Manfred Willmann, "Kontaktportrait Lady Penrose (Lee Miller) und Sir Roland Penrose", 1976, SW-Fotografie, 36-teilig, Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

30. Mai 2017 / Pia Moser

Wer bist du? Wer bin ich?

Neue Galerie mit BRUSEUM

Porträts gehören zu den ältesten Themen der bildenden Kunst und haben im Vergleich zu anderen künstlerischen Gattungen nie an Aktualität verloren. Besonders im Zeitalter von Facebook, Selfie und Co. gewinnt das Porträt an (neuer) Bedeutung. Die aktuelle Sammlungsausstellung "Wer bist du? Porträts aus 200 Jahren" in der Neuen Galerie Graz widmet sich nun diesem zeitlosen Genre.

Seit Menschen Bilder machen, zeichnen, malen oder formen sie auch Porträts – Bildnisse von ihren Mitmenschen und von sich selbst. Die neue von Gudrun Danzer und Günther Holler-Schuster kuratierte Sammlungsausstellung der Neuen Galerie Graz hat sich die Aufgabe gestellt, unterschiedlichste Porträt- und Menschendarstellungen in einem Betrachtungszeitraum von über 200 Jahren auf ihre vielfältigen Bezüge sowie ihre kulturhistorischen und gesellschaftlichen Aussagen hin zu befragen.

Wer bist du? Porträts aus 200 Jahren präsentiert auf zwei Etagen rund 400 Werke, in 15 Themenbereichen geordnet. Viele der ausgestellten Arbeiten – von der Malerei über die Skulptur bis zur Grafik, zur Fotografie und zum Video – wurden seit Jahrzehnten nicht mehr, teils noch nie gezeigt.

In der Ausstellung vertreten sind nun Arbeiten von national und international renommierten Künstlerinnen und Künstlern wie Tony Cragg, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Maria Lassnig, Roy Lichtenstein, Egon Schiele, Cindy Sherman oder Andy Warhol. Ein Großteil der gezeigten Werke stammt aus der Sammlung der Neuen Galerie Graz. Darüber hinaus werden etliche Leihgaben ausgestellt, etwa von der Stadt Graz, der Karl-Franzens-Universität oder dem Grazer Rathaus.

Die bemerkenswerten großformatigen Gemälde und Druckgrafiken der amerikanischen Pop-Art, die 2016 als Schenkungen der Sammlung Suschnigg ins Haus kamen, sind nun erstmals zu sehen und bilden einen inhaltlichen Schwerpunkt der Ausstellung.

Verschränkung von Zeiten, Kunst und Alltäglichem

„Die sehr aktive und intensive Zusammenarbeit der unterschiedlichen Abteilungen des Universalmuseums Joanneum haben diese umfangreiche Ausstellung erst ermöglicht“, betont Kuratorin Gudrun Danzer. In rund fünfzehn Sälen und dem Stiegenhaus des gründerzeitlichen Museums widmet sich die Schau Themen wie dem Herrscher- und Adelsporträt, dem bürgerlichen und privaten Porträt, dem Standesporträt, der Verbindung von Porträt und Territorium, dem Künstler- und Selbstporträt, dem Masken- und Rollenspiel, dem Aufbrechen des geschlossenen Menschenbildes und dessen Segmentierung nach dem Zweiten Weltkrieg, der Auflösung des Bildes in Schrift, Sprache und digitale Daten, dem medialen und seriellen Porträt sowie dem interaktiven Porträt.

Der große Betrachtungszeitraum von über 200 Jahren ermöglicht es, gegenwärtige Phänomene historischen gegenüberzustellen und umgekehrt, wodurch sich ungeahnte Erkenntnismöglichkeiten ergeben, so die Idee hinter der Ausstellung. Kann Andy Warhols Red Lenin (1987) dem Bildnis des Grafen Saurau von Heinrich Füger (1797) neue Aussagen entlocken? Welche Gemeinsamkeiten und Gegensätze gibt es zwischen Josef Kriehubers Porträtlithografien der österreichischen Gesellschaft um 1850 und Andy Warhols Siebdruckserie Ladies and Gentlemen von 1975?

Beim Besuch der Ausstellung trifft man nicht selten auf ungewohnte Kombinationen. Dabei wird klar, dass die Geschichte der Darstellung der Menschen letztlich auch die Geschichte ihrer selbst ist, die auf den Bildwerken auch durch Details wie Kleidung, Frisur, Schmuck usw. sichtbar wird. „In der Ausstellung ist die Verschränkung von Kunst und Alltag deutlich spürbar“, wie es Kurator Günter Holler-Schuster beschreibt.

Kurator Günther Holler-Schuster: “In der Kunstgeschichte ist das Porträt allgegenwärtig, doch es hängt auch mit unserer ganz individuellen Lebenssituation zusammen. Mit der Ausstellung wird nicht nur an die porträtierten Persönlichkeiten die Frage gestellt: ‚Wer bist du?‘. Die Besucherinnen und Besucher werden beim Betrachten der Porträtkunst auch zur Reflexion über ihre eigenen Rollenverhalten im täglichen Leben angeregt.”

Selbstdarstellung damals und heute

Die Schau, die insgesamt keiner linearen Chronologie folgt, sondern immer wieder bewusst eine Verschränkung von Zeiten anstrebt, spannt den Bogen von der klassischen Porträtkunst des 19. Jahrhunderts bis hin zur Gegenwart. Darüber hinaus ist jedes der gezeigten Werke mit einem eigenen QR-Code versehen, der die Besucher/innen zu den Biografien der porträtierten Persönlichkeiten führt.

Unter dem Hashtag #museumselfie sind die Besucher/innen dazu eingeladen, Selfies mit den ausgestellten Arbeiten auf Instagram zu teilen. „Indem wir das omnipräsente Smartphone als Medium in die Ausstellung integrieren, möchten wir auch zum Nachdenken über Aspekte der Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung im Zeitalter der digitalen Medien anregen“, erklärt Kuratorin Gudrun Danzer.

Wer bist du? Porträts aus 200 Jahren ermöglicht damit einen kritischen und intimen, aber vor allem einen frischen Blick auf das facettenreiche Genre der Porträtkunst. Die Ausstellung ist noch bis September 2017 in der Neuen Galerie Graz zu sehen.

Machen Sie mit und teilen Sie Ihr #museumselfie mit @museumjoanneum auf Instagram!

Kategorie: Neue Galerie mit BRUSEUM
Schlagworte: Neue Galerie Graz | Pop-Art | Porträt


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