Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Expedition, Foto: UMJ

8. August 2013 / Anna Fras

Erzählräume vs. neutrale Räume im Museum

Kunst- & Naturvermittlung

Die Museumsakademie lud von 22. bis 26. Juli zu einer Expedition nach Berlin, um der Frage nachzugehen, was Museen in welcher Form ausstellen, um (historische) Inhalte zu transportieren und zu vermitteln.

Elf Berliner Museen mit ihren differenzierten Präsentations- und Ausstellungskonzepten bereiteten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Museumsakademie-Exkursion fünf Tage lang „Kopfzerbrechen“ und „hitzige Diskussionen“ (siehe auch Blogbeiträge Museen, ihre Architektur und Objektpräsentation und Historische Museen: Populäre Architekturen).

Viele von den Beteiligten befanden sich zur Zeit der Expedition in einer Projekt- und Ideenfindungsphase zur Neugestaltung ihres eigenen Hauses und wollten das Besprochene und Erlernte für den Alltag nützen. Eine der essenziellen Fragen war, ob es eine allgemeingültige Regel gäbe, wie eine Ausstellung aufgebaut und gestaltet werden sollte. Antworten erhoffte man sich vom Expeditionsleiter Michael Fehr und der Expeditionsleiterin Bettina Habsburg-Lothringen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Expedition, Foto: UMJ

Grundsätzlich ist es schwer zu sagen, wie Objekte in Museen richtig oder falsch in Szene gesetzt werden können. Bereits bei einer „Aufwärmübung“ am ersten Tag, in der wir in Gruppen eingeteilt wurden und Objekte zugeteilt bekamen, kristallisierte sich heraus, dass die Wahrnehmung der jeweiligen Gestalterinnen und Gestalter und jene der Betrachterinnen und Betrachter stark divergierten. Obwohl es sich nur um einige wenige Objekte handelte, die in einen Kontext gesetzt wurden, konnte dieser nicht eindeutig herausgelesen werden.

Bei der “Aufwärmübung” am ersten Tag, Foto: UMJ

Wiederkehrende Fragen in Bezug auf die Präsentation begleiteten uns rund um die Uhr: Soll vermehrt die Szenografie im Vordergrund stehen und sollen – so wie im DDR-Museum – mithilfe von Ausstellungsarchitektur Erzählräume geschaffen werden? Ist eine objektive Wissensvermittlung nur gewährleistet durch die Aneinanderreihung von Artefakten in einem neutralen Ausstellungsraum?

Museen gestalten, aber wie?

Da es bis zur letzten Station, dem Schwulen Museum (www.schwulesmuseum.de), keine eindeutigen Antworten darauf gab, wurden die Fragen am Ende noch ein Mal aufgegriffen. Doch auch das abschließende Ergebnis ließ vieles offen. Fest steht: Es kann keine klare Vorgabe für die „erfolgreiche“ Gestaltung eines Museums geben, vor der Entwicklung des Ausstellungskonzepts solle man daher bestimmte Parameter beachten: Wie soll gezeigt und ausgestellt werden? Was soll erzählt und vermittelt werden? Wer soll angesprochen werden?

Schwules Museum, Ausstellungsansicht, “Transformation” (18. Mai 2013 – 10. August 2014),
Foto: Tobias Wille

Vom in den letzten Jahren wahrgenommenen Trend hin zur Ausstellungsszenografie, die das Ausstellen im „White Cube“ ablöste, nahm man inzwischen wieder etwas Abstand. Ein Kritikpunkt an dieser Präsentation liegt in der Tatsache, dass eine „realistische“ Nachbildung der Lebensbedingungen zu einer Verfälschung der Realität führe. Auch aus den Reihen der teilnehmenden Wissenschaftler/innen kam z. B. der Vorwurf, dass das Leben der Römer trotz diverser Quellen nie adäquat nachgestellt und abgebildet werden könne. Besser wäre eine beschreibende Erklärung, anstatt fest vorgeformte Bilder in die Köpfe der Besucher/innen zu pflanzen.

Wiederum anders verhielt sich die Situation beim Jugendmuseum (http://www.jugendmuseum.de/), dessen Zielgruppe ein junges und regionales Publikum aus Berlin Schöneberg ist. Bei der Vermittlung wurde besonderer Wert auf die fast authentische Darstellung der Lebensräume von Personen unterschiedlicher Nationen gelebt und ihre Wohnungen fast 1:1 nachgebildet. In diesem Falle ein adäquate Präsentationsform.

Die Frage nach einem „Patentrezept“ konnte somit leider nicht beantwortet werden, jedoch konnten wir alle viele Anregungen und Inspirationen mitnehmen. Michael Fehr und Bettina Habsburg-Lothringen meinten jedoch, dass sie sich schon auf die Ergebnisse der verschiedenen Neugestaltungen freuen. Vielleicht führt uns die nächste Expedition mit weiteren Diskussionen, Gesprächen und Impressionen wieder einen Schritt näher an eine Lösung des Problems der optimalen Präsentation heran.

Weitere Angebote der Museumsakademie Joanneum finden Sie hier.

Kategorie: Kunst- & Naturvermittlung
Schlagworte: Berlin | Museumsakademie


Folgende Beiträge sind für dich interessant:

  • Museen, ihre Architektur und Objektpräsentation Eine kleine Serie an Blogbeiträgen gibt in den nächsten Tagen einen kurzen Überblick über ausgewählte Projekte, die mir auf irgendeine Art und Weise besonders in Erinnerung geblieben sind – sowohl positiv als auch negativ. Moderne Kunst- und Wunderkammer?  Das Projekt […]
  • Wissenschaft ausstellen – Wissenschaft vermitteln Ausgangslage für den Workshop war die Planung des „Forums Wissen“ in Göttingen. Die Universität Göttingen hat 30 wissenschaftliche Sammlungen aus den verschiedensten Forschungsbereichen, darunter auch eher ungewöhnliche wie lebende Algen, mathematische Modelle und Instrumente, […]
  • #museenimnetz: Eine Vortragsreihe der Museumsakademie Im Mittelpunkt der Vorträge, Praxisberichte und Diskussionen standen die digitalen Strategien und Perspektiven ausgewählter Häuser. Zentrale Bedeutung kam aber auch der Frage zu, was aus neuen Formen der Offenheit von Sammlungen, der Vernetzung von Information oder der Interaktion mit […]
  • Museen und Migration Diese neuen Themen zogen sowohl einen Perspektivenwechsel als auch eine Neuorientierung in der Museumsarbeit nach sich. Mit innovativen Projekten nähern sich immer mehr Museen dem Thema Migration.   Auffallend ist, dass seit einigen Jahren das Thema der Migration eine […]
  • Digitale Kultur – gemeinsame Berührungspunkte Seit mehr als zehn Jahren liegt nun die Gründung der Museumsakademie zurück. Die Museumsakademie, die institutionell am Universalmuseum Joanneum verankert ist, diskutiert in gemeinsamen Workshops, Arbeitstagungen, Führungen etc. zentrale Fragen von Museumskonzepten und […]
  • Die Zeit in der Jugendgruppe Dem Schritt in die Praxis – dem tatsächlichen Konzipieren einer Ausstellung – gingen zahlreiche theoretische Überlegungen voraus. Denn bis wir uns für ein spezielles Konzept entschieden hatten, haben wir lange überlegt,  es wurden zahlreiche Ideen geprüft und vieles wieder […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>