Credit: Multimediale Sammlungen, Foto: Franz Josef Böhm

Feinblechwalzwerk Friedrichhütte, 1931

26. August 2019 / Bianca Russ-Panhofer

Franz Josef Böhm – Chronist des Mürztals

Peter Rosegger

Franz Josef Böhm fotografierte die in Mürzzuschlag und Hönigsberg gelegenen Betriebsanlagen der metallverarbeitenden Bleckmann-Werke im Laufe von knapp 30 Jahren. Das früheste Bild der Werksanlage in der Ausstellung Franz Josef Böhm. Fotopionier des Mürztales im Studierstüberl des Rosegger-Museums stammt aus dem Jahr 1905 und zeigt den Standort Mürzzuschlag mit rauchenden Kaminschloten und den ersten Arbeiterunterkünften. Das jüngste Bild wurde 1931 am Standort Hönigsberg aufgenommen und hält einen Blick in das Halleninnere des Feinblechwalzwerkes Friedrichhütte fest.

Eisenhämmer gab es in Mürzzuschlag schon im Hochmittelalter und bereits 1360 erhielt der Markt das Vorrecht für die „alleinige Produktion von Kleineisen“ zwischen Leoben und dem Semmering.

Ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1862, erwarb Heinrich August Bleckmann (1826–1891) aus Solingen das Hammerwerk Phönix in Mürzzuschlag und gründete die Phönix-Stahlwerke Joh. E. Bleckmann – nach seinem Vater, dem Firmengründer in Solingen, Johann Elias Bleckmann benannt. Werkzeuge und diverse Waffenbestandteile wie Sensen und Klingen aus hochwertigem Edelstahl wurden hier produziert. An der Südbahnstrecke Wien–Triest gelegen, war die Lage des Hammerwerkes äußerst günstig.

Durch den Ankauf umliegender Grundstücke wurde das Firmengelände sukzessive erweitert.

Bereits zwei Jahre später wurde der zuvor vor allem aus England bezogene Edelstahl selbst gefertigt. Die ersten Tiegelgussstahlöfen in Mürzzuschlag wurden in Betrieb genommen, die die Grundlage für die Herstellung des begehrten Phönix-Stahls bildeten. Der nun im eigenen Werk erzeugte Stahl wurde in den Wasserhämmern zu Stabstählen weiterverarbeitet. Die ab 1868 aus dem Phönix-Stahl hergestellten Feilen und Werkzeuge waren von so guter Qualität, dass sie bereits in den 1870er-Jahren bis nach Indien geliefert wurden.

Hammerwerke im benachbarten Ort Hönigsberg wurden zunächst angemietet, dann angekauft und zu Blechwalzwerken ausgebaut. Um das Problem des Transportes der erzeugten Ware zum Bahnhof in Mürzzuschlag zu beheben, wurde eine 4 km lange Schmalspurgleisanlage mit einer Spurbreite von 76 cm errichtet.

Credit: Multimediale Sammlungen, Foto: Franz Josef Böhm

Lokomotive „Lotte“, BJ. 1916, mit Personenwagen. Ab 1930 wurden die meist aus Mürzzuschlag stammenden Arbeiter/innen per Werksbahn nach Hönigsberg gebracht

1874 wurde der erste von vier Siemens-Martin-Öfen in Betrieb genommen, im Laufe der Jahre kamen eine Härterei, ein Stahlmagazin, eine Einwaage und Hilfsbetriebe hinzu, auch ein Labor wurde vor Ort angelegt. 1912 entwickelte der Chemiker Ing. Max Mauermann, Leiter der Bleckmann’schen Forschungsabteilung, die ersten nichtrostenden und säurebeständigen Chrom- und Chrom-Nickel-Stähle. Der erste gefertigte Gegenstand war die Klinge eines einfachen Küchenmessers, das zu Testzwecken in Adria-Meerwasser getaucht wurde. Diese Klinge befindet sich heute im Technischen Museum in Wien. Max Mauermann ging als Erfinder des nichtrostenden Stahls in die Geschichte ein. Die Mauermanngasse in Mürzzuschlag und die Max-Mauermann-Gasse in Wien erinnern noch heute an den Chemiker.

Im Ersten Weltkrieg änderte sich die Produktpalette: Nun wurden vorwiegend Schutzschilde, Kraftswerks- und Generatorenanlagen gefertigt. Dadurch widerfuhr „dem Standort […] eine überdimensionale Aufblähung“. Zur Zeit des Krieges lag der höchste Beschäftigungsstand bei etwa 4000 Arbeiterinnen und Arbeitern. Erst nach dem Kriegsende pendelte sich die Beschäftigtenzahl mit ca. 1500 Personen wieder auf dem Vorkriegsniveau ein.

Durch den kriegsbedingten Verlust der Absatzmärkte im Ausland, den Zerfall der Donaumonarchie, die Inflation und Währungsänderung sowie die Umstellung der Produktion und die gesunkene Produktivität aufgrund der schlechten körperlichen Verfassung der Arbeitnehmer/innen schlitterte das Unternehmen in eine Krise. 1921 wurden die Phönix-Stahlwerke Joh. E. Bleckmann in die Bleckmann-Stahlwerke AG umgewandelt. Nur vier Jahre später erfolgte die Fusion mit der Schoeller AG in Ternitz zur Schoeller-Bleckmann AG, ein Großteil der Produktion sowie die Auftragsbehandlung wurde nach Ternitz verlegt. Die Standorte in Mürzzuschlag und Hönigsberg wurden zu Nebenschauplätzen degradiert.

Credit: Multimediale Sammlungen, Foto: Franz Josef Böhm

Wasserkraft- oder Dampfkraftwerke versorgten die Anlagen mit dem nötigen Strom. Das Dampfkraftwerk VII in Hönigsberg mit einer Leistung von 6000 PS stand dem Feinblechwalzwerk Friedrichhütte zur Verfügung

1975 wurde die Schoeller-Bleckmann AG im Zuge der Fusionierung der österreichischen Edelstahlerzeuger der Vereinigte Edelstahlwerke AG angegliedert, 1988 dann durch die Neugründung der Fa. Böhler in Böhler und Schoeller-Bleckmann AG aufgeteilt, später als Böhler-Uddeholm AG teil- und dann vollprivatisiert. Seit 2007 gehören die ehemaligen Phönix-Stahlwerke Joh. E. Bleckmann zum Konzern der voestalpine.

 

 

Kategorie: Peter Rosegger
Schlagworte: 19. Jahrhundert | 20. Jahrhundert | Franz Josef Böhm | Multimediale Sammlungen | Museumswissen | Steirische Geschichte


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