17. Juli 2015 / Anna Fras

Spuren im Toten Gebirge

Kunst im öffentlichen Raum

7:30 Uhr morgens – Nebel zieht durch das Tal, als wir Altaussee erreichen. Noch sind wir müde und unsere Beine schwer – doch wir sind hier wegen der Kunst, der Geschichte und einer Wanderung.

An diesem Sonntag, dem 11. Juli, waren wir zur Blaa-Alm gekommen, um bei einer etwas anderen Eröffnung dabei zu sein: Das vom Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark initiierte Projekt Politische Landschaft rief Kunstschaffende dazu auf, sich mit der Geschichte des Salzkammerguts zu beschäftigen – der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg sowie währenddessen und danach. Sechs Künstlerinnen und Künstler haben dazu Arbeiten geschaffen, die sich von nun an im Toten Gebirge „verstecken“.

 

Der Altausseer See im Nebel; Foto: A. Fras

Der Altausseer See im Nebel; Foto: A. Fras

Über Stock und Stein

Das Besondere an dieser Eröffnung war, dass die Werke nicht wie üblich in einem Galerie- oder Museumsraum präsentiert wurden, sondern direkt unter freiem Himmel! An jenen Orten im Gebirge, wo sich z. B. Widerstandskämpfer bzw. Partisanen versteckten oder die für Propaganda genützt wurden, stehen nun Kunstwerke.
Nachdem alle Teilnehmer/innen eingetroffen waren, gingen wir kurz nach 8 Uhr los und bereits nach einigen Metern erreichten wir die erste Installation:  Aus einer Baumkrone erklangen aus einer Musikbox – die unter einer Plane vor Feuchtigkeit geschützt ist – Texte zum Thema Erinnerung. Wie der Künstler Michael Clegg (Teil des Duos Clegg & Guttmann) erklärte, sind Bewohner/innen, Besucher/innen und andere Neugierige eingeladen, im Leseraum des Literaturmuseums Altaussee aus Büchern vorzulesen, die sich mit der Erinnerung und dem kollektiven Gedächtnis zur Zeit um 1945 beschäftigen. Die Lesungen werden via Internet an diesen Ort hinter der Blaa-Alm übertragen. Besonders spannend ist die Unplanbarkeit der Aktion: Nur wenn im Museum in Altaussee gerade gelesen wird, können die Wanderer im Vorbeigehen etwas hören.

 

Naturverträgliche Farbe

Führte die Route bist jetzt noch über einen ganz normalen Forstweg, ging es bald Richtung Rettenbachtal. Nachdem wir den Rettenbach überquert hatten, begann der Einstieg in den Naglsteig und langsam wurde es (endlich) steiler. Nach etwa 10 Minuten sahen wir links neben dem Weg die Hinweistafel zum nächsten Kunstwerk und kurz darauf erwartete uns der Künstler Florian Hüttner bei seiner Arbeit Unterschlupf (Schildkröte). In eine natürliche Höhle – bei den Koordinaten N 47° 40.978 / E 13° 45.245 und auf etwa 918 Metern – realisierte Hüttner mehrere Höhlenmalereien, die sich auf die historische Situation beziehen.  Sie zeigen u. a. ein Propagandamotiv aus dem russischen Partisanenkampf. Nach und nach kletterten wir in die Höhle und schon bald kam die Frage auf, welche Farbe hier verwendet wurde. Hüttner klärte uns auf: „Es handelt sich um naturverträgliche Farbe und das Projekt musste vorab mit dem Naturschutz ganz genau geklärt werden. Natürlich ist sie nicht so gut haltbar wie andere Farben, und es waren auch schon vorher Malereien und Kritzeleien hier auf den Felsen. Mein Kunstwerk ist also ebenfalls vergänglich, und Umwelteinflüsse wie Regen, kalte und feuchte Winter usw. werden die Malereien verändern.“

 

Ein (fast) unauffindbarer Ort

Kurz nach der Höhle begann der Naglsteig, der mit Seilen gesichert ist. Beim Durchsteigen genießt man einen wunderbaren Blick auf den Loser, den Sandling, die Gschwandalm und die Blaa-Alm. Nach dem Steig führte der Weg weiter durch den Wald, bis auf der rechten Seite wieder ein Hinweisschild angebracht war. Dort wartete die Künstlerin Eva Grubinger und wies uns auf die rosaroten Punkte hin. Durch dickes Gestrüpp – glücklicherweise war der Weg schon etwas ausgetreten – folgten wir den Punkten an den Felsen und nach etwa 5 bis 10 Minuten erreichten wir den Platz des „Igels“. An der Stelle, wo heute die Skulptur Igel steht, versteckten sich von 1944–1945 österreichische Oppositionelle – Verfolgte, Deserteure und religiöse Menschen –, die sich dort einen Unterschlupf gebaut hatten, wo sie sowohl Winter als auch Sommer verbrachten.

Eva Grubinger schilderte die Situation folgendermaßen: „Man muss sich vorstellen, dass an dieser Stelle ein Verschlag stand. Beim Aufbau wurde ein Igel gesehen und somit erhielt der Ort seinen Namen. Es gab eine Feuerstelle, ein Radio (das in der Ausstellung im Kunsthaus Graz zu sehen ist), ein paar Bücher und sogar ein Glasfenster. All das wurde auf 1280 Meter gebracht und regelmäßig wurden die 15 bis 20 Männer mit Lebensmitteln und anderen Dingen aus dem Ort versorgt. Im Winter zum Beispiel war es nur möglich, unbemerkt zum Versteck zu gelangen, wenn man sicher wusste, dass es wieder schneien würde und somit die Spuren verdeckt wurden.“ Seit Juni 1994 befindet sich an der besagten Stelle eine Gedenktafel des Vereins Widerstandsmuseum, jedoch war es für Grubinger bei der Recherche trotzdem schwierig, den genauen Platz des „Igels“ ausfindig zu machen.

Ihre Skulptur aus Eichenholz ist die (vergrößerte) Nachbildung eines Kunstwerks, das von den Nationalsozialisten gestohlen und im Stollen des Salzbergs Sandling versteckt worden war. Bei ihren Recherchen stieß Eva Grubinger auf dieses Objekt, das ursprünglich Teil der Sammlung von Oscar Bondy war. Da die Nationalsozialisten nicht wussten, was es mit diesem Gegenstand auf sich hatte, beschrieben sie es als „Igel“, wodurch die Skulptur ihren Namen erhielt.

 

Das Gewicht der Natur

Nach dem Aufstieg zum Igel war das steilste Stück bewältigt, und durch einen wunderschönen, fast märchenhaften Wald ging es weiter in Richtung Ischler Hütte. Auf dem Weg kamen wir über den Beerensattel, wo die letzte Installation auf uns wartete: Lärchen und Steine von Angelika Loderer. Auf dem Sattel stehen – vom Weg aus nur schwer sichtbar – fünf Lärchensetzlinge, deren Zweigspitzen von der Künstlerin in Beton gegossen wurden, unter dessen Schwere die jungen Bäume wie gefangen wirken. Damit will die Künstlerin ausdrücken, wie die Bäume im Hochgebirge unter den rauen Bedingungen „leiden“. Die Last des Schnees, seine langsame Schmelze im Frühjahr und die zeitgleich beginnende Wachstumsperiode im Hochgebirge bewirken, dass die Lärchen zu bizarren Formen verwachsen.

 

 

Von den Lärchen am Beerensattel konnte man in der Ferne schon die Ischler Hütte sehen – somit war unser Ziel nicht mehr fern. Bei der Hütte angekommen, stärkten wir uns mit Kaspressknödelsuppe, Hirsch- und Schweinsbraten und Marillen-Topfen-Strudel, bevor wir den weniger steilen Abstieg über den Forstweg und die Rettenbachklamm zurück zur Blaa-Alm nahmen.

 

Könnt ihr sie entdecken, die Ischler-Hütte? Foto: J. Leitich

Könnt ihr sie entdecken, die Ischler-Hütte? Foto: J. Leitich

 

Das Projekt Politische Landschaft präsentiert Werke von sechs Künstlerinnen und Künstlern an mehreren öffentlichen Orten in Berg und Tal, weshalb wir bei unserer Wanderung nur einen kleinen Teil aller Arbeiten sehen konnten. Weitere Kunstwerke sind u. a. auch im Ortszentrum von Bad Aussee und Altaussee, im Salzbergwerk oder beim Toplitzsee zu finden. Das Projekt – zu dem auch ein Katalog bei Sternberg Press sowie eine App erschienen sind – lädt auf eine Spurensuche in die Vergangenheit und das Tote Gebirge ein. Diese Region, in der sich einerseits die Gegner der Nationalsozialisten während des Krieges und die Nationalsozialisten selbst nach dem Krieg versteckten, ist auch heute noch oft nebelverhangen. Über Vergangenes wird weder oft noch gerne gesprochen. Die Kunstwerke schaffen es jedoch, Geschichte und Erinnerung – wenngleich zum Teil sehr subtil – sichtbar zu machen und erinnern daran, die dunklen Facetten der Geschichte nicht zu vergessen!

 

Programmhinweis: Talrundtour anstatt Bergwanderung

Aufgrund der prognostizierten Sommerhitze haben wir uns entschlossen, die Bergwanderung am 18.07. ausfallen zu lassen. Beginn des Events ist um 11 Uhr im Literaturmuseum mit einer Lesung von Barbara Frischmuth. Danach geht es zu Fuß zur Villa Kerry, wo auf die Besucherinnen und Besucher ein Werk von Angelika Loderer wartet. Im Anschluss daran geht es mit dem Auto zum Salzberg: Dort hat Klangkünstlerin Susan Philipsz etwas vorbereitet. Außerdem hat Florian Hüttner einen kleinen Teil beigesteuert. Die letzten beiden Stationen sind Bad Aussee ( mit einer Arbeit von Bojan Sarcevic) und der Toplitzsee (wo man wiederum auf Susan Philipsz trifft). Es sind alles kleinere Spaziergänge, also können die richtigen Wanderschuhe zuhause bleiben. 

 

Kategorie: Kunst im öffentlichen Raum
Schlagworte: Schwerpunkt Landschaft


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