorischen Museum Kopenhagen fasste noch einmal zusammen, dass für eine wohlstrukturiertes  Co-Creation Projekt, die 5 W-Fragen: Warum? Was? Wer?  Wie? und Wann? geklärt werden müssten. Sie zeigte zudem das „Partnership model“, welches die sich vertiefende Integration von PR-Abteilungen von Museen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beschreibt.

Mehr?

Mehr über die Ecsite 2016 in Graz gibt es auf unserem Blog.

Kategorie: Forschung | Kulturpolitik | Kunst- & Naturvermittlung
Schlagworte: Ecsite 2016


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