29. November 2018 / Julia Aichholzer

Nachthemd oder Pyjama, Jörg Eipper-Kaiser?

Museumsalltag | Museumseinblicke

Jörg Eipper-Kaiser ist seit 2008 Lektor am Universalmuseum Joanneum. Zunächst als Teil des Presseteams und seit Frühjahr 2017 als Stabsstelle der Abteilung Außenbeziehungen, ist er die zentrale Ansprechperson für verschiedenste Textfragen und Sprachanliegen.

Jeden Tag landen zahlreiche Texte zum Korrigieren und Lektorieren auf deinem Tisch. Welche Fehler kannst du schon nicht mehr sehen?
Wenn ich als Lektor keine Fehler mehr sehen kann, dann habe ich ein Problem (lacht). Ärgern tu ich mich über Fehler überhaupt nicht, höchstens über meine eigenen oder solche, die ich manchmal übersehe. Es gibt aber auch Fehler, die unfreiwillig komisch sind. Schon ein kleiner Fehler kann die Bedeutung eines Satzes verändern, und das kann einen schon zum Schmunzeln bringen. An und für sich bewerte ich das aber gar nicht, ich schaue mir an, was jeweils vorliegt, und mache meine Vorschläge dazu.

Du hast dich in verschiedenen Studienfächern probiert, bis du schließlich bei Germanistik geblieben bist. Hat dich letztendlich die Liebe zur schönen Sprache an deine heutige Position geführt oder war es doch eher ein perfektionistischer Ordnungsanspruch?
Ich habe nach der Matura erst einmal ziemlich kreuz und quer studiert, was auch damit zu tun hat, dass ich mich schon von Kindheit an für sehr viele Sachen interessiert und immer schon sehr viel gelesen habe. Die Liebe zur Sprache ist also schon eine sehr alte Liebe bei mir. Obwohl ich ursprünglich mit Medizin angefangen habe, hat es mich schon recht bald zu den Geisteswissenschaften und besonders zur Literaturwissenschaft hingezogen. Aber man hat natürlich gehört: „Das kannst du nicht machen, das ist kein richtiger Beruf …“ Deswegen hab ich zuerst mehrere Studien parallel laufen lassen, und es hat noch ein bisschen gedauert, bis ich selbstbewusst genug war, um mich nur auf Germanistik als Hauptfach zu konzentrieren.

Als Lektor muss man natürlich perfektionistisch vorgehen. Ich sehe schon jeden Text, den ich kriege, auch als ein Fehlersuchbild, an das man mit großem Ernst herangeht, aber das ist nicht der Aspekt des Berufs, der mir besonders gefällt. Es geht schon um die Sprache an sich und den Text als etwas, das ein Mensch geschrieben hat.

War für dich im Laufe des Studiums klar, in welche Richtung es für dich gehen wird?
Nein, ich habe nicht damit gerechnet, dass ich mit Germanistik wirklich Geld verdienen werde. Das hat man uns im Studium zum Teil auch relativ unverhohlen vermittelt. Dadurch, dass ich beruflich seit meinem 21. Lebensjahr im medizinisch-pflegerischen Feld tätig war, war das Germanistikstudium für mich am Anfang eher ein sehr intensives Hobby.

Auch nach dem Abschluss habe ich weiter in Pflegeheimen gearbeitet und auch eine Heimleiter-Ausbildung gemacht. Kurz vor meinem 30. Geburtstag, im Jahr 2006, habe ich mir dann gedacht, ich versuche doch einmal, etwas anderes zu machen. Es wurde damals gerade ein Office Manager für die Neue Galerie gesucht, und tatsächlich habe ich diese Stelle bekommen. Dort habe ich nicht zuletzt in einer Art Crashkurs sehr viel über die Arbeit im Museum gelernt und war zum Beispiel auch in die Ausstellungsorganisation und Katalogredaktion eingebunden.

Davon ausgehend habe ich angefangen, auch im größeren Stil zu lektorieren. Schon als Student hab ich nebenher als Lektor gearbeitet, zum Beispiel mit Studierenden, die Deutsch nicht als Muttersprache hatten. Dabei habe ich gemerkt, dass es eine schöne Sache ist, wenn ich meine sprachlichen Fähigkeiten einsetzen kann, um anderen zu helfen. Der helfende Aspekt ist auch heute noch mein Zugang dazu: Nicht den Leuten zu beweisen, dass ich ein super Germanist bin, sondern zu schauen, was deren Anliegen ist und was ich für sie tun kann.

Welchen Stellenwert hat das Lesen für dich privat und nutzt sich die Leidenschaft dafür berufsbedingt ab?
Es verändert sich. Ich kann mich noch erinnern, dass eine Assistentin damals im Studium so nebenher gesagt hat, wie schade es ist, dass wir Germanisten alle die Freude am Lesen verlieren. Ich habe mir das nicht vorstellen können, aber man wird sehr wählerisch mit der Zeit. Ich gehöre nicht mehr zu den Leuten, die alles auch immer fertig lesen. Wenn es mir nicht taugt, lege ich es weg. Ich lese gerne viel kreuz und quer, vor allem zeitgenössische Literatur, was gerade herauskommt.

Mein Lieblingsbuch ist Die Wand von Marlen Haushofer, darüber habe ich auch meine Diplomarbeit geschrieben und bin ganz positiv überrascht, dass Haushofer durch die Verfilmungen mit Martina Gedeck jetzt plötzlich so im Mittelpunkt steht. Ich habe Die Wand das erste Mal mit 14 gelesen, damals war Marlen Haushofer höchstens ein Geheimtipp und auch für die Germanistik nicht wirklich interessant. Jetzt kriege ich sogar immer wieder Anfragen zu meiner Diplomarbeit – manchmal muss man Themen auch aussitzen können (lacht).

Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich am Abend überhaupt keine Buchstaben mehr sehen kann. Da hilft dann Gartenarbeit, Kochen oder Netflix. Beim Lektorieren ist es oft anstrengend, intensiv mitdenken zu müssen. Beim Korrigieren habe ich schon eine Art Scannermodus, in dem mich die meisten Fehler regelrecht anspringen. Aber Lektorat heißt eben auch, sehr auf den Inhalt zu achten: Sind die Argumente schlüssig? Springt der Autor gedanklich zu sehr herum? Kann man etwas noch besser auf den Punkt bringen?

Nach einer Woche im Büro geht es nach Hause: Wie sieht dein perfektes Wochenende aus?
Es ist vollkommen terminfrei. Ich mag es nicht, meine Freizeit so durchzuplanen. Ich bin von Natur aus Frühaufsteher und daher samstags meist schon kurz nach 7 am Bauernmarkt, während mein Mann noch schläft. Wir haben auch einen schönen Garten, in dem im Sommer immer etwas zu tun ist und den wir auch sehr intensiv für uns nutzen. Oft wird dann draußen gelesen oder gegrillt, oder ganz einfach beobachtet, was gerade blüht, wo man noch was hinsetzen könnte.
Ins Kino gehe ich auch sehr gerne – beim Lesen muss ich mir ja ständig Dinge vorstellen, darum bin ich sehr dankbar, auch mal Bilder von außen geliefert zu bekommen. Manchmal müssen wir zu Hause ein bisschen verhandeln, denn mein Mann ist Restaurator im Joanneum und kann dann in seiner Freizeit oft keine Bilder mehr sehen. Ein perfektes Wochenende heißt für mich also vor allem die Freiheit zu haben, nichts tun zu müssen, die Seele baumeln zu lassen. Das ist für mich die beste Burnout-Prophylaxe.

Du bist nicht nur professioneller Leser, sondern auch engagierter Rosengärtner. Hast du auch stachelige Seiten?
An und für sich bin ich ein sehr gutmütiger Mensch, aber wenn man mich genug reizt, kann ich schon die Grenzen aufzeigen. Viele meinen, dass sich meine stacheligen Seiten aber vor allem gegen mich selbst richten, ich bin sehr selbstkritisch. Anderen gegenüber bin ich, glaube ich, großzügiger (lacht). Der Rosengarten ist aber ein gutes Bild für den Umgang mit Menschen und Texten: Es gibt Rosen, die verlangen einen starken Schnitt, damit sie wieder ordentlich blühen und andere entfalten sich am besten, wenn man sie weitgehend in Ruhe lässt. Und erzwingen kann man im Garten sowieso gar nichts, oft ist man eher Mediator als Gestalter. Wer sich mit einem Garten beschäftigt, lernt auch viel für verschiedene Lebensbereiche (lacht).

Rockkonzert oder Opernvorstellung? Opernvorstellung, am liebsten Barockopern. Ich habe am Konservatorium in Graz auch Klarinette studiert und bin deswegen musiktechnisch ein bisschen vorbelastet.

Perfektes Dinner oder schnelle Küche? Unter der Woche meistens schnelle, aber gute (!) Küche, am Wochenende oder zu Anlässen stehe ich dann gerne auch länger dabei.

Handschrift oder Tippen? Tippen geht bei mir schneller, aber ich schreibe auch noch Briefe mit der Hand.

Weltreise oder Urlaub im Garten? Urlaub im Garten. Ich bleibe lieber länger an einem Ort, eine Weltreise wäre mir zu stressig.

Nachthemd oder Pyjama? Pyjama. Nachthemd habe ich aber auch schon ausprobiert.

Den Duden griffbereit und volle Konzentration auf den Bildschirm: Alltag eines Lektors.

 

Fotos: Julia Aichholzer

Kategorie: Museumsalltag | Museumseinblicke
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