Kredenz, Inv.-Nr. 9721, (rechts), positioniert in der Sonderausstellung des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg neben einem Sekretär von Sebastian Schrobenhauser (links), beide 1904, Foto © V. Delic, Museum für Geschichte, UMJ.

16. August 2018 / Valentin Delic

„… hoffend, dass die Möbel auch in Graz Anklang finden …“ – Ein Jugendstilmöbel für das Joanneum aus dem Riemerschmid’schen Meisterkurs von 1904

Konservieren & Restaurieren | Museum für Geschichte

Am 20.6.2018 wurde die Sonderausstellung „Richard Riemerschmid. Möbelgeschichten“, kuratiert von Petra Krutisch, im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eröffnet. Die Schau würdigt den berühmten Designer des Jugendstils zu seinem 150. Geburtstag. Riemerschmid (1868–1957) war bildnerischer Entwerfer, Kunstprofessor, Architekt und einer der bedeutendsten Künstler des Jugendstils im deutschsprachigen Raum.

Porträt Richard Riemerschmid (1868–1957), um 1910,
Foto @ Germanisches Nationalmuseum

Die Riemerschmid’schen Meisterkurse – Innovation im Kunstgewerbe um 1900

Nachdem zunächst – von 1901 bis 1902 – Peter Behrens die ersten Meisterkurse am Bayerischen Gewerbemuseum in Nürnberg abhielt, folgte zwischen 1903 und 1905 Richard Riemerschmid mit drei vierwöchigen Kursen, an denen Meister unterschiedlicher Fachbereiche teilnehmen konnten. Währenddessen entstanden Entwürfe und Arbeiten unterschiedlicher kunstgewerblicher Gattungen. Vertreten waren Kunstschreiner, Holzbildhauer, Ziseleure, Kunstgießer, Dekorationsmaler, Posamentierer, Elfenbeinschnitzer, Kunstdrechsler, Kunstschlosser sowie Juweliere und Goldschmiede und selbst ein Konditor. Einer der 21 Teilnehmer war der seit 1899 in Nürnberg lebende und 1864 in Graz geborene Schreinermeister Carl Georg Margreitner, der 1904 eine komplette Speisezimmerausstattung nach Entwürfen von Heinrich Höllfritsch im Zuge dessen umsetzte. Zu dieser gehörten „1 Büffett, 1 Credenz, 1 Auszugstisch, 1 Sofa mit Umbau, 6 Stühlen“ und „1 Uhr mit Werk für zusammen 1.150 Mark“. Nach der Herstellung wurden die Erzeugnisse jedes Jahr im November und Dezember auf einer mit dem Dürerbund initiierten Ausstellung im Gewerbemuseum präsentiert. Ein in den Akten des Museums für Geschichte am Universalmuseum Joanneum erhaltener Brief Margreitners an Karl Lacher, den damaligen Direktor des „Kulturhistorischen und Kunstgewerbe=Museums“, belegt, dass jener diese Ausstellung in Nürnberg besuchte und Interesse an den damals hochmodernen Möbelstücken des gebürtigen Grazer Tischlermeisters bekundete.

Speisezimmerausstattung, Entwurf: Heinrich Höllfritsch, Ausführung: Carl Margreitner während des II. Riemerschmid’schen Meisterkurses, präsentiert während der Ausstellung im Bayerischen Gewerbemuseum Nürnberg, 1904. (Quelle: Vorbildersammlung, Museum für Geschichte, UMJ)

Der Brief Carl Margreitners

Infolgedessen wendete sich Margreitner am 3. Februar 1905 an Lacher, indem er ihm mitteilte, dass die von ihm gewünschten Möbel am 6. desselben Monates versendet werden würden. Der Versand erfolgte per Eisenbahn von Nürnberg nach Graz. Weiters gibt er Auskunft, dass die Kredenz nach wie vor dieselbe sei, die Lacher während der Ausstellung in Nürnberg gesehen hatte. Die Kunden, die den Rest der kompletten Zimmerausstattung kauften, hatten für diese keinen Platz mehr. Interessanterweise lieferte Margreitner selbst in diesem Brief auch den Hinweis auf das oben gezeigte Foto – das einzige, das nach bisherigem Recherchestand von dieser Ausstellung existiert – indem er schreibt, dass er die Fotografien, die die komplette Zimmerausstattung zeigen, im Schubkasten der Kredenz mit nach Graz versendet habe. Genau diese Fotografie konnte erfreulicherweise in der von Lacher angelegten Vorbildersammlung der Abteilung wiedergefunden werden.

Aus dem Brief geht ferner auch sehr deutlich hervor, welch wirtschaftlicher Erfolg sich bei Margreitner durch die Teilnahme am Riemerschmid’schen Meisterkurs einstellte. So bemerkte er, dass er die Zimmerausstattung bislang bereits sechs Mal verkauft hätte und leider den Folgekurs wegen Auftragsüberlastung nicht besuchen könne. Neben der Kredenz ging auch einer der Stühle an das Museum in Graz. Zwischen 7. und 16. Februar 1905 kamen diese damals äußerst modernen Möbelstücke des Nürnberger Schreinermeisters mit steirischen Wurzeln in Graz an und wurden Teil der Möbelsammlung des damaligen „Kulturhistorischen und Kunstgewerbe=Museums“ – des heutigen Museums für Geschichte.

Die Kredenz Carl Margreitners – Funktion eines Möbeltypus

Eine Kredenz stellte in der bürgerlichen Wohnkultur jener Jahre um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einen wichtigen Bestandteil des Esszimmers dar. Auch als „Anrichte“ bezeichnet, hatte dieses Möbelstück bestimmte Funktionen zu erfüllen. Im Gegensatz zum größeren, meist dazu passenden Buffetschrank (siehe historisches Foto, rechte Seite), der eher zur Aufbewahrung von Tischwäsche, Besteck, Geschirr und Gläsern diente und auf dem mitunter besonders wertvolle Dinge des Haushaltes wie auf einer Art Schaubuffet präsentiert wurden, war die Anrichte ein wesentlich kleineres Möbelstück, positioniert meist in direkter Nähe des Esstisches. So wurden auf ihr die in der Küche bereiteten Speisen in entsprechenden Gefäßen wie Suppenterrinen, Schüsseln oder auf Platten abgestellt. Wie auch im vorliegenden Fall hatten die Kredenzen häufig zusätzliche Ausziehplatten, auf denen die Teller abgestellt und die Speisen angerichtet werden konnten, bevor sie, vielfach vom Dienstpersonal, bei Tisch serviert wurden.

Kredenz, Inv.-Nr. 9721, Ansicht im Profil, Foto © V. Delic, Museum für Geschichte, UMJ.

Seine Ursprünge hat der Möbeltypus und auch der Begriff „Kredenz“ im renaissancezeitlichen Italien. Vom mittellateinischen Wort credentia für Vertrauen geht der Begriff credenza zurück auf die italienische Redewendung far la credenza („Prüfung auf Treue und Glauben“), was die Aufgabe des Mundschenkes oder Dieners umschrieb, der am Anrichttisch die Speisen und Getränke für seine Herrschaft vorkostete.

Das Unterteil von Carl Margreitners Jugendstil-Kredenz aus der Kulturhistorischen Sammlung ruht auf einem Sockel, dessen Bretter mittig segmentbogenartig ausgeschnitten sind. Der Unterschrank ist durch zwei unterschiedlich breite und auch verschiedenartig aufgeteilte Türblätter verschlossen, was die für den Jugendstil vielfach gewollte, typische Asymmetrie zusätzlich betont. Darüber ist ein Schubkasten eingeschoben, der über die gesamte Breite des Möbels reicht. Unterhalb der Deckplatte befindet sich die bereits erwähnte Auszugsplatte.
Der Kredenzaufsatz ist separat gefertigt und steht, fixiert durch zwei in Löcher der Deckplatte eingreifende Holzdübel, auf dem Unterteil. Durch die beiden horizontalen Bretter, eines mittig, ein weiteres, tieferes oben, bekommt der Aufsatz eine Art Regalfunktion.

Kredenz, Inv.-Nr. 9721, Ansicht im Profil mit herausgezogener Platte, Foto © V. Delic, Museum für Geschichte, UMJ.

Bemerkenswert sind die markanten, aus Messing gegossenen Beschläge, vor allem die in Art stilisierter Blattranken ausgeformten Langbänder. Bei näherer Untersuchung dieser Bänder stellte sich heraus, dass es sich um reine Zierbeschläge handelt, die keinerlei technische Funktion haben. Bei den eigentlichen Scharnieren handelt es sich um einfache sog. Lappenbänder, an die die Zierbeschläge seitlich so geschickt angesetzt sind, dass es den Anschein macht, als wären sie ein Teil derselben.

Die ursprüngliche Farbigkeit der Holzoberflächen – eine Spurensuche

Der Inventarbucheintrag von 1905 beschreibt das Möbelstück als „grau gebeizt“, während auf der Karteikarte, die aus jüngerer Zeit stammt, das Möbel als „hellbraun gebeizt“ beschrieben wird. Während der Dokumentations-, Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten im Vorfeld der Ausleihe an das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg konnten an diversen lichtgeschützten Partien sowie vor allem unter den Beschlägen originale Farbbefunde festgestellt werden.

Kredenz, Inv.-Nr. 9721, Detail des rechten Türblattes mit grünlich-grauem Farbbefund unter dem oberen Zierbeschlag, Foto © V. Delic, Museum für Geschichte, UMJ.

So waren sämtliche aus massivem Eschenholz bzw. mit Eschenholz furnierte Sichtseiten ursprünglich grünlich-grau gebeizt und matt lackiert. Durch den Lichteinfluss eines Jahrhunderts ist diese Farbigkeit nur mehr auf lichtgeschützten Partien des Möbels erhalten geblieben. Diese Farbreste vermitteln aber dennoch eine gute Vorstellung vom ursprünglichen Farbeindruck des Möbelstückes bzw. der gesamten Möbelgruppe.

Transport und Ausstellung

Der Transport der Kredenz nach Nürnberg fand am Montag, dem 11.06.2018 statt. Am 13.06. wurde die Kredenz im Anlieferungsbereich des Germanischen Nationalmuseums ausgepackt, kontrolliert und gemeinsam mit der Kuratorin Petra Krutisch und dem zuständigen Möbelrestaurator Martin Mayer in der Sonderausstellung positioniert und eingeleuchtet.

Kredenz, Inv.-Nr. 9721, spezialverpackt im Anlieferungsbereich des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, Foto © V. Delic, Museum für Geschichte, UMJ.

Die Kredenz aus der Sammlung des Joanneums wird in der Sonderausstellung des Germanischen Nationalmuseums noch bis Ende Jänner 2019 gemeinsam mit weiteren Möbeln und kunsthandwerklichen Objekten – teilweise entworfen von Richard Riemerschmid und weiteren Nürnberger Kunsthandwerkern des Jugendstils – sowie einem Sekretär von Sebastian Schrobenhauser, der diesen ebenfalls im Meisterkurs von 1904 entwarf, zu sehen sein.

Kategorie: Konservieren & Restaurieren | Museum für Geschichte
Schlagworte: Handwerk | Jugendstil | Möbel


Folgende Beiträge sind für dich interessant:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>