Johann Sturmer vor seinem Friseursalon und Fotoatelier mit Schaukästen für Cartes de visite, um 1910, Foto: Atelier Sturmer, Privatbesitz

15. Juni 2018 / Walter Feldbacher

Landesaufnahme: Ein Fotograf mit Kamm und Schere im oberen Murtal

Museum für Geschichte

Wenngleich schon allein die Tatsache, dass ein Friseursalon in Zeltweg bereits in fünfter Generation geführt wird, eigentlich Grund genug sein müsste, um im Rahmen des Projekts „Landesaufnahme“ auf der Suche nach steirischen Wirtschaftsgeschichten in Foto-, Film- und Tondokumenten hellhörig zu werden, weckte nicht zuletzt die Person des Firmengründers Johann Sturmer das Interesse der Multimedialen Sammlungen.

Hinter dem Gasthaus und der Gemischtwarenhandlung Leopold befand sich Johann Sturmers Friseursalon und Fotoatelier, Zeltweg nach 1886, Foto: Johann Sturmer, Privatbesitz

Der aus Köflach zugewanderte Raseur und Haarschneider Johann Sturmer eröffnete 1880 im Hause Zeltweg 39 eine Filiale. Er wurde am 26.12.1851 in Herzogberg bei Modriach im Bezirk Voitsberg als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Wie bereits in Köflach übte er auch hier im Friseursalon nebenbei den Beruf des Atelierfotografen und Uhrmachers aus. Jahrelang war er im weiten Umkreis der einzige Fotograf. „Noch heute bringen immer wieder Kunden Atelierfotografien ihrer Vorfahren von Johann Sturmer in den Friseursalon mit“, erzählt Seniorchef Rudolf Sturmer stolz.

Am Wochenende, so erzählt die Familiengeschichte, hielt Johann Sturmer das Geschäft in Zeltweg geschlossen, denn da ging er zu Fuß über das Gaberl nach Köflach, um dort in seinem zweiten Betrieb nach dem Rechten zu sehen. Die Akten der k. k. Bezirkshauptmannschaft Judenburg bezeugen, dass Johann Sturmer erst am 24. Juni 1895 die Übertragung des Rasiergewerbes von Köflach nach Zeltweg angezeigt hat.

Darüber hinaus ist wenig aus der Lebensgeschichte dieses vielseitig begabten Mannes überliefert, auch hinsichtlich seines fotografischen Nachlasses verliert sich bis auf wenige erhalten gebliebene Fotopapierabzüge die Spur. Wohlmöglich sind – wie so oft – aufgrund von Platzmangel und Umzügen die Glasplattennegative entsorgt worden. Johann Sturmer verstarb am 20. April 1930 in Zeltweg.

Schon 1924 hatte sein Sohn Rudolf Sturmer das Geschäft in Zeltweg übernommen, nach dessen Tod 1949 führte zunächst seine Witwe den Herren- und Damenfrisiersalon kurze Zeit weiter, ehe Sohn Josef Sturmer in dritter Generation die Nachfolge antreten konnte. Er eröffnete 1955 nicht nur gegenüber dem Fliegerhorst Zeltweg eine Filiale, sondern verlegte 1958 auch den Stammsitz in die Hauptstraße 119. Zudem wurde unter ihm 1978 in Pausendorf in der Gemeinde Spielberg eine weitere Filiale eröffnet. Bis dahin bildete der Betrieb bereits 35 Lehrlinge aus.

Friseursalon Sturmer in Zeltweg, Bleistiftzeichnung eines französischen Kriegsgefangenen, 1943, Privatbesitz

Rudolf Sturmer, der Urenkel des Firmengründers, übernahm 1980 das Friseurgeschäft, welches nun seit 2005 seine Tochter Andrea Sturmer erfolgreich in fünfter Generation weiterführt.

Im folgenden Videointerview blickt Rudolf Sturmer auf den Arbeitsalltag eines mittlerweile pensionierten „Friseurmeisters aus Leidenschaft“ zurück:

Rudolf Sturmer hat zudem eine Vielzahl von Friseurutensilien aus über 100 Jahren des Familienunternehmens aufbewahrt, z. B. einen Thonet-Friseurdrehsessel aus 1910, einen Föhn aus den 1940er-Jahren oder eine „Heißdauerwellen-Maschine“ aus 1950. Auch eine Bleistiftzeichnung eines ab Sommer 1943 als Friseur bei Rudolf Sturmer eingesetzten französischen Kriegsgefangenen hängt heute noch im Salon.

Quellen:

Gernot Fournier, Zeltweg, (1999)
Obersteirische Nachrichten, Nr 46

Kategorie: Museum für Geschichte
Schlagworte: Landesaufnahme | Multimediale Sammlungen | Wirtschaftsgeschichten


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