Konzertsaal (ehemaliger Speisesaal) des Palais Herberstein (Museum im Palais). Über dem Kamin befindet sich das Bildnis „Hans Ulrich von Eggenberg“ von Anton Jantl

23. Oktober 2014 / Ulrich Becker

Wien in Graz…

Museum für Geschichte

... oder woher ein Grazer Porträtmaler in theresianischer Zeit seine Anregungen bezog.

Durch regelmäßige Fernsehübertragungen aus den Amtsräumen des Bundespräsidenten im „Leopoldinischen Trakt“ der Hofburg, aus den Schauräumen in Schloss Schönbrunn und natürlich aus den Sisi-Filmen haben wir es im Gedächtnis: Die wahren Filmhelden sind die weiß-goldenen Räume aus der Zeit (oder im Geschmack) Maria Theresias. Ob 1. oder 2. Rokoko: Weiß-Gold steht für offizielles, höfisches Ambiente, das unsere Zeit aus der Vergangenheit geerbt hat. Mögen auch die Handlungen und ihre Akteure austauschbar sein, die Kulisse bleibt.

Die Kunst und Architektur des Rokoko

In der österreichischen Kunstgeschichte wird das Rokoko mit dem Namen des Wiener Hofbaumeisters Nikolaus Pacassi verbunden, der immer zur Stelle sein musste, wenn der Kaiserin ein Bauprojekt einfiel. Damit waren die Standards auch für die „Provinz“, also die Kronländer, vorgegeben: Wie nur wenige Raumfolgen außerhalb Wiens stehen die Interieurs des Palais Herberstein für die enge Bindung an die Metropole, zumal auch der planende Architekt, Joseph Hueber, seine Ausbildung in Wien genossen hatte. Und so dominiert im Inneren die Kombination von Weiß und Gold, die von Johann Heinrich Formentini gestaltete Ornamentik lässt sich mühelos mit Schönbrunn oder der Hofburg vergleichen. Kein Wunder: Der Bauherr, Reichsgraf Johann Leopold von Herberstein, wollte um die Mitte des 18. Jahrhunderts aller Welt zeigen, dass er ebenso geschmackssicher wie kaisertreu war.

Das Porträt von Hans Ulrich von Eggenberg

Was wir erst seit kurzer Zeit wissen: Die enge Abhängigkeit von Wien wird auch in jenem ganzfigurigen repräsentativen Gemälde sichtbar, das über dem Kamin im ehemaligen Speisesaal prangt. Mancher Konzertliebhaber wird es mehr oder weniger bewusst wahrgenommen haben. Es zeigt Hans Ulrich von Eggenberg, den prominentesten und schillerndsten Vertreter jener Familie, deren Besitz Johann Leopold von Herberstein erben sollte. Doch wie ihn darstellen? Um eine angemessene Lösung war der beauftragte Maler, der Grazer Anton Jantl, nicht verlegen: Für die Gesichtszüge griff er auf ein gestochenes Porträt von Ruprecht von Eggenberg, Hans Ulrichs Vetter, zurück, der als kaiserlicher Feldherr im „Langen Türkenkrieg“ bei Sissek (Sisak) in Kroatien 1593 einen spektakulären Sieg erfochten hatte. Ansonsten aber ist Jantls Version eine nahezu detailgetreue Wiederholung eines Bildnisses, das etwa um die gleiche Zeit der Wiener Hofmaler Franz Anton Palko von Kaiser Matthias I. schuf, und das heute in der Schausammlung des Belvedere hängt. Beide Künstler hatten die heikle Aufgabe, längst Verstorbene, die aus einer schon sehr lange zurückliegenden Epoche stammten, angemessen ins Bild zu setzen. Ahnenbildnisse mussten eben keine großen Würfe, dafür aber solide Arbeit sein. Hierfür wählte Palko einen für seine Zeit typischen Weg und lieferte eine theatralisch aufgeladene Retrospektive, die Rang und Ansehen der Person zu würdigen hatte, sich aber um detailgetreue Korrektheit nicht scheren musste. Die Berufung auf einen verdienstvollen Vorfahren bzw. Amtsvorgänger gehörte zum Geschäft der Legitimation – ebenso die Übernahme einer bewährten Methode.

Auch hier ist die „Provinz“ der Hauptstadt gefolgt. „Alles nur geklaut?“ Was heute als Plagiat und damit unzulässig gelten würde, stellte damals kein Problem dar. Warum das Rad neu erfinden? Eine gültige Formel war gefunden worden, was lag näher, als sie zu wiederholen? Das mag sich damals auch Jantl gedacht haben, beileibe kein Genie, aber ein routinierter Bildnismaler der Grazer Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

 

Kategorie: Museum für Geschichte
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