3. April 2015 / Christoph Pelzl

“Und der Landschaft ist das alles komplett egal”

Kuratieren | Volkskundemuseum

Ein Interview mit Eva Kreissl, Kuratorin der Ausstellung Steiermark im Blick des Grazer Volkskundemuseums zu Fragen von Landschaft, Landwirtschaft und der Rolle des Tourismus in der Steiermark.

Dr. Eva Kreissl beim Steiermark-Spiel in der Ausstellung

Dr. Eva Kreissl beim Steiermark-Spiel in der Ausstellung

MB: 1881 wurde in Graz der erste österreichische Fremdenverkehrsverein gegründet: Ist die Steiermark quasi die Wiege des Fremdenverkehrs?
EK: So kann man das nicht sagen. Fremdenverkehr entwickelte sich zur gleichen Zeit in verschiedenen  anderen Ländern auch. Nur haben einige Steirer besonders gut die Chance erkannt, aus dem Fremdenverkehr einen Nutzen zu ziehen. Man hat sich organisiert, Werbeinitiativen ergriffen, die Verkehrsbedingungen optimiert und Verbesserungen in der Zugänglichkeit der Berge geschaffen. Die Bevölkerung wurde angeregt, qualitätsvolle Unterkunftsmöglichkeiten zu schaffen, damit mehr Gäste in die Steiermark kommen. Insofern könnte man vielleicht sagen, dass die Steiermark dieses wirtschaftliche Potenzial ihrer Landschaft sehr früh entdeckt hat. Fremdenverkehrsvereine sind aber rasch auch in anderen Bundesländern entstanden.

MB: Wie wurde denn für die Steiermark geworben?
Es gab schon sehr früh professionelle Plakatwerbung. Hier ging die Initiative nicht nur von einzelnen Hotels und Kurorten aus, sondern auch von den Verkehrsbetrieben und Eisenbahnunternehmen, wie der Südbahngesellschaft. Von Beginn an bis weit in die Zwischenkriegszeit hinein stand immer die Erreichbarkeit der Erholungsorte im Mittelpunkt: Einerseits wollte man eine Idylle verkaufen und bewarb diese mit guter, sauberer Luft, Ruhe und Abgeschiedenheit, andererseits stellte man klar: Liebe Gäste, ihr kommt ganz leicht dorthin. In den 1930er-Jahren kamen dann Abbildungen von Menschen mit ins Bild. Kernige Burschen, fesche Frauen, nordisch wirkende Typen – entweder fröhlich lächelnd in der Tracht oder beim Schifahren. Es dauerte noch ungefähr zwanzig Jahre, bis der Gast selbst in den Fokus der Werbung geriet, als glücklicher Mensch, der die Landschaft aktiv genießt.

MB: Hält die Landschaft das, was die Werbung verspricht?
EK: Werbung ist dazu da, Sehnsüchte zu wecken und Träume zu verkaufen.  Ein panoramatischer Blick auf die Landschaft, wenn man zum Beispiel vor einer Almhütte sitzt, entspricht genau den Werbeklischees. Wenn ich mir die Aussicht durch einen anstrengenden Aufstieg auch noch hart erkämpft habe, dann wird sich das versprochene Glücksgefühl sicher einstellen. Die Nahwelten in Tourismusgegenden erlebt man natürlich anders, da gibt es dann Tankstellen, Supermärkte, Schnellstraßen.

MB: Die Werbung sagt aber auch: Wenn Du das genießt, was wir dir anbieten, dann machst du es richtig.
EK: Das führt dazu, dass viele das Erlebnis gar nicht mehr genießen können, weil es schließlich für andere dokumentiert werden muss. Früher wurden dazu Postkarten geschrieben, heute ist der eigene Blick in die Kamera wichtiger. Die sozialen Medien werden überflutet von Selfies vor einer Landschaftskulisse. Dieser Beweis, dass man dort war, dass man dabei ganz, ganz glücklich war, scheint oft wichtiger zu sein als einfach die Aussicht von der Almhütte auf sich wirken zu lassen.

MB: Was bedeutet der Tourismus für die steirische Landschaft?
EK: Es kommt auf das Wie an: Industrielle Landwirtschaft kann in den Bergen ohnehin nicht betrieben werden, also setzen viele Landwirte, die oft auch Vermieter sind, auf ökologische Produktion. Dabei pflegen sie die Landschaft, halten sie frei von zu großen Waldbeständen, mähen die Wiesen. Auf besonders schwierigem Gelände lohnt sich die Landwirtschaft eigentlich nicht mehr, da steht die Landschaftspflege im Vordergrund. Nach wie vor ist es die bäuerliche Bevölkerung, die die „grüne Steiermark“ macht.
Im Wintertourismus ist es problematischer. Viele Tourismusgemeinden setzen auf immer mehr Infrastruktur und Attraktionen in den Bergen als Anreiz für immer mehr Menschen, sprich: höhere Einnahmen. Im Sommer, wenn der Schnee die meisten ästhetischen Entgleisungen nicht mehr bedeckt, sieht man erst den Frevel an der Landschaft.

MB: Sind die touristischen Eingriffe in die Natur also nicht mehr verkraftbar?
EK: Auch das ist eine Frage des Standpunkts. Mich wundert oft die ästhetische Ignoranz der Menschen gegenüber ihrem eigenen Lebensraum, nicht nur in Tourismusgegenden. Auch die ökologische Unaufmerksamkeit bei vielen Entscheidungen zur Umrüstung der Landschaft lässt nicht viel  Verantwortungsbewusstsein spüren. Ich denke, es wird in Zukunft zwei Parallelentwicklungen geben: Die eine, die immer weiter an dieser Schraube dreht, und die andere, die sagt: Es reicht. Die Position, selbst zu entscheiden, wann ich genug habe, um ein gutes Leben zu führen, ist sicher weit angenehmer, als wenn ich das erst am Ende der Fahnenstange entdecke. Und der Landschaft ist das alles komplett egal. Wir sollen nicht wegen ihrer selbst auf sie achtgeben, sondern wegen uns. Die Natur wird uns ohnehin überleben.

Steiermark im Blick. Perspektiven auf eine Landschaft
Volkskundemuseum, Paulustorgasse 11–13a, 8010 Graz
Laufzeit: 20.03.2015–06.01.2016

Interview: Nina Bachler und Theresa Wakonig

Kategorie: Kuratieren | Volkskundemuseum
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