29. Juli 2015 / Hannah Lackner

„Fashion Victims“ – im wahrsten Sinne des Wortes! #Genauerhinsehen

Konservieren & Restaurieren

In der Serie “Genauer Hinsehen“, gab unser Chefrestaurator Paul-Bernhard Eipper zahlreiche Tipps für Restauratorinnen und Restauratoren sowie Einblicke in seinen Arbeitsalltag. In unserem letzten Blogbeitrag wurden Details zu verborgenen Flächen unter dem Zierrahmen freigelegt. Heute stehen Veränderungen am Gemälde im Fokus, die oftmals den tieferen Sinn eines Bildes gänzlich verändern...

 

Anonym, „Knabenbildnis“, nach der Restaurierung mit freigelegter, ehem. dunkel übermalter Hand mit Blasrohr und Seifenblase (Homo bulla), 2007, Foto: Universalmuseum Joanneum/P.-B. Eipper

Anonym, „Knabenbildnis“, nach der Restaurierung mit freigelegter, ehem. dunkel übermalter Hand mit Blasrohr und Seifenblase (Homo bulla), 2007, Foto: Universalmuseum Joanneum/P.-B. Eipper

 

Jede Zeit hat ihre Moden. Das betrifft auch die Kunst – und den Umgang mit ihr. Heute ist es tabu, ein Gemälde, das nicht mehr gefällt, einfach umzugestalten. Doch in früheren Jahrhunderten begegnete man Kunstwerken weniger ehrfurchtsvoll!

Das Porträt einer verstorbenen Vorfahrin ist aus der Mode gekommen? Ein Gemälde enthält ein allzu ernsthaftes Detail? Kunstwerke einfach wie zu eng gewordene Kleidungsstücke abändern zu lassen, war früher zwar auch nicht gang und gäbe, allerdings nicht vollkommen tabu. Die Bildaussage und künstlerische Intention wurde bei solchen Übermalungen und Schönungen oft außer Acht gelassen.

 

Spektakuläre Entdeckungen

Oft wurden derartige Überarbeitungen im Laufe der Zeit schlichtweg vergessen, und die übermalten Partien kommen erst bei Restaurierungen wieder zum Vorschein. Das führt manchmal zu überraschenden Erkenntnissen, wie die folgenden vier Beispiele belegen:

Das Porträt der Euphrosina Blimlin aus der Sammlung der Alten Galerie entstand im Jahr 1594 von der Hand eines anonymen Malers. Um 1900 wurde es kurzerhand dem Zeitgeschmack angepasst. Die Tatsache, dass die Dargestellte nach rund 300 Jahren längst in Vergessenheit geraten war, hat die Hemmschwelle für diesen radikalen Eingriff sicherlich herabgesetzt.

 

Anonym: „Euphrosina Bimlin“, 1594, Öl auf grundiertem Holz, Alte Galerie, ca. 1900-2008 mit Übermalung, Foto: Universalmuseum Joanneum/P.-B. Eipper

Anonym: „Euphrosina Bimlin“, 1594, Öl auf grundiertem Holz, Alte Galerie, ca. 1900-2008 mit Übermalung, Foto: Universalmuseum Joanneum/P.-B. Eipper

 

Ebenfalls in der Alten Galerie findet sich ein anonymes Knabenbildnis aus der Zeit um 1650. Im Zuge der Restaurierung zeigte sich, dass im 19. Jahrhundert ein Teil des Gemäldes schwarz übermalt wurde: An dieser Stelle waren einst Schulter, Arm und Hand des Knaben dargestellt, der ein Blasrohr mit Seifenblase hielt. Empfand man diesen Bildausschnitt als weniger geglückt? Lenkte das Übermalte zu sehr vom Porträt ab? Oder deprimierte den Besitzer die ursprüngliche Aussage dieses Bildes? Der tiefere Sinn des Werkes ging jedenfalls verloren. Er lautet: „Homo bulla“ – der Mensch ist (vergänglich) wie eine Seifenblase.

 

 

Eine barocke Kopie der Venus mit Spiegel nach Tizian aus der ehemaligen Sammlung Toussaint, ehemals München, ist dem Original in Washington noch ähnlich. Eine weitere historische Kopie der Venus, heute im Schloss in Celle, ist dem vorhergehenden Besitzer irgendwann einmal zu groß gewesen: Bei der Verkleinerung des Bildformates wurden auch die beiden Putten im Hintergrund des Gemälde beschnitten und anschließend dunkel übermalt. Allerdings halten diese Putten den Spiegel, dem sich Venus mit einer seitlichen Drehung zuwendet. Die dabei entstehende Körperhaltung ist nach der Übermalung nicht mehr nachvollziehbar.

 

 

Schließlich finden wir im Hintergrund einer Werkstattkopie der Mona Lisa im Prado, Madrid, eine Landschaft, die im 19. Jahrhundert dunkel übermalt wurde – wohl, um das Porträt zu „niederlandisieren“. Mit der Freilegung der ursprünglichen Landschaft konnte auch belegt werden, dass diese Kopie zeitgleich mit dem berühmten Original im Atelier von Leonardo da Vinci entstanden ist.

 

 

Beim Nachdenken über diese Beispiele wird klar, wie sehr sich die Praxis im Umgang mit historischen Kunstwerken bis heute verändert hat. In manchen Fällen kann das ursprüngliche Erscheinungsbild annähernd wieder hergestellt werden, oft sind die willkürlichen Interventionen allerdings nicht mehr rückführbar.

 

Text: Paul-Bernhard Eipper
Bearbeitung: Hannah Lackner

Kategorie: Konservieren & Restaurieren
Schlagworte: Blogserie Genauer hinsehen


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