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28. April 2014 / Christoph Pelzl

Zur Causa „Kunsthaus-Betrieb soll von der Stadt Graz übernommen werden“

Kulturpolitik

Peter Peer äußert sich zu den Plänen des Bürgermeisters und der Stadtregierung.

Die Pläne des Bürgermeisters und der Stadtregierung (bzw. einiger ihrer Mitglieder) sind schlicht als kulturpolitische Katastrophe zu bezeichnen. Der kulturpolitische Auftrag des Kunsthauses ist klar umrissen und meiner Meinung nach nicht infrage zu stellen: fundierte, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und deren Präsentation auf höchstem Niveau. Das Kunsthaus ist ein Ort der Hochkultur, den Graz genauso dringend benötigt wie seine Oper, sein Schauspielhaus und die vielen kleineren Institutionen und Vereinigungen in den verschiedenen Sparten der Kunst. Alle zusammen erst bilden das qualitativ hochwertige kulturelle Klima in Graz. Dass das Kunsthaus seinem Auftrag mehr als gerecht wurde und wird, zeigt eine lange Liste  – beginnend bei regional bedeutenden Positionen bis hin zu den Top-Playern der internationalen Kunstszene. Auch die aktuell laufenden Ausstellungen belegen das. Das Kunsthaus Graz ist in der Steiermark das einzige und überregional eines der wenigen Häuser, welche die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst in dieser Qualität und Kontinuität pflegen. Es sich einen ebenbürtigen Platz unter den großen Ausstellungshäusern für zeitgenössische Kunst in Europa gesichert und steht mit vielen davon im engen Austausch.

Dieser Platz, den sich das Kunsthaus seit seiner Gründung im Jahr 2003 erworben hat, ist nur mittels kontinuierlicher und langfristiger Planungen durch ein entsprechend qualifiziertes wissenschaftliches Team unter sicheren Rahmenbedingungen zu halten, und es ist die eigentliche Aufgabe der Politik, diese Rahmenbedingungen so gut wie möglich zu gewährleisten. Ein Konzept wie das vom Bürgermeister vorgeschlagene würde dem Kunsthaus Graz das Ende bereiten. Zu dem von Herrn Nagl angedachten Zweck eines “Marktplatzes der besten Ideen” hätte man es nicht errichten müssen.

Es ist in einem Kulturbetrieb generell legitim, über die Qualität von Ausstellungen, über Kunst und Künstler/innen zu diskutieren. Aber den kulturpolitischen Auftrag und die damit verbundene Rolle des Kunsthauses als einen zentralen Ort, wo die zeitgenössische Kunst eine fundierte Auseinandersetzung im Rahmen einer bewährten Arbeitsstruktur erfährt, wo gesellschaftliche Diskurse aufgegriffen und diskutiert werden, selbst zu relativieren, ist meiner Meinung nach nicht seriös und zeugt von fehlendem Verantwortungsbewusstsein gegenüber einer Öffentlichkeit, welche ein Recht hat, an diesen Diskursen teilzunehmen. Es soll nicht das Ziel der Politik sein, diese für die Stadt und das Land gesellschaftpolitisch unverzichtbare Einrichtung in seiner bestehenden Form infrage zu stellen. Mit dem angedachten Konzept würde das Kunsthaus Graz gefahrlaufen, tatsächlich zu nicht mehr als zu dem vielzitierten architektonischen Wahrzeichen zu mutieren, zu einer prominenten Hülle, die mit beliebigen Inhalten ohne ein klares Profil gefüllt wäre.

Das Argument, wegen sinkender Besucherzahlen den Auftrag und das inhaltiche Konzept und des Hauses infrage zu stellen, ist nicht haltbar. Besucherzahlen orientieren sich auch nicht allein an der Qualität der Inhalte. Es gibt verschiedene andere Faktoren, warum Menschen ins Museum gehen oder nicht. (Politiker/innen sollten hier generell eine Vorbildrolle spielen!) Neben den Besucherzahlen gibt es zudem eine Reihe anderer Indikatoren, welche die Leistung und die hohe Qualität unseres Kunsthauses unter Beweis stellen. So beisielsweise die Präsenz der Schulen in unseren Ausstellungen, die Nachfrage nach unseren Vermittlungsprogrammen, unsere Kooperationen mit anderen großen Institutionen.

Die organisatorischen Schwierigkeiten und Folgeprobleme einer Ausgliederung des Kunsthauses – vorwiegend ginge es um die “Entflechtung” vom Universalmuseum Joanneum – sollen hier gar nicht erwähnt werden. Sie wären enorm. Die rechtliche Seite inklusive Personal- und Finanzierungsfragen wäre ein weiteres Thema. Auch inhaltlich würden sich neue Fragen auftun: Erst in den vergangenen Jahren hat sich die Neue Galerie Graz gegenüber dem Kunsthaus neu positioniert. Aus der derzeitigen und nicht zuletzt finanziellen Sicht wäre es unmöglich, das derzeitige Programm des Kunshauses in der Neuen Galerie aufzufangen. Schlussendlich würde möglichweise eben jene Konkurrenzsituation zwischen Kunsthaus und Neuer Galerie wie in den Jahren zwischen 2003 und 2011 wiederaufleben, welche vom Rechnungshof wiederholt kritisiert worden war.

Die Politik wäre dazu aufgerufen, das Programm des Kunsthauses nicht nur pauschal zu kritisieren, sondern bewusst zu reflektieren. Man gewinnt den Eindruck, die Kritiker kennen das Kunsthaus tatsächlich nur als architektonisches Wahrzeichen. Eine passende Gelegenheit, die Inhalte der letzten 10 Jahre zu prüfen, wäre die 10-Jahr-Feier im Herbst 2013 gewesen. Außer Rücker und Rüsch war niemand sonst von der Stadtregierung vor Ort gewesen. Gerade diese Feier hat gezeigt, dass es hier nichts “wachzuküssen” gilt. Dazu noch abschließend: Diese Rhetorik sowie die Kommunikation dieser Pläne über die Medien an die Verantwortlichen im Haus entspricht geauso wenig dem Verständnis einer konstruktiven Zusammenarbeit.

Dr. Peter Peer
Leiter der Abteilung Moderne und zeitgenössische Kunst / Universalmuseum Joanneum

Kategorie: Kulturpolitik
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