Planetensaal, Foto: P. Gradischnigg

18. Januar 2013 / Dr. Barbara Kaiser

Vom Bewahren eines Gesamtkunstwerks…

Konservieren & Restaurieren | Schloss Eggenberg

Vor genau 60 Jahren wurde Schloss Eggenberg der Öffentlichkeit als Museum zugänglich. Seit 1953 endet die Besuchssaison am 31. Oktober und die Prunkräume bleiben bis Ostern des folgenden Jahres geschlossen. Der Grund dafür ist einfach: sie sind finster und kalt, allerdings nicht, weil wir zu faul sind zu heizen.

…oder wieso sind die Prunkräume von Schloss Eggenberg fünf Monate im Jahr geschlossen?

Die Eggenberger Beletage ist eine „Zeitkapsel“, sozusagen Barock pur. Nicht nur die prächtigen Oberflächen, sondern auch deren unbequeme, alltägliche Kehrseite. Die Räume haben seit über 250 Jahren ihr ursprüngliches Erscheinungsbild bewahrt. Sie verfügen bis heute keine Heizung und kein elektrisches Licht, nur ihre einfachen Fenster und die mit Kerzen bestückten Luster. Dieser für den modernen Nutzer scheinbare Nachteil ist in Wahrheit jedoch der wichtigste Faktor zum Schutz und Erhalt des Ensembles. Die natürliche Winterschließzeit ist die einfachste und sicherste konservatorische Maßnahme, um den Zyklus von 24 Prunkräumen für weitere Generationen zu erhalten. Gerade die Qualität und der Umfang dieser durch viele historische Zufälle erhaltenen, authentischen Substanz stellen einen besonderen Glücksfall dar, der deshalb auch zur Aufnahme von Schloss Eggenberg in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geführt hat. Ein derartig umfangreiches und unverändertes barockes Ensemble gibt es nämlich kaum mehr auf der Welt.

 

Planetensaal, Foto: P. Gradischnigg

Vom „großen Welttheater“ zum verschlafenen Landschloss

Eine Reihe von Zufällen machte Eggenberg zu dem heute einzigartigen Gesamtkunstwerk. Errichtet wurde es im 17. Jahrhundert., um einem der mächtigsten Politiker in der Zeit des 30 jährigen Krieges als repräsentative Residenz zu dienen. Noch 1673 fand hier unter den kritischen Augen ganz Europas eine kaiserliche Hochzeit statt. Pracht und Reichtum des Hauses wurden allgemein bewundert. Nur wenige Jahrzehnte später, 1717, starb der letzte Fürst Eggenberg, ein Bub von 13 Jahren an einer Blinddarmentzündung. Und von da an ging es bergab.

Die Mutter des jungen Fürsten, durch ihren frühen Witwenstand unter den strengen Spielregeln der Zeit vom gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen, hatte sich in einen ruinösen Prozess um das böhmische Erbe der Familie treiben lassen und so das verbliebene Vermögen der Familie, die nur wenige Jahrzehnte davor zu den reichsten der Erblande zählte, verloren. Bis zu ihrem Tod 1754 blieb das Schloss nicht nur jahrzehntelang ungenutzt, sondern verlor auch die kostbarsten Teile seiner Ausstattung. Nur die Deckengemälde in ihren üppigen Stuckrahmen blieben im gesamten zweiten Stock erhalten.

Als Maria Eleonora, die älteste Schwester des letzten Prinzen, und ihr Ehemann, Graf Herberstein, das Schloss endlich erbten, war es nicht mehr entsprechend bewohnbar. Das Ehepaar begann, die Innenräume im Geschmack des Rokoko neu einzurichten. Während die Decken und der Planetensaal davon unberührt blieben, wurden ab 1754 die Wände der 24 Prunkräume mit Seidendamast oder mit großformatigen Wandgemälden bespannt, jeder Raum mit Fayence-Öfen ausgestattet, neue Möbel in Auftrag gegeben, drei Ostasiatische Kabinette eingerichtet und die Schlosskirche eingebaut.

Doch das Ehepaar Eggenberg-Herberstein blieb kinderlos. Eine in Schlesien residierende Nebenlinie der Familie Herberstein erbte schließlich 1789 Haus und Garten und nutzte es im folgenden Jahrhundert nur für wenige Wochen im Jahr. Die gesamte Beletage blieb nahezu unverändert. Auf Anfrage konnten ausgesuchte Gäste unter Führung des Kastellans die Räume als „nationales Monument“ besuchen. Selbst höchst ehrende Mietanfragen – etwa durch die im steirischen Exil lebende Witwe des ermordeten französischen Thronfolgers, die Herzogin von Berry, die Eggenberg gern zur Sommerwohnung gewählt hätte –  wurden abschlägig beschieden. Schloss Eggenberg wurde zum romantischen Landschloss, in dem der Besitzer aus der Ferne seiner Leidenschaft für die modische Gestaltung von Landschaftsgärten frönte. Niemand lebte in der Beletage des zweiten Stockes, niemand beheizte sie über mehr als 100 Jahre.

Nach dem Verkauf des Schlosses an das Land Steiermark im Jahr 1939, verhinderte der Krieg größere Veränderungen. Dem Kriegsende folgten umfangreiche Restaurierungen und schließlich die Übertragung des Hauses in den Verantwortungsbereich des Landesmuseums Joanneum.

 

Der Vergleich des barocken Inventars mit historischen Aufnahmen um 1900 und dem heutigen Zustand beweist, wie wenig sich die Räume in den vergangenen 250 Jahren  verändert haben.
UMJ, Foto: P. Gradischnigg

In den 1950er und 1960er Jahren hätte man die Prunkräume gerne großzügig modernisiert, um sie ganzjährig – auch für Empfänge des Landes – öffnen und nutzen zu können. Doch im Gegensatz zu vielen historischen Innenräume in Europa, blieb Eggenberg von Eingriffen und (Folge)Schäden durch Heizungs- und Elektroinstallationen verschont. Es mangelte einfach an Geld dafür; zum Glück, aus heutiger Sicht. Später erkannte man den besonderen Wert des Ensembles und verzichtete von nun an bewusst auf moderne Einbauten in der Beletage. Damit hat sich hier ein einzigartiges, nahezu unverfälschtes Raumkunstwerk erhalten, das wir genauso an die nächsten Generationen weiter geben wollen.

 

Der Schein von hunderten Kerzen taucht Spiegel und Glas, Gemälde, Gold und Porzellan in ein fremdes Licht, das Licht einer vergangenen Welt, das uns längst unbekannt ist.
Fotos: P. Gradischnigg

Schützen, Erhalten und Verzichten

Hätte man die Räume über die Jahrhunderte durchgehend beheizt, wären die Deckenbilder wegen des Temperaturunterschiedes zwischen Innenraum und darüber liegendem Dachboden längst verloren. Das ist auch der Grund warum vergleichbare Zyklen von Ölgemälden an der Wand sonst nirgendwo erhalten geblieben sind. Auch die übrige Ausstattung der Räume mit ihren sensiblen organischen Materialien (Holz und Textil) hätte Klimaschwankungen nicht gut überlebt, sind sie doch ein Hauptgrund für tiefgreifende Schadens- und Alterungsprozesse.

Bausubstanz und Ausstattung reagieren auf rasche Klimaschwankungen (Erhöhung bzw. Verminderung der Temperatur) durch Aufnahme bzw. Abgabe von Feuchtigkeit in die umgebende Luft. Warme Luft kann wesentlich mehr Feuchtigkeit aufnehmen als kalte. Ist die Luft soweit abgekühlt, das sie keinen Dampf mehr aufnehmen kann, kondensiert die Feuchtigkeit an der kältesten Oberfläche, ein Phänomen, das man sehr gut an den eigenen Autoscheiben beobachten kann. Auch in Innenräumen sind sehr oft die Fenster (Scheiben und Holzrahmen) die meist belasteten Flächen, in den Prunkräumen jedoch auch die Deckengemälde, weil sie nur durch eine Lage von Deckenbalken vom kalten Dachboden getrennt sind und die dampfsperrende Schicht der Ölmalerei gleichzeitig die Kondensfläche (Taupunkt) ist.

Aber auch alle übrigen organischen Oberflächen fungieren als Feuchtigkeitspuffer für die Raumluft: kühlt diese ab und kann weniger Dampf aufnehmen, geht der Überschuss in hölzerne oder textile Substanzen, die inder Folge aufquellen. Erwärmt sich der Raum durch Beheizen, geht der Prozess in die andere Richtung: Holz trocknet aus und „reißt“, ein Phänomen, das man auch in der eigenen Wohnung sehr gut beobachten kann.

Für historische Materialien entsteht in dieser Folge von Expansions- bzw. Kontraktionsprozessen eine Fülle von Stressfaktoren mit bösen Folgen:

  • Abblättern von Fassungsschichten durch Spannung oder Dampfdruck
  • Lockerung der Gefüge
  • Bersten von Holzteilen
  • Verlust von Fassungsbindungen durch Erweichen der Bindemittel
  • Durchfeuchtung von Bauteilen oder wandgebundenen Ausstattungen
  • Daraus folgend Befall durch Mikroorganismen (Schimmel)
  • Mobilisierung von Salzen

 

Versprödung und Schollenbildung bis zum Verlust von Malerei an Leinwandbildern und Deckengemälden (Details) .- Typische Schadensbilder durch Klimaschwankungen und Lichteinstrahlung. Fotos: UMJ

Diese Prozesse verstärken sich gegenseitig in ihrer schädlichen Wirkung, eine rasch fortschreitende Alterung und Zerstörung der Substanz ist die Folge. Deshalb ist jedes Museum so besorgt um sein Raumklima. Ein möglichst stabiler Feuchtigkeitsgehalt und möglichst langsame Trocknungsprozesse sorgen für die Schonung der Substanz und deren längeren Erhalt. Da man in die Prunkräume aber keine Klimaanlage einbauen kann, ohne sie gleichzeitig zu zerstören, folgen wir dem seit Jahrhunderten bewährten Muster: Wir geben den Räumen Zeit, sich den natürlichen Veränderungen langsam anzupassen.

Deshalb endet die Saison in Schloss Eggenberg immer noch am 31. Oktober. Die Balken der 60 Fenster werden geschlossen. Sie schützen vor Kälte, Starkregen oder Schneestürmen. Die Innenräume kühlen – dem Außenklima entsprechend – ganz langsam ab, bis die Innentemperatur im Februar ihren Tiefstand erreicht hat. Sämtliche Materialien können sich diesem Prozess langsam anpassen, ohne dabei Schaden zu nehmen, wie die Geschichte des Hauses beweist. Die Klimakurven sind dabei erstaunlich stabil, sogar ruhiger und flacher als die Klimakurven einer ideal eingestellten Klimaanlage.

Wir nehmen diese Einschränkung in der Raumnutzung für den Erhalt auf lange Sicht gerne in Kauf. Auch unsere Besucherinnen und Besucher zeigen Verständnis dafür. Nicht alles ist jederzeit und für alle benutzbar, zugänglich und vermarktbar. Denkmäler sind per se Werte. Sie haben eine nicht konsumierbare Dimension, die zu respektieren sich die zivilisierte Gesellschaft verpflichtet hat. Erhaltung und Bewahrung ist in hohem Maß auch Beschränkung.

Während in einer Ausstellung kostbare Objekte in Vitrinen präsentiert werden, um sie vor mechanischen oder klimatischen Schäden zu schützen, ist diese Maßnahme bei einem Denkmal wie Schloss Eggenberg nicht möglich. Sein besonderer Wert liegt auch im unmittelbaren Erlebnis einer anderen Zeit. Unsere Gäste haben die seltene Möglichkeit, die historischen Innenräume ohne moderne Interventionen zu erleben: ohne Plexiglasverkleidungen vor den Wänden, ohne Glasstürze über Porzellanobjekten oder Absperrungen vor den Möbeln. Nur wenige historische Häuser bieten diesen einzigartigen Erlebniswert.

 

Foto: P. Gradischnigg
Foto: P. Gradischnigg

Themen- und Kuratorenführungen zu aktuellen Forschungsergebnissen ermöglichen unseren Gästen Schloss Eggenberg immer wieder neu zu entdecken oder aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, aber eben nur für sieben Monate im Jahr. Ein europaweit einzigartiges Erlebnis sind Führungen durch die von Kerzenlicht beleuchteten Prunkräume, die auch 2013 wieder stattfinden werden.

Kategorie: Konservieren & Restaurieren | Schloss Eggenberg
Schlagworte: Winter


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