Ilya Kabakov 1988 im Rahmen der Ausstellung "Vor dem Abendessen" in der Grazer Oper; © Grazer Kunstverein, Foto: Gert Heide

6. Februar 2014 / Peter Pakesch

Blogpost zur Ausstellung “Utopie und Realität” | Ilya Kabakov und Graz

Kunsthaus Graz

Anlässlich der Ausstellung El Lissitzky – Ilya und Emilia Kabakov. Utopie und Realität im Kunsthaus Graz (Eröffnung, 06. Februar, 19 Uhr, Laufzeit: 07. Februar bis 11. Mai) kehrt Ilya Kabakov nach Graz zurück, wo er 1988 auf Einladung des Grazer Kunstvereins seine erste persönlich eingerichtete Einzelausstellung im Westen machte. Damals ein allseits beachtetes erstes Zeichen der Perestroika.

Seit etwa einer Woche ist das Künstlerpaar Kabakov vor Ort, um beim Ausstellungsaufbau dabei zu sein. Beim Blick aus der Needle erinnert sich Ilya Kabakov an seinen ersten Aufenthalt in Graz, als er 1987 als “Artist in Residence” auf dem Grazer Schlossberg lebte, wie er der Kleinen Zeitung in einem Interview erzählte.

 

Joanneums-Intendant mit Emilia und Ilya Kabakov beim Ausstellungsaufbau; Foto: UMJ / N. Lackner

Joanneums-Intendant mit Emilia und Ilya Kabakov beim Ausstellungsaufbau;
Foto: UMJ / N. Lackner

Sein Aufenthalt in Graz war einer Initiative von Peter Pakesch und dem damaligen Kulturstadtrat Helmut Strobl zu verdanken. Der heutige Intendant des Universalmuseums Joanneum war damals Galerist und Leiter des Grazer Kunstvereins. 1985 sah Pakesch in der Kunsthalle Bern in der Ausstellung Am Rande Werke von Ilya Kabakov – jene Arbeiten, die in der aktuellen Ausstellung im Kunsthaus Graz im ersten Raum zu sehen sind. Der bedeutende Schweizer Diplomat und Sammler Paul Jolles hatte damals den Kontakt zwischen Jean Hubert Martin (Leiter der Kunsthalle) und Ilya Kabakov vermittelt. Pakesch konnte für die Ausstellung Die Wahlverwandtschaften im steirischen herbst 1986 bereits auf Werke Kabakovs aus der Sammlung Jolles zurückgreifen.

 

Zur Vorbereitung dieser Ausstellung reiste Peter Pakesch erstmals in die UdSSR, um Kabakov zu besuchen und für die Ausstellung Wahlverwandtschaften des Grazer Kunstvereins zu recherchieren. Bereits bei dieser Gelegenheit lud er Kabakov ein, nach Graz zu kommen, was damals in den Augen eines nichtoffiziellen Künstlers unmöglich erschien. Zusammen mit Helmut Strobl betrieb er in der Folge die Einladung Kabakovs als Gaststipendiat nach Graz. Über Bundeskanzler Franz Vranitzky und Außenminister Alois Mock wurde diese Einladung an höchste Stellen in der UdSSR geschickt, in der unter Gorbatschow die Perestroika begonnen hatte. Somit konnte Kabakov ein dreimonatiges Stipendium in Graz verbringen, in dessen Rahmen er persönlich seine erste Einzelausstellung im Westen realisieren konnte. Die Installation Before Supper (Vor dem Abendessen) war nach ihrer Präsentation in der Grazer Oper auch auf der Biennale in Venedig zu sehen, was sich später als Auftakt einer großen internationalen Karriere herausstellte.

 

Bereits in seiner Zeit in Graz war es für Kabakov möglich geworden, in andere Länder zu reisen. Auch ein Visum in die USA wurde ihm gewährt. Nach einem Aufenthalt in Frankreich wurde New York und später Long Island zu seinem Wohnsitz – von dort kehrte er erst anlässlich einer Ausstellung in der Eremitage in St. Petersburg (um 2004) nach Russland zurück. Es folgte 2008 eine Personale in der Garage in Moskau. Zuletzt reiste Ilya Kabakov im Zuge der Lissitzky-Kabakov-Ausstellung in seine alte Heimat: 2013 war die Schau des Van Abbemuseums, Eindhoven, in der Eremitage in St. Petersburg und danach im MAMM in Moskau zu sehen.

 

Kabakov war ab den 1960er-Jahren vereinzelt in Gruppenausstellung zum Thema Russland in Europa zu sehen, zuerst in Süditalien und dann in kleineren Ausstellungen in der Schweiz. 1975 waren seine Arbeiten im Rahmen einer Gruppenausstellung im Künstlerhaus Wien vertreten. Die Ausstellung im Foyer der Grazer Oper war seine erste Einzelausstellung in Österreich und seine sechste Personale überhaupt.

 

Vor dem Abendessen

“Before Supper”, Ausstellungsansicht in der Grazer Oper, 1988
Foto: Gert Heide,
© Grazer Kunstverein

Die Installation Before Supper gehört heute dem Museum Ludwig in Köln. Der bedeutende deutsche Sammler Peter Ludwig sammelte und unterstütze Kabakov seit den späten 1980er-Jahren und engagierte sich finanziell für die Realisierung des russischen Pavillons 2004 bei der Biennale in Venedig, den Ilya und Emilia Kabakov mit weiterer kuratorischer Unterstützung von Peter Pakesch umsetzen konnten.

 

Ausstellungsansichten:

Kunsthaus Graz, Space01, Lendkai 1, 8020 Graz
Laufzeit: 07.02.-11.05.2014
Kuratiert von Charles Esche, Ilya Kabakov und Emilia Kabakov
Co-kuratiert von Peter Pakesch, Katrin Bucher Trantow und Willem Jan Renders
Information: +43-316/8017-9200
In Kooperation mit dem Van Abbemuseum, Eindhoven (NL)

Kategorie: Kunsthaus Graz
Schlagworte: El Lissitzky – Ilya und Emilia Kabakov


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