24. August 2019 / Elisabeth Eder

24/7 Archäologie: Anja Hellmuth Kramberger und Sarah Kiszter im Interview

Archäologie und Münzkabinett | Museumsalltag

Anja Hellmuth Kramberger und Sarah Kiszter sind Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen bei den Projekten Iron-Age-Danube und PaleoDiversiStyria im Referat Archäologie & Münzkabinett. Im Interview durften wir sie und ihre Arbeit besser kennenlernen.

Frau Hellmuth Kramberger, Sie sind wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Projekt „Iron-Age-Danube“. Wie darf man sich einen typischen Arbeitstag bei Ihnen vorstellen?

Anja Hellmuth Kramberger: Ein typischer Arbeitstag beginnt und endet am PC im Gärtnerhaus in Eggenberg. Auch wenn sich das etwas langweilig anhört, ist es das keinesfalls, weil die Aufgaben ja ganz vielfältig sind. Im Projekt „Iron-Age-Danube“ haben wir unterschiedliche Arbeitspakete, die ganz verschiedene Aufgaben und Herausforderungen bieten. Auf der einen Seite hat man die wissenschaftlichen Aspekte und auf der anderen Seite eben die Darstellung dieser wissenschaftlichen Inhalte für die Öffentlichkeit – und das in verschiedenen Formen. Wir haben zum Beispiel ein Kindermagazin entwickelt und auch an einer App für Besucher wird gerade gearbeitet.

Sie untersuchen das archäologische Erbe der Frühen Eisenzeit, was wird hier erforscht?

AHK: Wir untersuchen die eisenzeitlichen Kulturlandschaften, das heißt, wir betrachten nicht nur einzelne Fundplätze oder Objekte, sondern die gesamte Landschaft mit vielen verschiedenen Spuren der Vergangenheit. Das sind hier in unserem Raum besonders Grabhügel und befestigte Siedlungen in erhöhter Lage, die den Menschen Schutz boten, aber auch Wege und sonstige Spuren der damaligen Tätigkeiten.

„Iron-Age-Danube“ wird gemeinsam mit drei weiteren Ländern durchgeführt. Bringt dieses Projekt dadurch auch viele Dienstreisen mit sich?

AHK: In erster Linie bin ich in Eggenberg, aber ich bin in der Tat auch relativ oft auf Dienstreisen. Ein wichtiger Teil von „Iron-Age-Danube“ sind unsere Archäologie-Camps, die einerseits in Großklein und Strettweg stattgefunden haben, andererseits in unseren Partnerländern Kroatien, Slowenien und gerade im Moment in Ungarn. Da gibt es dann viele Veranstaltungen und auch Arbeitsgruppen-Treffen, für die es regelmäßig auf Reisen geht.

Grabungen am Königsberg: Auch wissenschaftliche Grabungsarbeiten gehören zum Arbeitsalltag von Anja Hellmuth Kramberger. 

Ein wichtiger Teil von “Iron-Age-Danube” sind die Archäologie-Camps: Anja Hellmuth Kramberger (ganz rechts) mit ihren Kollegen voll im Einsatz. Foto: R-Raggam 

Stichwort Dienstreisen: Wie sieht das bei „PaleoDiversiStyria“ aus?

Sarah Kiszter: Bei mir hängt es sehr davon ab, woran wir gerade arbeiten. Es gibt Tage, da sitze ich auch ganztägig vor dem PC, aber wir haben – wie auch bei „Iron-Age-Danube“ – entschieden, dass wir an die Öffentlichkeit gehen und aus unseren Ergebnissen Produkte entwickeln wollen. Das heißt, ich muss durchgehend mit den Betrieben, die wir für unsere Pilotprodukte gewonnen haben, in Kontakt stehen und sie regelmäßig besuchen.

An welchen Produkten wird beispielsweise gerade gearbeitet?

SK: Wir haben etwa ein eisenzeitliches Bier aus Uremmer gebraut oder römische Käsesorten und Amphorenwein produziert. Neben der Identifizierung und Revitalisierung von historischen Pflanzenarten versuchen wir aber auch zu rekonstruieren, wie die Landwirtschaft damals ausgesehen hat und welche Geräte dafür verwendet wurden. Besonders spannend ist auch das Nachbauen solcher Geräte. Dann stehen wir beispielsweise zwei Tage in der Werkstatt und bauen jungsteinzeitliche Holzpflüge, Klingen und Dreschschlegel nach oder bestellen händisch ein Feld mit Uremmer.

Werden diese Produkte dann auch von Ihnen verkocht?

SK: Ja, bevor wir Protoprodukte bei Betrieben herstellen, müssen wir vorher schauen, ob es überhaupt möglich ist und ob es auch schmeckt. Gekocht wird nach alten Rezepten. Vor allem die römischen Rezepte sind extrem gut. Apicius, ein römischer Gourmet, hat im 2. Jahrhundert n. Chr. die allererste Rezeptsammlung – also das allererste Kochbuch – verfasst. Darin finden sich Rezepte von Eintöpfen und Aufstrichen bis hin zu Flamingo-Zunge. Also Flamingo-Zunge habe ich persönlich noch nie nachgekocht oder gekostet, ich wüsste auch gar nicht, wo man das bekommt. Etwas, das bei den Römern sehr gerne und praktisch zu allem gegessen wurde, war Garum – eine Art Fischsauce, die wie das heutige Ketchup zur Verwendung kam.

Und was aß man vor rund 9000 Jahren?

SK: Also 100 % sicher kann man das natürlich nie sagen, aber es ist so, dass man das gegessen hat, was einem die Natur gegeben hat. Das können Nüsse sein, Beeren, Knollen und natürlich auch Fleisch. Wobei in der Altsteinzeit viel Fleisch wahrscheinlich noch roh und direkt verzehrt worden ist. Etwas später hat sich das allmählich verändert, man hat begonnen Fleisch zu kochen, zu grillen und zu garen und auch Getreide anzubauen. Der Speiseplan wurde immer größer.

Würde uns das auch heute noch schmecken?

SK: Ja, natürlich, es wurden Dinge verwendet wie Karottensamen, Nüsse, Wacholderbeeren, Johanniskraut oder Brennesselsamen, diese sind beispielsweise sehr schmackhaft und energie- und vitaminreich. Ich würde sogar behaupten, dass die Ernährung der Menschen damals vielfältiger war als unsere.

Wie kam das Projekt „PaleoDiversiStyria“ ins Rollen?

SK: Unser Projektleiter Marko Mele hat in den letzten Jahren in Großklein mehrere Ausgrabungen durchgeführt. Bei solchen archäologischen Ausgrabungen werden gezielt Erdproben genommen. Diese haben sich inzwischen ziemlich angehäuft und so entstand die Überlegung, ein archäobotanisches Projekt entstehen zu lassen.

Mit nachgebauten, jungsteinzeitlichen Arbeitsgeräten bestellte Sarah Kiszter (4.v.r.) gemeinsam mit dem PaleoDiversiStyria-Team ein Feld mit Uremmer. Mit der Ernte wurde erst kürzlich eisenzeitliches Bier gebraut. 

Schweißtreibende Arbeit: Die in der Werkstatt nachgebauten Holzpflüge, Klingen und Dreschschlegel, kamen auf dem Testfeld zum Einsatz. 

Welche Rolle spielt der RegioStars Award für das Projekt „Iron-Age-Danube“?

AHK: Der RegioStars Award ist natürlich eine sehr wichtige und große Sache. Hier werden von der Europäischen Kommission besonders originelle und innovative Projekte ausgezeichnet, die inspirierend für andere Regionen und zukünftige Projekte sein können. Wir hätten es uns nie träumen lassen, unter all den Teilnehmern ins Finale zu kommen.

Derzeit steht das Projekt auf Platz 7 – rechnen Sie noch damit, zu gewinnen?

AHK: Noch ist nichts verloren! Platz 7 von 21 lässt sich sicher noch verbessern, also: Alle zum Voting, die es bisher noch nicht gemacht haben!

Was verbindet die beiden Projekte?

AHK: In beiden Projekten ist es das Ziel, den Menschen das kulturelle Erbe näherzubringen. Dabei verfolgen beide Projekte teilweise ganz ähnliche Strategien. Außerdem arbeiten beide Projekte grenzübergreifend, was wichtig ist, da die heutigen politischen Grenzen in der Prähistorie natürlich nicht bestanden. Uns geht es auch darum, dass die Menschen durch mehr Informationen einen besseren Zugang zum kulturellen Erbe bekommen, denn nur wer es versteht, sieht letztendlich auch einen Sinn darin, kulturelles Erbe zu schützen.

Woher kommt das Interesse am Vergangenen, am Alten?

AHK: Das Interesse hat schon in der Grundschule mit dem Geschichtsunterricht angefangen. Ein Highlight war eine Schulexkursion. Da waren wir bei einer römischen Fundstelle in Bayern, auf jeden Fall hat man im Prinzip nur ein paar Hügel und Mauerreste gesehen und für alle anderen war das total öde. Und ich bin herumgewandelt und hab mir alles genau vorgestellt, wie die Häuser dastanden und die Leute herumgelaufen sind, und danach habe ich sofort ein Referat über die römische Baukunst gemacht. Und ich bin schon als Kind immer überall herumgelaufen und habe Dinge gesucht. Es war etwas Tolles für mich, wenn wir am Strand waren und ich beispielsweise eine Münze gefunden habe.

SK: Das war schon immer da, schon als kleines Kind hat mich das unglaublich interessiert. Bei mir sprang der Funke über, als ich mit meinen Eltern Pompeji besucht habe. Dort habe ich realisiert, dass das nicht nur Objekte sind, sondern dass da wirklich Menschen gelebt haben, Kinder gespielt haben – und das ist auch das, was mich bis heute unglaublich daran interessiert. Ich glaube, es geht den meisten Archäologen so, dass sie nicht den großen Schatz finden wollen, sondern eben mehr über das Leben der Menschen erfahren möchten. Und da kann selbst eine einzelne Scherbe, die vielleicht einem Besucher nichts sagt, für uns erstaunlich viele Informationen bieten.

Steht auch in Ihrer Freizeit Archäologie am Programm?

AHK: „Archäologie-frei“ gibt es bei mir im Prinzip nicht, was sicher auch daran liegt, dass mein Mann auch Archäologe ist – 24/7 Archäologie sozusagen. Aber ich habe auch andere Interessen wie Sport, Malen und nicht zuletzt über 200 Orchideen.

SK: Also wenn man in meine Wohnung kommt, merkt man, dass Archäologie meine große Leidenschaft ist. Rund 90 % meiner Bücher haben damit zu tun, auch Fotos von bekannten Ausgrabungsstätten hängen bei mir herum. Daneben habe ich aber auch viele andere Hobbys wie Race-Boarden im Winter oder Yoga. Und wenn es die Zeit erlaubt, verreise ich.

Kategorie: Archäologie und Münzkabinett | Museumsalltag
Schlagworte: Arbeiten im Museum


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