13. April 2012 / Eva Kreissl

Dem Zufall ein Schnippchen schlagen

Volkskundemuseum

Im Volkskundemuseum ist man nicht abergläubischer als anderswo – doch die Mitarbeiterinnen wissen sehr viel über den sogenannten Aberglauben. Gemeinsam mit den Kolleg/innen Gabriele Ponisch und Michael Greger vom Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz haben Roswitha Orač-Stipperger und Eva Kreissl zwei Jahre lang alte Traditionen der Popularmagie in der Steiermark und die gegenwärtige Bedeutung des Aberglaubens untersucht.

Superstition – Dingwelten des Irrationalen

Das Projekt „Superstition – Dingwelten des Irrationalen“ wurde vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung gefördert. Abschließend kamen im vergangenen November Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen aus dem deutschsprachigen Raum nach Graz, um bei einer Tagung am Volkskundemuseum ihre Arbeiten zum Thema vorzustellen und über den heutigen Stellenwert des Aberglaubens zu diskutieren. Die Vorträge erscheinen im Herbst in dem Buch „Kulturtechnik Aberglaube“.

 

Woher kommt der Aberglaube?

Es war zunächst die Kirche, die bestimmte, was rechter und was Aber-Glaube war, danach waren es die Skeptiker der Aufklärung, Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner, die zu wissen glaubten, was die Welt im Innersten zusammenhält und andere Vorstellungen als die eigenen als abergläubisch abtaten

Doch sie alle haben weder die kleinen abergläubischen Rituale des Alltags, noch die komplexen Gegenlehren besiegen können, mit denen bis heute die meisten Menschen alternativ oder parallel zu den anerkannten Welterklärungsmodellen versuchen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und mit den verschiedensten Praktiken und Ritualen zu beeinflussen. Und je rigoroser die als gesichert angesehenen Deutungsmächte ihre Lehren durchsetzen, um so mehr suchen die Menschen nach Trost und Verortung in einer anderen Sicht auf die Welt.

Der Aberglaube ist also nicht Feind von Religion oder Aufklärung, sondern deren (ungewolltes) Kind. Und alle wollen sie das Gleiche: die Angst vor dem Zufall bannen – sei es durch einen Gott, durch die Vernunft oder ein System, das den Kosmos und die Stellung des Menschen in ihm handhabbar machen soll.

 

Die ‘Wunderpflanze’ Alraune

Jahrhundert auf, die einst Menschen dienten, ihre Alltagsnöte und fundamentalen Ängste zu bekämpfen, Krankheiten und Unheil fern zu halten oder eine zukünftige Entwicklung auf magische Weise zu beeinflussen. Ein Vielkönner unter ihnen ist die Alraune.

Das Museum beherbergt als Erinnerungsspeicher für die Kultur der kleinen Leute natürlich nicht die teure Wurzel der Mandragora (Mandragora officinarum), die bei uns nicht gedeiht und daher nur in den Kabinetten der Wohlhabenden zu finden war.

Die Alraune im Volkskundemuseum ist ein in unseren Breiten allgemein anerkannter Schwindel, nämlich die Wurzel einer Zaunrübe (Bryonia alba), die aber ebenso giftig ist wie diese und eine sehr ähnliche Wurzelform besitzt. Diesem, an eine menschliche Gestalt gemahnenden, Wuchs schrieb man bereits im Altertum wundersame Kräfte
zu – die bei der echten Mandragora noch durch die halluzinogene Wirkung der Pflanze unterstützt wurde.

Alraunen wurden als Amulette in Kramläden oder den Andenkenläden der Wallfahrtsorte verkauft. Sie hießen auch „Glücksmandl“ oder „Bergmandl“ und ihrer menschenähnlichen Gestalt wurde oft mit dem Schnitzmesser nachgeholfen. Sie galten als eine Art kleine Hausgötter, die man prächtig kleidete und auf Reisen zum Schutz vor Dieben oder Verletzungen mitnahm oder daheim aufstellte, damit sie über Haus, Hof und Besitztümer, aber auch über die Gesundheit der Bewohner wachen sollten. Sie sollten bei Geburten oder Gerichtsprozessen helfen, Glück im Spiel und in der Liebe bringen. Schon Plinius (23 – 79 n. Chr.) beschreibt die Mandragora als Liebestrank während Dioskurides (1. Jahrhundert n. Chr.) in seiner Materia Medica ihre medizinische Anwendung gegen Entzündungen, Geschwüre oder bei Schlangenbissen hervorhebt.

Jeder Harry-Potter-Fan weiß, dass die Alraune beim Herausziehen aus der Erde einen Mark und Bein erschütternden Schrei von sich gibt. Wer ihn hört, stirbt auf der Stelle, berichtet bereits Flavius Josephus (37 – 100 n.Chr.) und er empfiehlt, die Wurzel von Hunden ausziehen zu lassen. Der Nähe zum Tod verdankt die Alraune auch den weiteren Namen „Galgenmännchen“, da sie eine besondere Wirkkraft entfalten soll, wenn sie unter einem Galgen aus dem Sperma eines Gehenkten entstanden war.

Heute genießt die Mandragora vor allem Ansehen in Rollenspielen, in der Gothic- oder Doom-Metal-Szene oder in Fantasy-Filmen. Medizinisch wird sie hingegen nur noch hoch potenziert in der Homöopathie verwendet.

Das Volkskundemuseum bewahrt eine umfangreiche Sammlung von Gegenständen aus dem 18. bis zum frühen 20.
Kategorie: Volkskundemuseum
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